Kein Babyspeck, sondern Risiko für Körper und Seele

Von: Christina Merkelbach
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Ohne Sport geht es nicht: Bewegungsmangel ist einer von vielen Faktoren, der bei Kindern zu Übergewicht oder sogar Fettleibigkeit führen kann. Das Foto zeigt Teilnehmer eines speziellen Programms, wie es sie in ganz Deutschland gibt. Foto: dpa

Aachen. Burger, Pommes, Limonade und zum Nachtisch ein großes Eis mit Schokosoße. Noch vor ein paar Monaten ging Alan Mohamad mehrmals im Monat mit seinen Freunden ins Fast-Food-Restaurant. Er konnte auch nicht Nein sagen, wenn seine Mutter ihm beim Mittagessen den Teller ein weiteres Mal füllen wollte.

„Inzwischen sage ich aber, wenn ich satt bin, und das akzeptiert sie dann auch“, erklärt Alan. Er ist 15 Jahre alt und möchte nicht mit Foto in der Zeitung stehen. In seinem Leben hat sich in den vergangenen Monaten einiges geändert. Er fühlt sich fitter und gesünder. Stark übergewichtig war er zwar nicht, aber auf dem besten Weg dorthin. Sein Arzt, der Aachener Kinder- und Jugendmediziner Michael Dreuw, hat das erkannt und Alan vorgeschlagen, an dem Ernährungs- und Bewegungskurs „Leichter – aktiver – gesünder“ teilzunehmen.

In Deutschland ist die Zahl der übergewichtigen Minderjährigen in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent gestiegen. Die Zahl der Fettleibigen in dieser Altersklasse hat sich sogar verdoppelt. Das geht aus einer Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (Kiggs) hervor. Demnach gelten etwa 16 Prozent zwischen drei und 17 Jahren als übergewichtig – das sind rund 1,9 Millionen. 6,3 Prozent beziehungsweise rund 800 000 fallen in die Kategorie fettleibig – adipös lautet der Fachbegriff. Richtlinie dafür, wann ein Kind zu dick ist, ist wie bei Erwachsenen der sogenannte Body-Mass-Index (BMI). Während der Grenzwert bei Erwachsenen mit einem BMI von 25 fix ist, variiert er bei Kindern altersabhängig.

Hänselei und Ausgrenzung

Was vor allem bei kleinen Kindern oft als Babyspeck abgetan wird, kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben: Bluthochdruck, Gelenk- und Rückenschäden, Schwierigkeiten beim Atmen und Diabetes Typ 2, früher fälschlicherweise Altersdiabetes genannt. Hinzu kommen seelische Erkrankungen, die durch Hänseleien und Ausgrenzung entstehen. Ein Teufelskreis: Wer gemobbt wird, zieht sich zurück, tröstet sich mit Kalorienbomben wie Schokolade und Chips und nimmt noch mehr zu. Das Risiko, auch als Erwachsener unter Übergewicht zu leiden, ist extrem groß.

Den Kurs „Leichter – aktiver – gesünder“ hat Michael Dreuw vor acht Jahren mit seinem Kollegen Wolfgang Kohler in Aachen etabliert. Entwickelt hat ihn die Konsensusgruppe Adipositasschulung im Jahr 2004, seither dient er zahlreichen Kursen in Deutschland als Grundlage. Alle Kinderärzte im Praxisnetzwerk für Kinder- und Jugendmedizin in der Städteregion Aachen informieren darüber. In 36 Stunden, die sich über ein halbes Jahr verteilen, wird den jeweils zehn bis zwölf Teilnehmern alles über gesunde Ernährung und Lebensweise vermittelt. Mehrere Fachleute arbeiten Hand in Hand. Der Arzt des Vertrauens betreut die Teilnehmer in gesundheitlichen Fragen. Eine Ernährungsberaterin erklärt, was gesundes Essen ist. Sie kocht auch einfache Gerichte mit den Kindern, die sie zu Hause selbst zubereiten können. Alan gefallen besonders die vegetarischen Tacos und der Gemüsewrap. „Beides hat auch meiner Familie gut geschmeckt.“ Was er zudem gelernt hat ist, dass regelmäßige Mahlzeiten Heißhungerattacken erst gar nicht aufkommen lassen.

Eine Psychologin hilft den Kindern, sich zu motivieren, mit Zweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen umzugehen. Das seelische Leid ist oft groß. Er habe damit keine Probleme gehabt, sagt Alan. Allerdings gehöre er auch nicht zu denen im elfköpfigen Kurs, die die größten Gewichtsprobleme haben. „Es gibt ein Mädchen, die sehr, sehr dick ist. Da merkt man schon immer, dass sie sich schämt“, sagt er.

Sporttherapeuten sorgen für die notwendige Bewegung. Alle paar Wochen steht eine andere Sportart im Mittelpunkt. Nach den sechs Monaten muss sich jeder Teilnehmer für eine entscheiden. Einige Krankenkassen, darunter die AOK, übernehmen die Kosten für den Verein ein Jahr lang bis zur Höhe von maximal 150 Euro.

