Düsseldorf/Selfkant - Kataster soll das Gülle-Problem lösen

Kataster soll das Gülle-Problem lösen

Von: Michael Evers und André Schaefer
Letzte Aktualisierung:
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Da fliegt der Mist: Ein Güllewagen im Einsatz. Ein neues Kataster soll die Kontrolle ermöglichen, auf welchen Feldern in NRW wie viel Dünger landet. Foto: dpa

Düsseldorf/Selfkant. Wenn die Landwirte den Mist ihrer Tiere auf die Felder fahren, stinkt es oft zum Himmel. Dies aber ist das kleinere Problem, das von der Gülle ausgeht. In den 80er Jahren wurde das freiwerdende Ammoniak mitverantwortlich gemacht für sauren Regen und Waldsterben.

Dank moderner Düngetechnik, die die Gülle direkt in den Boden einbringt, wurden die Treibhausgasemissionen inzwischen deutlich verringert. Im Grundwasser aber führt die Düngung weiterhin zu einer überhöhten Nitratbelastung in Landstrichen mit viel Viehhaltung. Deutschland droht deshalb Ungemach von der EU. Die besonders betroffenen Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen steuern jetzt mit einem sogenannten Güllekataster gegen.

„Das neue Meldesystem ist verpflichtend für alle Landwirte, die Gülle außerhalb ihres Hofes verbringen“, erklärt der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Düsseldorf, Wilhelm Deitermann. Die Datenbank erfasse, welcher Landwirt wie viele Tiere besitze und wohin er Gülle transportiere.

Außer auf Feldern am viehreichen Niederrhein und im Münsterland landet der Mist bei Bauern in Regionen mit weniger Tierhaltung, wo er als Dünger sehr begehrt ist. Dies sei ein gesunder Kreislauf, betonen die Landwirte. Dennoch werden seit Jahren in Boden und Wasser örtlich erhöhte Werte an Nitrat gemessen. Dies wird im Körper in Nitrit umgewandelt und soll krebserregend sein.

Während es in den übrigen Bundesländern keine Probleme mit einem Zuviel an Gülle gibt, plagen NRW und Niedersachsen zusätzlich Importe aus den Niederlanden. Im Nachbarland, wo die Regeln zu Jahresbeginn erneut verschärft wurde, gibt es einen Überschuss an Gülle, der Export am besten nicht allzu weit über die Grenze ist wichtig für das Agrarland. Nach den aktuellsten Zahlen der Landwirtschaftskammer landen 20 Prozent der Gülleexporte aus den Niederlanden im Kreis Heinsberg – insgesamt über 270.000 Tonnen. Nirgendwo ist die Zahl höher als dort.

Der Versuch von NRW, die Einfuhr zu begrenzen, scheiterte 2011 vor Gericht. Inzwischen kooperieren NRW und Niedersachsen mit den Niederländern und haben Einblick in deren akribische Buchführung. Mit mehr Kontrolle ist die Hoffnung nun, das Nitratproblem auch in Deutschland in den Griff zu bekommen.

Wie groß das Problem von Ni­trat im Grundwasser ist, hat eine Analyse von 26 privat genutzten Brunnen im Raum Selfkant und Gangelt im vorigen Jahr gezeigt: In fast drei Viertel der Proben lag die Nitratkonzentration zum Teil erheblich oberhalb des Grenzwertes für Trinkwasser von 50 Milligram pro Liter. In zwei Brunnen wurde die dreifache Menge des zulässigen Grenzwertes gemessen, in vielen war mindestens die doppelte Menge.

Da die Brunnenbesitzer das Wasser selten trinken, halten sie das Problem nicht für so groß. Ein Experte warnte aber schon im vorigen Jahr die Brunnenbenutzer, dass einzelne Gemüsesorten wie Salat, Rote Beete, Radieschen oder Spinat besonders viel Nitrat aufnehmen, wenn im Boden hohe Nitratkonzentrationen vorhanden sind. Das zusätzliche Nitrat im Gießwasser erhöhe diese Aufnahme zusätzlich.

Bislang oft ausgesprochen, aber nicht bewiesen ist der Verdacht, dass Landwirte etwa im Emsland oder Münsterland teils mehr Gülle auf die Felder kippen, als erlaubt. In NRW sollen die Daten der im vergangenen Frühjahr gestarteten Datenerfassung Mitte 2014 erstmals ausgewertet werden. „Das Kataster werden wir dafür nutzen, Indizien zu finden, wo etwas nicht richtig läuft“, sagt Deitermann.

Dies ist dringend nötig, denn die EU-Kommission droht Deutschland mit einem Vertragsverletzungsverfahren, weil es nicht genug für die Gewässerqualität tut. Der Deutsche Bauernverband hält dies für ungerechtfertigt und sagt, die schlechten Nitratwerte stammten ausschließlich von Problemstandorten, womit generelle Aussagen über die Wasserqualität in Deutschland unmöglich seien. Derweil arbeitet das Bundeslandwirtschaftsministerium an einer Novellierung der Düngeverordnung, um die EG-Nitratrichtlinie umzusetzen. Ziel sei eine Anpassung der Regelung bis Jahresende, sagte eine Sprecherin.

„Die rheinischen Landwirte stehen der Dokumentation neutral gegenüber“, heißt es zu dem Mehr an Bürokratie von der Sprecherin des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes, Andrea Bahrenberg. Die Hoffnung sei, dass mit dem Dokumentationsaufwand Transparenz und in der Bevölkerung Vertrauen geschaffen werde, dass sich der Landwirt an das Gesetz halte. Um die Vermittlung von Gülle in Ackerbauregionen zu verbessern, hätten die Landwirte eine Börse auf den Weg gebracht, ähnliches gibt es auch in Niedersachsen.

Dort ist es den Landwirten gelungen, sich gegen eine zusätzliche Datenerfassung zu wehren. Der Landesbauernverband versicherte Landwirtschaftsminister Christian Meyer in der vergangenen Woche, auf datenschutzrechtliche Bedenken zu verzichten. Dabei geht es dem Grünen Ressortchef erklärtermaßen um mehr als den Schutz von Grundwasser und Böden: „Es bleibt unser politisches Ziel, keine weitere Massentierhaltung insbesondere in den viehdichten Regionen mehr zu fördern.“

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