Aachen/Brüssel - Karlspreis für Van Rompuy: Man sieht nur die im Lichte...

Karlspreis für Van Rompuy: Man sieht nur die im Lichte...

Von: Peter Pappert
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Europa! Nur dort / will ich dichten ein Haiku. / Passt auf und hört zu! Herman Van Rompuy erhält den Karlspreis 2014. Dass er gerne auf japanische Art Verse schreibt, spielt dabei keine Rolle. Foto: stock/Insidefoto

Aachen/Brüssel. Wenn in Brüssel die Scheinwerfer angehen, steht er im Schatten, und das Licht fällt auf jene, deren Geschäftsführer er ist. Für den bescheidenen Herrn interessieren sich Journalisten kaum. Aber dieser Herman Van Rompuy ist qua Amt prädestiniert als Karlspreisträger; der ständige Präsident des Europäischen Rates der Staats- und Regierungschefs personifiziert geradezu die Karlspreisidee.

Ihn mit der Aachener Medaille auszuzeichnen kann gar nicht falsch sein und wird doch in Stellungnahmen als überflüssig empfunden, wenn das in der hohen Politik am Wochenende auch niemand offen sagen wollte. Langweilig sei das – nach der Devise: Die Nacht ist dunkel, die Erde ist eine Kugel, Herman Van Rompuy ist ein guter Europäer.

„Effiziente Kärrnerarbeit“, Beharrlichkeit und Pragmatismus werden ihm nicht nur von den Karlspreis-Verantwortlichen bescheinigt. Der 66-Jährige steht für das Funktionieren Europas. Dass es funktioniert, ist erwünscht und nötig, wird häufig vernachlässigt. Ohne funktionierende EU können die europäischen Staaten ihre eigenen Probleme nicht lösen und global keine spürbare Rolle spielen. Also setzt Van Rompuy sich für die EU ein. Insofern hat er den Karlspreis verdient – sowieso, immer, automatisch.

Aber die EU funktioniert längst nicht so wie gewünscht und erforderlich. Demnach hat Van Rompuy nicht genug getan. Hätte er mehr getan, oder würde er mehr tun, wenn die Staats- und Regierungschefs ihn ließen? Der EU-Ratspräsident ist zu schwach. Ob das an ihm oder an den Chefs oder an der Konstruktion der europäischen Ämter und Aufgaben liegt, darüber könnte im Rahmen der Karlspreisverleihung 2014 diskutiert werden.

Dass er Europa „in der Welt ein Gesicht gegeben hat“, entspricht nicht der politischen Realität. Wenn es weltpolitisch wirklich wichtig wird, spricht Europa nach wie vor nicht mit einer, sondern mit vielen Stimmen; dann sehen sich Merkel, Hollande, Cameron und andere herausgefordert und nehmen sich das Wort. Dann steht Van Rompuy daneben und hat zu schweigen. Er ist nicht der bevorzugte Ansprechpartner der Staatslenker aus den USA, Russland oder China, weil seine Stimme eben nicht den Ausschlag gibt.

„Es ist die besondere Stärke Van Rompuys, Konsens herzustellen“, heißt es in der Begründung des Karlspreis-Direktoriums. Das ist in der EU mit 27 Mitgliedern nötiger denn je, es ist eine Arbeit eher im Verborgenen, die daher oft gering geschätzt wird. Die EU hat in den jüngsten Jahren wie nie zuvor in ihrer Geschichte immer neue hochkomplexe und auch hochexplosive Probleme lösen müssen, um den Euro, die Etats einzelner Mitgliedsländer und das Finanzsystem insgesamt zu sichern. Daran hat Ratspräsident Van Rompuy erheblichen Anteil.

Ab und zu erlaubt sich „der Mann der leisen Töne“ ein paar deutliche Akzente – vor einem Monat etwa in seiner „Berliner Rede“, in der er vor Nationalismus und zunehmenden populistischen Parolen wie „Armutstourismus“ und „Sozialdumping“ warnte: Es gebe in der EU nicht zu viel, sondern zu wenig Mobilität. Weniger als drei Prozent der EU-Bürger lebten in einem anderen Mitgliedsstaat und zahlten insgesamt erheblich mehr Steuern, als sie Sozialleistungen erhielten.

Mit weiterer Aufnahme von Flüchtlingen sieht Van Rompuy Europa keineswegs überfordert. Die reiche EU habe seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien 40 000 Flüchtlinge aufgenommen, die Türkei und die armen Staaten Jordanien und Libanon hingegen zwei Millionen. In der EU gebe es jedes Jahr nicht mehr als 300 000 Asylanträge, von denen ein Drittel anerkannt werde. Das heißt: Auf eine Million EU-Bürger kommen 200 Asylanten.

Van Rompuy, der Theologie, Philosophie und Betriebswirtschaft studiert hat, war in der Wissenschaft und Politik tätig – in hohen Ministerämtern, schließlich sogar knapp ein Jahr als belgischer Premierminister, bevor er 2009 seine Aufgabe als Präsident des Europäischen Rates übernahm. Seit Van Rompuy im Amt ist, wird er mit vielen Etiketten bedacht, von denen auch das Karlspreis-Direktorium einige nennt: „Mr. Nobody“, „der Unterschätzte“, „die Sphinx“, „wandelnder Vermittlungsausschuss“. Das ficht ihn nicht an; er bleibt still und diskret.

Seine Leidenschaft lebt er aus beim Dichten von Haikus – Dreizeiler in 17 Silben nach strenger japanischer Art.

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