Region - Karnevalsmuseum in Düren-Lendersdorf: Den Ritualen auf der Spur

Karnevalsmuseum in Düren-Lendersdorf: Den Ritualen auf der Spur

Von: Carsten Rose
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Jakob Loevenich (rechts) und Heribert Kaptain zeigen ihre stolze Sammlung von Fotobüchern. Eine Serie befasst sich mit der Grundsteinlegung der Dürener Stadthalle am Rosenmontag im Jahr 1954. Foto: Carsten Rose
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Originale Am Eingang begrüßen der Dürener Prinz Hans-Peter II. (Nießen) und Heinz-Josef Breuer alias Jungfrau Josi aus dem Kölner Dreigestirn die Besucher – beziehungsweise ihre Originalkostüme aus der Session 2006/07 tun es. Der Prinz ist in Düren bekannt, weil er damals auf einer echten Dampflok den Zug angeführt hat. „Wir bekommen noch ein Bauernkostüm von einem Prinzen der KG Ackerjonge Birkesdorf“, sagt Heribert Kaptain, „dann hätten wir quasi ein Dreigestirn, ohne dass es ein Dreigestirn ist.“ Hintergrund: Das traditionelle Kölner Dreigestirn besteht aus Prinz, Jungfrau und Bauer. Foto: Carsten Rose
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Vor etlichen Jahrzehnten standen keine Bands auf der Bühne – die Jecken haben gemeinsam mit Liederheft gesungen. Foto: Carsten Rose

Region. Wenn Heribert Kaptain ganz viel Zeit hätte, würde er sich vielleicht mit Block und Stift vor ein Gemälde von Pieter Breughel dem Älteren setzen. Breughel hat einige Dutzend Menschen auf einem mittelalterlichen Marktplatz versammelt, und über jeden, sagt Heribert Kaptain (63) mit einem leichten Seufzer, könnte man stundenlang reden.

Er zeigt exemplarisch auf einen dicken Mann, der eine Hauptfigur der Szenerie ist: Er wird auf einem Weinfass geschoben, eine Tischdecke ist sein Sattel, Töpfe dienen als Steigbügel, auf dem Kopf trägt er Vogelpastete, und seine Lanze dient als Bratspieß, auf den ein Schweinekopf gezogen ist.

„Das alles zeigt das Prassen“, sagt Kaptain, dessen Zeigefinger kurz darauf wenige Zentimeter nach rechts schweift und auf eine Frau deutet, die dem Mann gegenübersteht. „Die ist einfacher gehalten. Das ist die Frau Fasten im Büßergewand, mit Bienenkorb auf dem Kopf und Brotschaufel in der Hand. Sie steht für die Askese – also das Gegenteil vom Prassen.“

Diese kleine Szene ist der Auftakt einer kurzen Geschichtsstunde, die Heribert Kaptain in dem Fall im Jahr 1559 beginnt. Das Bild heißt „Der Kampf zwischen Prinz Karneval und Frau Fasten“, und es hängt neben der Eingangstür zum Dürener Karnevalsmuseum – es ist eines von Tausenden Dokumenten und Gegenständen, die das Brauchtum Karneval erklären und einordnen sollen.

Heribert Kaptain aus Kreuzau im Kreis Düren ist seit 2013 der Präsident des Regionalverbandes Düren (RvD) im Bund Deutscher Karneval. Der RvD führt im Keller des St.-Augustinus-Krankenhauses in Düren-Lendersdorf seit einem Jahr sein Museum über den Karneval in Deutschland, im Rheinland und insbesondere im Kreis Düren. „Wie hast Du mal so schön gesagt: Irgendwann wollen wir alle Facetten des Karnevals im Verbandsgebiet dargestellt haben“, sagt Jakob Loevenich, der RvD-Vize und verantwortlich für das Museum ist.

Seit der Eröffnung 1994 hat das Museum nach der Rentei in Niederzier und einem mittlerweile abgerissenen Teil des Lendersdorfer Krankenhauses jetzt im Südflügel bereits seine dritte Heimat gefunden. Als Loevenich seinen Kollegen an dessen Worte erinnert, sitzen beide kurz vor der Führung durch das 150-Quadratmeter-Museum im angeschlossenen Büro. Beide nennen es nur: „das Archiv“.

In roten, blauen und grünen Aktenordnern ist quasi das Fundament des Museums abgeheftet: Zeitungsberichte über Karnevalsveranstaltungen, Vereinsunterlagen, teilweise handgeschriebene Aufnahmeanträge in den RvD, Dokumente über den Verband selbst.

Das Aktenregal der roten Ordner für jede Karnevalsgesellschaft und die Berichte über sie besteht beispielsweise aus 25 Fächern mit jeweils sechs oder sieben prallvollen Ordnern. „Bestimmte Bräuche kommen in der Neuzeit abhanden oder werden vergessen, deswegen sammeln, erhalten und zeigen wir vor“, sagt Heribert Kaptain.

