Karussell und Geisterbahn: Werden die Schausteller Kulturerbe?

Von: Sabine Rother
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Klassiker auf Volksfest und Kirmes: Das Kettenkarussell hat nichts von seinem Reiz verloren. Damit der Spaß sicher bleibt, werden höchste Sicherheitsstandards verlangt. Auch sie werden beim Delegiertentreffen vom 13. bis 15. Januar in Aachen diskutiert. Foto: stock/Stefan M. Prague
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Albert Ritter ist der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes. Foto: stock/biky

Aachen. Ob Münchner Wiesn, Cranger Kirmes, Hamburger Dom, Cannstatter Wasen oder Dürener Annakirmes und Öcher Bend – der Essener Schausteller Albert Ritter kennt sie alle. Seit 2003 ist er Präsident des Deutschen Schaustellerbundes und damit kritische Stimme für 4200 Schaustellerbetriebe mit über 40.000 Arbeitnehmern.

Das jährliche Delegiertentreffen findet diesmal vom 13. bis 15. Januar 2015 im Aachener Eurogress statt. Auftakt ist eine Großkundgebung mit Delegierten aus 90 Regionalverbänden und den unterschiedlichen Fachbereichen des Schaustellergewerbes, Gästen aus Politik, Verwaltung und Verbandswesen. Auch Andrea Nahles (SPD), Bundesministerin für Arbeit und Soziales, wird erwartet. Wir sprachen mit Albert Ritter über aktuelle Probleme und Sorgen, Traditionen und Projekte.

Was sind zurzeit die größten Problem für Schausteller?

Ritter: Das sind die Umweltzonen-Regelungen. Wenn zum Beispiel eine Geisterbahn aufgebaut wird, müssen schwere Zugfahrzeuge her, die dann die Aufbauten zum Platz bringen. Manchmal geht es nur wenige Hundert Meter durch Umweltzonen, für die wir aber keine Grüne Plakette erhalten, weil die Fahrzeuge zwar funktionstüchtig, aber alt sind. Sollen wir sie deshalb verschrotten? Ein anderes Problem sind marode Brücken. Deshalb müssen wir häufig enorme Umwege fahren.

Ist der Beruf des Schaustellers eigentlich noch zeitgemäß in multimedialen Zeiten?

Ritter: Unbedingt. Seit 1200 Jahren gibt es Schausteller und Volksfeste. Es wird uns auch weiterhin geben. Wir haben Anfang des Jahres bei der Unesco den Antrag gestellt, als immaterielles Kulturerbe anerkannt zu werden. Die geforderte lebendige Weitergabe einer Tradition findet bei uns schließlich statt.

Welchen Stellenwert hat der Deutsche Schaustellerbund national und international?

Ritter: Er ist der weltgrößte Schaustellerverband. Unsere Mitglieder sind auf 2500 Weihnachtsmärkten und 10 000 Volksfesten vertreten. Mit dem Produktnamen „Old German Christmas Market“ und den entsprechenden Unternehmen sind wir international unterwegs, das liebt man sogar in Chicago.

Wie schaffen Sie es, ein eigenes Geschäft zu führen und zugleich für die Mitglieder aktiv zu sein?

Ritter: Die Präsidentschaft ist ein reines Ehrenamt, da muss man schon gut organisiert sein, aber zum Glück sind meine Kinder bereits im Einsatz. In Zeiten von Mobiltelefonen und Facebook ist das kein Problem mehr. Früher erhielt ich gar nicht selten am jeweiligen Standort die Nachricht, dass ich zu einer bestimmten Uhrzeit in der dortigen Dorfkneipe sein sollte, weil dann ein Telefonanruf für mich kommen würde.

Die Einnahmen der Schausteller hängen davon ab, ob Besucher kommen und Geld ausgeben. Wie sieht es damit aus?

Ritter: Im Ruhrgebiet, wo ich zu Hause bin, frage ich mich natürlich, wo der bürgerliche Mittelstand ist. Die Arbeitslosigkeit spüren wir sehr. Wir müssen mit unseren Geschäften Ü50-tauglich sein, also an die reifere Generation denken. Die Gastronomie funktioniert nur, wenn es eine gute Aufenthaltsqualität gibt. Ein Klassiker bleibt das Kinderkarussell. Was wir auf keinen Fall wollen, sind Sauffeste oder eine „Verballermannisierung“.

Wie kommen Sie mit den Städten und deren Vergaberichtlinien bei Volksfesten zurecht?

Ritter: Das ist sehr unterschiedlich. In Mainz wurden wir kürzlich alle aus dem Programm geworfen, weil ein neuer Dezernent einen reinen Ökomarkt wollte. Da gab es einen Sturm der Entrüstung bei den Schaustellern und bei den Besuchern. Zum Glück konnten wir einen Kompromiss finden.

Was muss ein Schausteller tun, um auf einer Kirmes oder einem Weihnachtsmarkt sein Geschäft aufbauen zu können?

Ritter: Zu jeder Veranstaltung gibt es jedes Mal ein neues Ausschreibungsverfahren. Wenn etwas in einem Ort gut angekommen ist, hat man dennoch keine Garantie, im nächsten Jahr wieder dabei zu sein. Wir tragen ein hohes Risiko, deshalb ist Akquise enorm wichtig.

Herrscht ein großer Konkurrenzdruck?

Ritter: Die Konkurrenz ist groß. Ich halte jedoch nichts von Kannibalismus, davon, einander zu schaden.

Gibt es da Verbesserungsideen?

