Katholische Hochschule: Flüchtlingsfrage bleibt ein Schwerpunkt

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Für die Zukunft gerüstet: Die Katholische Hochschule NRW hat an ihrem Standort Aachen zurzeit rund 1000 Studenten – die Zahlen steigen. Nach einer vierjährigen Umbauphase ist man nun auf dem modernsten Stand. Foto: Michael Jaspers
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Viele Pläne: Dekanin Ute Antonia Lammel (v.li.), Prodekanin Petra Ganß und Prodekan Martin Spetsmann-Kunkel bilden seit 2015 das Leitungsteam. Foto: Kathrin Albrecht

Aachen. Der Staub hat sich gelegt. Pünktlich zum Semesterstart sind die vierjährigen Umbauarbeiten am Aachener Standort der Katholischen Hochschule NRW beendet. Als Architekt Rudolf Schwarz 1929/30 das Gebäude für die damalige Soziale Frauenschule entwarf, wollte er einen Ort schaffen, der der Welt zugewandt ist und gleichzeitig ein familiäres Lernumfeld ermöglicht.

Rund 1000 Studenten bilden sich in sechs Studiengängen in verschiedenen Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesens aus. An der KatHO ist die Zahl der Studenten in den vergangenen fünf Jahren erheblich gestiegen. Unsere Mitarbeiterin Kathrin Albrecht sprach mit Dekanin Professor Ute Antonia Lammel, der Prodekanin Professor Petra Ganß und dem Prodekan Professor Martin Spetsmann-Kunkel über die Herausforderung, die Qualität von Lehre und Forschung am Standort Aachen zu sichern.

An der KatHO sind gerade die Einführungswochen für Studienanfänger zu Ende gegangen. Was wollen Sie den Studierenden in den kommenden drei Jahren vermitteln?

Lammel: Soziale Arbeit ist zum einen höchstpersönlich und zum anderen politisch und gesellschaftlich gefragt. Das ist das Spannungsfeld, das auch unsere Studiengänge bedienen müssen. Wir sind in vielen Feldern des Sozial- und Gesundheitswesens tätig, in der Regel zusammen mit anderen Berufsgruppen. Im klinisch-therapeutischen Bereich sind das zum Beispiel Psychologie, Medizin oder Pädagogik. Der noch relative junge akademische Beruf Soziale Arbeit muss, obwohl Sozialarbeiter den Hauptteil der Arbeit in den Institutionen leisten, vieler Orts noch um Wertschätzung und angemessene Entlohnung kämpfen. Ich denke, dass wir es in den letzten Jahren geschafft haben, auch mit der Einführung unserer Masterstudiengänge seit 2008, das Image der Sozialen Arbeit in der Gesellschaft positiv zu verändern.

Inwiefern?

Lammel: Das Studium „Soziale Arbeit“ ist extrem nachgefragt, was die Bewerberzahlen zeigen. Das hat sich auf einem hohen Niveau etabliert. Das Studium an der Abteilung Aachen der KatHO NRW ist offensichtlich sehr attraktiv, was vielleicht auch mit dem hervorragenden Platz im Hochschulranking zusammen hängt und auch mit den sehr guten Arbeitsmarktchancen unserer Absolventen und Absolventinnen.

Spetsmann-Kunkel: Die Relevanz von sozialer Arbeit wird im Moment gut ersichtlich, wenn man sich die aktuelle Flüchtlingsthematik anschaut. Da wird überdeutlich, dass neben der politischen Steuerung dessen, was da geschieht, es Arbeitsfelder gibt, wo überwiegend die professionelle soziale Arbeit gefragt ist. Dort spiegelt sich auch die Bandbreite unserer Masterstudiengänge „Klinisch-therapeutische Arbeit“ und „Bildung und Integration“ wieder: Wir stehen sowohl vor der Herausforderung, mit traumatisierten Flüchtlingen zu arbeiten, als auch die Integration vor Ort zu organisieren, die Menschen mit den Anwohnern des Stadtteils, in der sich die Unterkunft befindet, zusammenzubringen und Bildungsangebote zu schaffen.

Wie sieht der aus?

Spetsmann-Kunkel: Zum einen ganz konkret, wenn ich mich für Integrationsarbeit engagiere, setze ich ein Zeichen gegen jede Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit. Zum anderen muss sich die Soziale Arbeit in die aktuelle politische Debatte einmischen, die versucht zwischen Flüchtlingen im Hinblick auf ihre Berechtigung auf Asyl zu differenzieren und tendenziell wieder auf Abschiebung und Abschottung setzt.

Ganß: Soziale Arbeit muss sich einmischen und positionieren, gegen Rassismus aber auch in Hinblick auf andere sozialpolitische Fragen. Wir sind Expertinnen und Experten für das Soziale und ergreifen Partei für Menschen, die sozial benachteiligt sind.

Was ist das Besondere an der Ausbildung hier in Aachen?

Lammel: Für unser Studium ist es wichtig, Forschung und Praxis miteinander zu verbinden und die soziale Arbeit weiter zu entwickeln. Ich denke, das ist das Profil, das wir uns in Aachen in den vergangenen 30 Jahren erarbeitet haben. Wir pflegen eine intensive Zusammenarbeit mit allen Praxiseinrichtungen der Stadt und Region Aachen. Seit 15 Jahren führen wir einen Praxis- und Begegnungstag durch, wo wir Kontakte zwischen Studenten und den Institutionen ermöglichen.