„Bewegung ist entscheidend“, sagt Michael Dreuw. Das zeige sich auch daran, dass mit der Einschulung das Gewicht vieler Kinder radikal steige. „Man sitzt in der Schule mehr als im Kindergarten, außerdem nimmt in dem Alter das Interesse an Computer und Fernsehen deutlich zu.“ Auch der Zusammenhang von TV-Konsum und Übergewicht ist wissenschaftlich erwiesen. Schaut ein Grundschulkind mehr als fünf Stunden pro Tag, liegt sein Risiko für Gewichtsprobleme bei 15 Prozent. „Vor den Geräten werden dann auch noch gerne kalorienhaltige Snacks verzehrt. Das alles schlägt sich in Pfunden nieder.“

Oft fragen Eltern Michael Dreuw nach einer Kur oder Reha-Maßnahme für ihren übergewichtigen Sprössling. Dann winkt der Arzt ab. „Es ist erwiesen, dass nur ein paar Wochen Kur-Aufenthalt nichts bringen. Ganz schnell setzt ein Jojo-Effekt ein. Es geht ja darum, die Lebensumstände zu Hause zu verändern, also die ganze Familie mitzunehmen.“ Ein Vorteil seines Programms sei, dass die Teilnehmer in ihrer gewohnten Umgebung bleiben, sagt Michael Dreuw. Die Erfolgsquote von „Leichter – aktiver – gesünder“ schätzt er auf rund 60 Prozent. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Oft reichen Kleinigkeiten

Dass das familiäre Umfeld bei Kindern und Jugendlichen mit Gewichtsproblemen eine entscheidende Rolle spielt, zeigen zahlreiche Studien. Deshalb gehören auch Elternabende zum Kurs. „Den Eltern ist häufig gar nicht bewusst, dass es nur um Kleinigkeiten geht, die sie bei ihren Kindern verändern müssen. 15 Minuten Bewegung am Tag reichen schon, um 125 Kilojoule zu verbrauchen.“ Das entspricht in etwa einer Handvoll Weingummi.

Und wenn der Grund für das Übergewicht doch am Stoffwechsel liegt? Wenn eine Störung der Schilddrüse oder ein Syndrom dahinterstecken? „Das gibt es, ist aber in den seltensten Fällen so“, sagt Oberärztin Angeliki Pappas von der Uniklinik RWTH Aachen. In der „Hormonsprechstunde“ betreuen sie und ihre Kollegen zahlreiche junge Patienten mit Übergewicht und suchen nach Gründen dafür. Auch dort bestätigt sich das Ergebnis der Kiggs-Studie: Immer mehr Kinder und Jugendliche haben Gewichtsprobleme und leiden unter Folgekrankheiten. „Die Zahl unserer Patienten mit Diabetes Typ 2 steigt“, sagt Kinderärztin Anja Sprünken. Der erhöhte Blutzuckerspiegel schädigt Blutgefäße, Nerven und Organe. Das Risiko wächst, Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.

„Es zeigt sich immer wieder, dass es nicht eine einzige Ursache für Übergewicht bei Kindern gibt, sondern viele Faktoren eine Rolle spielen“, sagt Anja Sprünken. So sei neben den wichtigen Gründen Bewegungsmangel sowie Ess- und Kochgewohnheiten in der Familie bekannt, dass Stillen ein Schutzfaktor sein kann. „Wer als Kind gestillt wurde, hat ein 35 Prozent geringeres Risiko für Übergewicht im Kindesalter “, erklärt Angeliki Pappas.

Mit großer Sorge sehen die Ärztinnen, was in Supermarktregalen liegt. „In Deutschland gibt es zwar keine hungernden Kinder, aber die Ernährung ist in vielen Fällen eben nicht optimal“, sagt Anja Sprünken. Erbanlagen und der Anteil der Hormonerkrankungen hätten sich in 30 Jahren kaum verändert, dafür aber die Art der Nährstoffverteilung. „Die Kaloriendichte ist stark gestiegen. Es gibt immer mehr zucker- und fetthaltige Lebensmittel in attraktiven Verpackungen.“ Es seien vor allem sogenannte sozial schwache Familien, die nach diesen Lebensmitteln greifen. „Energiereiche Ernährung ist oft billiger. Eine Packung weißes Toastbrot landet dann eben schneller im Einkaufskorb als ein Vollkornbrot.“ Leider seien gerade diese Familien schwer zu erreichen, selbst wenn die Eltern mit in die Sprechstunde kommen. „Häufig ist mindestens ein Elternteil selbst übergewichtig und auch diesen Eltern fällt es schwer, Lebensgewohnheiten zu ändern. Das macht es noch mühsamer, präventiv anzusetzen.“

Aus dem Gewicht herauswachsen

Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie schlug Ende vergangenen Jahres Alarm, dass Hunderte Kinder und Jugendliche in Deutschland so dick seien, dass nur eine Magenverkleinerung ihnen helfen konnte – Tendenz steigend. „Solche Fälle gab es bisher am Klinikum noch nicht“, sagt Angeliki Pappas. Michael Dreuw warnt davor, sich allzu sehr auf vermeintlich spektakuläre Fälle zu stürzen. „Dass Kinder und Jugendliche wegen Gewichtsproblemen operiert werden, sollte die absolute Ausnahme bleiben. Es gibt die Leitlinie, dass sie aus ihrem Gewicht herauswachsen sollen.“ Es gehe dann darum, das Gewicht zu halten und durch Wachstum aus- oder anzugleichen.

Stark übergewichtige Minderjährige mit Folgeerkrankungen müssten eventuell auch abnehmen. Gleiches gelte für ältere Jugendliche, die nicht mehr so viel wachsen. Sei Abnehmen das Ziel, dann allerdings nur in sehr geringen Raten. Die Richtlinie liege bei 500 Gramm im Monat.

Alan Mohamads Kurs endet bald. Danach möchte er in einem Verein Kampfsport machen. Ab und zu gönnt er sich noch einen Besuch mit Freunden im Fast-Food-Restaurant. „Aber so richtig gut schmeckt mir das gar nicht mehr. Ich weiß jetzt, wie ungesund es ist“, sagt er.

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