Ritter: Der Bewertungsbogen der Gewerbeordnung richtet sich nach bestimmten festgelegten Vergaberichtlinien. Vor diesem Hintergrund liegt mir sehr daran, die Rubrik „Bekannt und bewährt“ aufzuwerten. Auch ein Bonus für einheimische Unternehmen mit Sonderpunkten, zum Beispiel für Volksfeste wie in München, wäre gut.

Was bedeutet ein Volksfest für die Kasse einer Stadt oder Gemeinde?

Ritter: Die Standgelder sind sehr hoch, je nach Kirmes kann das eine Million Euro in die Kasse einer Stadt bringen. Wir müssen für sehr viele Dinge zahlen – etwa für die Sonderbusse zum Platz, Zu- und Abwasser, natürlich für den Strom, sogar die Besen der Stadtreinigung, die in dieser Zeit für Sauberkeit sorgten, werden aus unserem Etat bezahlt. Sogar die Miete für eine Sonder-Polizeiwache in der Nähe der Kirmes tragen wir.

Fühlen Sie sich manchmal diskriminiert?

Ritter: Ja, wenn ich etwa an den Strom denke. Schausteller müssen weit höhere Kilowatt-Stunden-Preise zahlen als andere Gewerbetreibende. So gibt es allein auf unserem Platz hier in Essen 80.000 Leuchtstellen. Wir haben einen Sternenhimmel, eine Krippe und eine Bühne, das ist sehr teuer. Oder ich denke an die Trinkwasserverordnung. In einem Bundesland muss der Schlauch blau sein, im anderen orangefarben. Wenn wir da etwas falsch machen, haben wir sofort ein Problem. Also müssen wir beides bei uns haben.

Wie sieht es mit der Sicherheit von Fahrgeschäften aus?

Ritter: Wir haben weltweit den höchsten Sicherheitsstandard. Die Landesbauämter der Bundesländer sind in der Verantwortung, Berufsgenossenschaften, Feuerwehren und TÜVs begutachten uns. Kontrolliert wird nicht nur die Statik der Bauten, wir müssen auch den G-Wert ermitteln, das ist der Druck, dem der Fahrgast etwa bei einer Achterbahnfahrt ausgesetzt ist.

In welchen Abständen müssen Genehmigungen erteilt werden?

Ritter: Fahrgeschäfte gelten als „technisch schwierige Bauten“, da erlischt jedes Jahr die Betriebsgenehmigung. Vor der jeweiligen Kirmes gibt es eine Gebrauchsabnahme. Selbst die Treppenstufen zu den Aufgängen werden untersucht. Bei den Karussellgondeln hat man den Belastungsdurchschnitt pro Person von bisher 100 Kilogramm auf 120 Kilogramm erhöht.

Das Karussell ist eines der ältesten Fahrgeschäfte und noch immer beliebt. Wie sieht es da aus?

Ritter: Karusselle, die älter als zwölf Jahre sind, unterliegen in Deutschland einer Sonderprüfung, an der zwölf Jahre lang 60 000 Experten gearbeitet haben. Aber bei einem wunderschönen Holzpferde-Karussell von 1884 gibt es Probleme, wenn man so einen Schatz auf die Norm umrüsten muss.

Gelten diese Vorschriften auch für Fahrgeschäfte in Freizeitparks?

Ritter: Da wird die Sache paradox. Bauten – und ein Karussell ist ein Gebäude –, die über 90 Tage lang an einer Stelle stehen, genießen Bestandsschutz, ihre Statik muss nicht dauernd neu berechnet werden. Sie werden nicht als „fliegende Bauten“ behandelt, wie unsere Fahrgeschäfte.

Gibt es im Schaustellergewerbe Moden oder zählen eher die Dauerbrenner?

Ritter: Schausteller waren immer fortschrittlich. Sie haben den Strom in die Welt gebracht, als man im Stall noch Laternen hatte. Hier gab es die ersten Kinematographen. Selbst der erste Kriminalfilm spielte 1920 im Schaustellermilieu, „Das Kabinett des Dr. Caligari“. Die Losbuden liebt man damals wie heute. Da kommen nicht die Zocker, sondern Leute, die gemeinsam Spaß haben und sich über kleine Gewinne freuen. Fortschrittlich sind wir auch, Lasereffekte sind selbstverständlich.

Die allgemeine und berufliche Bildung der Jugendlichen liegt Ihnen ganz besonders am Herzen. Was haben Sie da erreicht?

Ritter: Ich selbst habe die Reiseschule erlebt. Unsere Jugendlichen lernen schnell, sie haben ja eine intensive Lebensschule. Normalerweise müssen die Kinder dort in die Schule, wo die Familie gerade ist. Beim Wechsel von Schule zu Schule oder Klasse zu Klasse wurden bisher beständig die Bücher gewechselt. Jetzt darf der Schüler ein einziges Buch benutzen, und der Lehrer orientiert sich daran. Online gibt es beim „Bildungsnetz Förderung individuell“ das Programm „Lars“, „Lernen auf Reisen-Schule“, bei dem sich Lehrer und Schüler online treffen. Das funktioniert sehr gut.

Sie haben die Historische Gesellschaft Deutscher Schausteller gegründet. Wie sieht Ihr Fernziel aus?

Ritter: Auf lange Sicht wünschen wir uns ein festes Museum für jahrhundertealte historische Schaustellerexponate, aber es muss ein ein lebendes Museum sein. In der Bochumer Jahrhunderthalle gibt es ab 28. Februar 2015 einen historischen Jahrmarkt mit Fahrgeschäften, Kirmeswagen, Kirmesorgeln und mehr, da ist unsere Gesellschaft beteiligt.

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