Spetsmann-Kunkel: Das reizvolle an der Forschung hier ist zum einen die Interdisziplinarität im Hinblick auf die verschiedenen methodischen Ansätze und wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Nachbardisziplinen. Aber zum anderen hat die soziale Arbeit doch sehr eigene Fragestellungen und eine andere Form von Praxis- und Anwendungsorientierung.

Ganß: Ich würde sagen, dass auch die Lehr- und Lernatmosphäre hier an unserer Aachener Abteilung eine Besondere ist. Es gibt einen guten Kontakt und regen Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden. Das ist nicht selbstverständlich.

Sie haben in den vergangenen Jahren viel für die Professionalisierung des Studiengangs „Sozialen Arbeit“ getan und arbeiten auch weiter daran. Wo gibt es aus Ihrer Sicht noch Probleme?

Lammel: Wir haben es an der Debatte um die Besoldung der Erzieherinnen gesehen, dass pädagogische, beratende und therapeutische Arbeit nicht die Anerkennung in der Gesellschaft erfährt, die sie verdient. Das betrifft auch die soziale Arbeit. Soziale Arbeit beschäftigt sich überwiegend mit sozial benachteiligten Menschen, die meist am Rande der Gesellschaft leben und deren Teilhabechancen erschwert sind. Somit wird sie auch mit Randgruppen, die keine Lobby haben, identifiziert.

Dabei wird leicht übersehen, wie sehr wir bei der Bewältigung der grundlegenden gesellschaftlichen Herausforderungen engagiert sind, zum Beispiel in der Familienhilfe. Familien sind heute oft mit den Anforderungen in der Kindererziehung oder bei der Gestaltung ihrer Partnerschaft überfordert und brauchen Unterstützung. Auch bei der Vorbeugung und Behandlung von psychischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen spielt die Soziale Arbeit eine große Rolle. Das Studium der Sozialen Arbeit ist dabei anspruchsvoll. Über die Vermittlung von theoretischem Wissen hinaus bereiten wir unsere Studierenden durch Selbstreflexionsangebote und Supervision auf die großen Herausforderungen in der Praxis vor. So etwas kennen andere Studiengänge gar nicht.

Spetsmann-Kunkel: Es braucht meiner Meinung nach ein Verständnis außerhalb der Hochschule, was gute professionelle Arbeit bedeutet. Ich komme aus der Jugendarbeit und kenne die Diskussionen, ob es einen Sozialarbeiter überhaupt braucht oder ob dies nicht auch Ehrenamtliche leisten können.

Ganß: Es gibt schon lange die Tendenz, ehrenamtliches Engagement als kostengünstige Alternative für wegbrechende soziale Grundversorgung zu betrachten. Dies gefährdet die Qualität sozialer Leistungen. Wenngleich das Ehrenamt in vielen Bereichen unverzichtbar ist, so kann es professionelle Soziale Arbeit nicht ersetzen. Ebenso problematisch sind die fortgesetzten Kürzungen im Sozialen Bereich. Das geht zu Lasten der Klientinnen und Klienten, zu Lasten der professionellen Arbeitskräfte, aber vor allem und letztlich zu Lasten der Gesellschaft.

Wie sieht es in anderen Bereichen aus und was ist da gefragt?

Lammel: Ich sehe eine weitere Herausforderung in der Begleitung der heranwachsenden Generationen. Es gibt ja die Wahrnehmung, dass wir in Zukunft älter, bunter und weniger werden. Wir sehen mit Sorge, dass bei 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine hohe psychische Belastung, Verhaltensauffälligkeiten oder Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten zu beobachten sind. Auch in der Shell-Studie, die insgesamt ein optimistisches Bild der Jugend zeichnet, gibt es Hinweise, dass wir unterschiedliche Teilhabechancen haben.

Die Umbauphase ist beendet, räumlich ist die Hochschule an die gestiegenen Studentenzahlen angepasst. Wie wird sich das Studium inhaltlich verändern?

Lammel: Die Flüchtlingsarbeit wird neben den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft eines der großen Zukunftsthemen sein und es stellt sich die Frage, was wir konkret als Hochschule tun können. Geklärt wird aktuell die Hochschulzugangsberechtigung für Flüchtlinge, notwendige Vorbereitungs- und Begleitangebote werden entwickelt. Dann stellt sich auch die Frage, inwiefern wir unsere Lehrinhalte an die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft anpassen müssen. Wir haben es mit der ersten Generation der Digital Natives zu tun, die lieber am Bildschirm als in der Vorlesung studieren wollen. Im Fachbereich „Soziale Arbeit“ geht es aber um direkte Kommunikation. Unsere Hochschule muss Übungsraum für Kommunikation sein, in dem Zusammenarbeit große Bedeutung hat.

Ganß: Zudem ist die Digitalisierung der Alltags- und Lebenswelt längst gesellschaftliche Realität. Ein Leben ohne Smartphone ist für die meisten Heranwachsenden nicht mehr vorstellbar. Die Grenzen zwischen Off- und Online verschwimmend zunehmend. Diese Entwicklungen stellen die Soziale Arbeit und damit auch uns als Hochschule vor neue Herausforderungen. Wir müssen uns mit den digitalen Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen befassen und auch mit sozialen Ungleichheiten, die sich darin abzeichnen. Wie können wir Medien- und Internet-Kompetenzen fördern? Wie lassen sich digitale Medien in der Ausbildung und Praxis unterstützend einsetzen.

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