Kann man die NSA austricksen? Antworten auf der Kryptoparty.

Von: Marc Heckert
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Sieht aus wie eine Vorlesung, ist aber eine Party: Rund 250 Aachener Informatikstudenten und andere Interessierte ließen sich jetzt bei einer Kryptoparty in die Geheimnisse der Datenverschlüsselung einführen. Foto: Heckert

Aachen. Für eine Party ist es bemerkenswert still im voll besetzten Hörsaal des Informatikzentrums der RWTH. Was hier abläuft, ist auf den ersten Blick kaum von einer normalen Vorlesung zu unterscheiden: Rund 250 Studentinnen und Studenten haben sich in die Klappsitzbänke gequetscht, vorne spricht ein Referent, auf den Tafeln über ihm prangen mathematische Formeln, die etwa mit h: {0,1} anfangen und dann noch erklecklich lange so weitergehen.

Nur die vielen sichtbaren Flaschen Club-Mate – das Kultgetränk der deutschen Hackerszene – verrät, dass das Publikum durchaus freiwillig im Saal sitzt. Es ist eine Kryptoparty – so heißen weltweit ehrenamtlich organisierte Treffen, bei denen die Verschlüsselung von Daten auf Computern und im Internet vermittelt wird, und zwar so unterhaltsam wie möglich.

PGP, VPN... und die NSA

Zugegeben, für einen völligen technischen Laien ist der Unterhaltungswert des guten Dutzends viertelstündiger Vorträge eher gering. Dafür sind sie zu dicht gespickt mit Abkürzungen wie PGP, VPN, OTR und HTTPS. Immer wieder werden aber auch Programme vorgestellt, die sich ohne vertiefte Fachkenntnisse nutzen lassen, etwa https Everywhere, das Internetverbindungen wo immer möglich verschlüsselt.

Drei Buchstaben kommen in besonderer Regelmäßigkeit vor: NSA. Die Enthüllungen des US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden über die Datensammelwut seines Ex-Arbeitgebers lassen kaum einen Informatiker kalt.

„Die NSA schneidet alles mit, was sie kriegen kann, unter anderem auch verschlüsselte Daten“, sagt etwa Referent Jakob Breier, der das Public-Key-Verschlüsselungsverfahren erläutert. Die Frage steht im Raum: Kann man Daten so codieren, dass kein Geheimdienst etwas damit anfangen kann? Dieser Abend soll einige Wege aufzeigen.

So ist das Publikum trotz der anspruchsvollen Materie voll dabei, und als ein Referent sich beim Kurs der künstlichen Währung Bitcoin zu echten Dollar vertut, korrigiert ihn der halbe Saal im Chor. Der Anteil der Nerds im Publikum – Verzeihung: Experten.

Sensibilität für Verschlüsselung wecken

Organisiert hat den Abend der Open-Source-Arbeitskreis (OSAK), dem Mitglieder der Fachschaft Mathematik/Physik/Informatik sowie der Aachener Linux User Group (ALUG) angehören. OSAK und ALUG sind Gruppen, die sich der Verbreitung freier Software verschrieben haben.

Warum eine Kryptoparty? „Unsere Zielsetzung ist, die Sensibilität für Verschlüsselung zu wecken und zu vermitteln, wie man sie einsetzt“, erklärt Mitorganisator Hinrikus Wolf. Sein Kommilitone Daniel Schulte ergänzt: „Da haben wir uns gedacht: Fangen wir mit den Studenten an.“ Angesprochen fühlen dürften sich aber nicht nur eingeschriebene Hochschulangehörige und Informatiker, sondern jeder, der sich für das Thema interessiert.

Lohnt sich die Mühe der Verschlüsselung überhaupt, wo Geheimdienste doch auch verschlüsselte Daten speichern? Gerade deswegen sei es wichtig, dass noch viel mehr Nutzer ihre Daten verschlüsselt übertragen, sagt Daniel Schulte: „Dadurch wird eine Art ,Grundrauschen' an verschlüsseltem Datenverkehr im Internet erzeugt.“ Darin fielen dann die verschlüsselten Daten zum Beispiel von Journalisten oder Bürgerrechtlern in Staaten, die es mit der Meinungsfreiheit nicht ganz so genau nehmen, nicht mehr auf. „So haben sie eine bessere Chance, ihre Arbeit zu tun.“

Nebenan geht es um Vertrauen

Und weil das Ganze ja eine reine Freizeitveranstaltung ist, hat der Spaß- und Vernetzungsfaktor in den Pausen doch noch seinen Platz. Die gratis bereitgestellten Vorräte an Knabbersachen und Hackerbrause, gestiftet vom Lehrstuhl Informatik 4 und Co-Referent Patrick Hof, Chef eines Aachener IT-Unternehmens, reduzieren sich alsbald.

In einem Nebenraum können sich derweil Interessierte für das Zertifizierungssystem CAcert registrieren. Es bietet ein Gütesiegel für Webprojekte – kostenlos, basierend auf persönlichen Kontakten und geprägt durch Vertrauen.

Persönlich und vertraulich: Auch in Zeiten von Geheimdiensten und Datensaugern leben sie also noch, die alten Offline-Werte. Irgendwie beruhigend.

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