Karneval in Köln: Falsche Türken und jecke Unterwäsche

Von: Markus Peters, ddp
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1. Türkischer Karnevalsverein
Presse genarrt: Die angeblichen Gründungsmitglieder des 1. Türkischen Karnevalsvereins Deutschlands, Melek Cezmi (links) und Davut Yilmaz, zeigen auf einer Pressekonferenz in Köln ein Auto mit Schnurrbart. Foto: dpa

Köln. Ein schwarzer, schmuckloser Herren-Slip - das geht natürlich überhaupt nicht. Als die (männliche) Jungfrau des Kölner Dreigestirns Mitte Januar bei einem öffentlichen Auftritt übermütig mit ihrem Kleid wirbelte, ließ sie sich unter selbiges gucken - und erntete kritisches Stirnrunzeln in der Karnevalisten-Szene.

Was „ihre Lieblichkeit” drunter trägt, ist in Köln während der „fünften Jahreszeit” durchaus schlagzeilentauglich. Prompt musste der triste dunkle Baumwollschlüpfer einem echten weißen „Spetzebötzje” (Höschen mit Spitzen) weichen.

Auch in diesem Jahr mangelt es im rheinischen Karneval nicht an Affären und Aufregern, und nicht alle ließen sich so leicht beseitigen wie das Dessous-Defizit ihrer Tollität. In einigen Karnevalsvereinen gärte es heftig, und was in früheren Jahren dezent hinter den Kulissen ausgetragen wurde, wurde diesmal lustvoll an die Öffentlichkeit gebracht.

Als erste erwischte es die ehrwürdige Ostermann-Gesellschaft, die alljährlich die feierliche Karnevalseröffnung am „11.11.” in der Kölner Altstadt organisiert. Geplant war eine Palastrevolte gegen den Vorstand unter Präsident Peter Schmitz-Hellwing. Mitglieder aus dem Führungskreis der Gesellschaft hatten dem selbstbewussten Immobilienkaufmann Schmitz-Hellwing Beratungsresistenz und einen autoritären Führungsstil vorgeworfen.

Doch auf einer eigens einberufenen außerordentlichen Mitgliederversammlung fiel der Aufstand in sich zusammen. Der Abwahlantrag gegen den Vorstand wurde mit deutlicher Mehrheit abgelehnt.

Auch die Vorwürfe über angebliches Missmanagement und ein ungeklärtes Defizit in der Kasse lösten sich in Nichts auf. Die von unabhängigen Wirtschaftsprüfern unter die Lupe genommenen Kassenberichte der vergangenen Jahre wurden als vollkommen korrekt befunden.

Härter traf es die nicht minder traditionsreiche Nippeser Bürgerwehr, wegen ihrer orangefarbenen Uniformen auch „Appelsine-Funke” genannt. Hier gab Präsident Helmut Schmidt nach nur achtmonatiger Amtszeit auf, weil er sich von einigen Vereinsmitgliedern diffamiert fühlte. Auch ihm wurde ein undemokratischer Führungsstil und schlechtes Finanzmanagement vorgeworfen. Tatsächlich schleppt der Verein laut Angaben von Vorstandsmitgliedern seit Jahren ein fünfstelliges Minus mit sich, das jetzt schrittweise abgebaut werden soll.

Für Ärger in der Szene sorgt auch das in diesem Jahr erstmals durchgeführte Kölschfest. In einem dekorierten Großzelt am Kölner Südstadion können die kostümierten Gäste während der jecken Wochen ausgelassen feiern. Eine Live-Kapelle sorgt für Karnevalsmusik, eine klassische Sitzung mit Bühnenprogramm gibt es aber nicht. Viele Karnevalsvereine sehen in dem Festzelt eine Konkurrenz zu ihren Sitzungen und Bällen, die schon seit Jahren nicht mehr so gut besucht sind. Besonders sauer sind sie, dass die Veranstaltung, der sie „Ballermann-Niveau” attestieren, von einem früheren Kölner Karnevalsprinzen aufgezogen wird.

Womit man vom Niveau her gleich beim nächsten Aufreger wäre - in Gestalt einer freischaffenden Entkleidungskünstlerin namens „Cat”. Die junge Frau trat bislang in Diskotheken auf, wo sie im Kostüm eines Funkenmariechens ein Lied vortrug. Während dieses Vortrages macht sich „Cat” Stück um Stück frei, um schließlich zum Schlussrefrain ihres „Mariechen Songs” komplett hüllenlos auf der Bühne zu stehen. Damit hoffte sie offenbar auf Engagements bei den traditionell eher zotigen Herrensitzungen. Wenig begeistert zeigte man sich bei der höchsten Instanz kölschen Brauchtums, dem Festkomitee Kölner Karneval, dem allzu viel nackte Haut im „kölschen Fasteleer” missfällt.

Unerwartet fortschrittlich zeigte sich das gleiche Gremium hingegen bei einem absoluten Top-Ereignis der Session, der Prinzenproklamation, bei der das neue Dreigestirn feierlich in Amt und Würden erhoben wurde. Bei dem jecken Festakt durfte in diesem Jahr erstmals die Tanztruppe eines schwulen Karnevalsvereins auftreten - natürlich mit einem männlichen „Tanzmariechen”. Der Auftritt der muskulösen jungen Männer der „Stattgarde Colonia Ahoj” wurde zunächst kritisch beäugt und dann begeistert gefeiert.

Der größte Skandal der diesjährigen Karnevalssession kam dann auch von zwei Kölner Comedians, die mit dem spezifisch rheinischen Frohsinn eher wenig am Hut hatten. Als vermeintliche Funktionäre des angeblich ersten türkischen Karnevalsvereins in Deutschland forderten sie eine angemessene Migranten-Quote im „kölschen Fasteleer”. Alkoholexzesse und ungewolltes Grabschen sollen tabu sein, stattdessen könne das Kölner Dreigestirn aus Prinz, Bauer und Jungfrau um einen „Türken” erweitert werden.

Auf diese Weise würden endlich die rund zehn Prozent Kölner türkischer Herkunft angemessen am organisierten Karneval beteiligt, verkündete das jecke Duo im Januar vor rund 50 aus ganz Deutschland angereisten Journalisten. Die Vereinsgründung sorgte in Köln für zahlreiche Debatten. Unter anderem wurden die aktiven Mitglieder in verschiedenen Internet-Foren fremdenfeindlich beschimpft.

Am Rande der stark besuchten Pressekonferenz kamen allerdings schon erhebliche Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Vereinsgründer auf. So grüßten die Mitglieder statt mit „Alaaf” mit dem in Köln verpönten „Helau”. Auch kündigten sie an, mit dem Licht von Handy-Displays einen überdimensionalen Schnurrbart auf den Kölner Dom projizieren zu wollen. Einen Tag später stellte sich der Türkische Karnevalsverein als eine Erfindung für eine neue RTL-Satire-Sendung heraus.
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