Das Inventar des Karnevalsmuseums beschränkt sich auf Nachlässe und Erinnerungen aus dem Dürener Raum. Sie stehen indes exemplarisch für die Entwicklung des Karnevals. Wenn der RvD-Präsident seine erklärende Runde durch das Museum zieht, betont er immer wieder, dass der Karneval keine homogene Geschichte habe, die irgendwann mal angefangen hat.

Das Brauchtum hätte sich aus vielen Ritualen entwickelt. Grundzüge seien zum Beispiel schon bei wilden Feiern der Römer an den Saturnalien, der Wintersonnenwende, zu erkennen gewesen, an denen selbst die Bediensteten teilhaben durften. „Hierarchien auf den Kopf stellen ist eine wichtige Facette“, erklärt Kaptain, der kurz darauf anführt, dass der erste Umzug in Köln, dem Vorreiter des Karnevals im Rheinland, auf das Jahr 1824 datiert wird.

Eine Zeichnung zeigt „Held Karneval“ in einem Wagen in Fischform – in Anlehnung an jenes wilde Römerfest, bei dem auch die Göttin der Flussschiffer eine wichtige Rolle gespielt hätte, erzählt Kaptain.

„Die Bonner dagegen sagen, dass der erste Karnevalszug bei ihnen stattgefunden hat“, sagt Heribert Kaptain, als er vor einem Gemälde von 1754 steht: Rousseaus „Bönnsches Ballstück“. Es zeigt einen Maskenball von Kurfürst Clemens August im Bonner Hoftheater für die gehobene Klasse und soll die erste bildliche Darstellung des rheinischen Karnevals sein. „Die Gäste sind mit Kutschen zurückgefahren und sollen die Essensreste zu den kleinen Bürgern am Straßenrand geworfen haben.“

1823 nennt der RvD-Präsident eine „magische Zahl“, denn damals wurde im Kölner Bayenturm das erste Festkomitee gegründet und der Karneval geordnet, nachdem die Preußen ab 1815 die Feierlichkeiten eingedämmt hätten, weil „sie mit den Auswüchsen weniger am Hut hatten“.

Wenn Kaptain die Geschichte über die Komitee-Gründung erzählt, hebt er hervor, dass eine gesellschaftlich wichtige Facette damals seinen Ursprung fand: der soziale Gedanke des Karnevals. Dieser drückt sich durch die sogenannten Zuggroschen aus, die während der Umzüge gesammelt und an die Ärmeren verteilt wurden.

Eine Handvoll Gemälde und zahlreiche Anekdoten sind das eine, Puppen und andere haptische Zeugnisse der heterogenen Karnevalsgeschichte das andere im Dürener Museum. Zwischen Vitrinen mit unzähligen Orden, Dokumenten und Fotos stehen einzelne Puppen mit verschiedenen Kostümen. Jedes veranschaulicht jeweils eine der etlichen Facetten, zu denen auch das Singen gehört.

Heribert Kaptain und Jakob Loevenich sind stolz auf einen hüfthohen massiven Holzschrank, aus denen sie ein Liedheft von 1935 hervorkramen. Es ist eins der wenigen Erinnerungstücke, das aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammt, denn weil Düren nahezu komplett in Schutt und Asche lag, stammt der Großteil des Museumsinventars aus der Nachkriegszeit.

Kaptain hält das Heft in der Hand und sagt süffisant: „Die Karnevalslieder kamen damals nicht von den Bläck Fööss oder den Höhnern, da stand keine Band auf der Bühne. Bei den Sitzungen hatte das Publikum diese Liederheftchen, und haben alle zusammen selbst gesungen.“

Auf den letzten Metern seiner Führung kommt Heribert Kaptain an einem Schrank vorbei mit mehr als zwei Meter hohen, schmalen ausziehbaren Wänden. „Unser Herzstück“, sagt er, „die Ordensammlung.“ An die 3500 Orden der verschiedenen Vereine und Gesellschaften hängen an den Wänden, noch einmal so viele würden im Lager liegen. Dazu kommen drei ausgewählte Einzelpersonen.

Zurück im „Ar-chiv“ sagt Heribert Kaptain, dass ihm die riesige Sammlung über alle Vereine im Kreis in seiner Position als RvD-Präsident besonders nützt: „Wenn ich Festreden halten muss, schnappe ich mir einfach einen Ordner über den jeweiligen Verein und kann nach Infos suchen.“

Und wenn das Museum die Karnevalsgeschichte weiterschreibt, dann werden auch diese Festreden den Weg in die Ausstellung finden. Als Zeitungsberichte. In einem der etlichen roten Aktenordner.

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