Aachen - Kampf zu Ende: Becker gibt auf

Kampf zu Ende: Becker gibt auf

Von: Stephan Mohne
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Ein Bild, das bald historische
Ein Bild, das bald historischen Wert hat: Mit Becker wird die letzte Aachener Tuchfabrik geschlossen. 179 Menschen verlieren bis 30. September ihren Foto: Michael Jaspers

Aachen. Es war genau 13.28 Uhr am Donnerstag, als das Ende eines bedeutenden Teils der Aachener Geschichte per Pressemitteilung der Öffentlichkeit kundgetan wurde. Zwei Minuten später begann in Niederforstbach eine Betriebsversammlung, bei der 179 Menschen erfuhren, dass sie arbeitslos werden: Mit der „Becker Textil GmbH” hört die letzte Aachener Tuchfabrik auf zu existieren.

Die 1927 von Wilhelm Becker gegründete Gesellschaft wird „ihre Aktivitäten einstellen, der Produktionsstandort geschlossen und die Gesellschaft liquidiert”, teilten die Geschäftsführer Peter Recker und Christoph Königs mit.

Zweitschlechteste Alternative

„Das ist bitter”, sagen denn auch Rolf Winkler als Vorsitzender des Betriebsrats und Aachens IG-Metall-Chef Franz-Peter Beckers unisono. Und doch ist dieses Aus - so merkwürdig es klingen mag - nur die zweitschlechteste Alternative.

Denn mit dem „auslaufenden” Ende und dem noch geplanten Verkauf der Winterkollektion 2011/12 bleibt den Betroffenen etwas Zeit, sich am Arbeitsmarkt umzusehen und sich auf die Situation einzustellen. Wenngleich das für viele nicht einfach wird, denn sie sind hochspezialisierte Textilfachleute. Und Textilproduktion ist weithin eben nicht mehr da.

„Einige hatten Tränen in den Augen”, erzählt Beckers von der Betriebsversammlung. Alles in allen habe die Belegschaft aber gefasst reagiert, sagt Winkler, der seit 27 Jahren bei Becker arbeitet. Und wer trägt die Schuld? Gewerkschaft und Betriebsrat zeigen da nicht mit dem Finger auf den langjährigen Finanzier des Unternehmens, Claas Daun, und schon gar nicht auf die Geschäftsführung: „Dort hat man über die Jahre alles versucht, das Unternehmen zu retten”, heißt es.

Und auch Daun, dessen Textilgruppe rund 20.000 Mitarbeiter hat, investierte seit 2003. Nach AZ-Informationen gab er rund 20 Millionen Euro in Richtung Niederforstbach. Zwischenzeitlich musste das Unternehmen unter wechselnden Namen zwei Insolvenzverfahren überstehen, nachdem es in den 1990er Jahren mächtig Richtung Sachsen und Litauen expandiert war und zeitweise über 1000 Mitarbeiter hatte.

Im Zuge des ersten Insolvenzverfahrens musste der Aachener Standort auch eine große Entlassungswelle mit weit über 200 Kündigungen hinnehmen. Später hieß die Gesellschaft „Palla Creativ” mit Hauptsitz in Sachsen, die allerdings ebenfalls ins Insolvenzverfahren rutschte. Aus der Insolvenzmasse wurde Becker verkauft und schließlich zur „Becker Textil GmbH”.

Geschäftsführer Peter Recker sieht den Grund für das jetzige Aus im „brettharten Verdrängungswettbewerb in Europa inklusive der Türkei”. Das Werk in Niederforstbach sei für riesige Mengen gebaut, doch die seien nicht gefragt. Also spezialisierte man sich mehr und verkleinerte die Produktion nebst Mitarbeiterzahl.

Gefragt waren die hochwertigen Produkte von Becker indes sehr wohl - bei vielen namhaften Anzug- und Jeansherstellern. Die Denimproduktion war eine der jüngeren Spezialisierungen. Trotzdem, so Recker, bleibe alles eine Frage der Kosten. Die großen Marken stellen Bedingungen - und die sind oft von kleineren Unternehmen ohne dicke Finanzdecke kaum zu stemmen. Weiteres Geld aber wollte Daun dem Vernehmen nach nun nicht mehr zuschießen.

Und so drohte schon in wenigen Tagen die Insolvenz. Gekämpft wird nun um besagte auslaufende Schließung. „Dann kann man zumindest erhobenen Hauptes gehen, auch wenn das ein schwacher Trost ist”, sagt Peter Recker. Und Franz-Peter Beckers weiß: „Das werden jetzt ganz harte Tage, denn eine Lösung muss bis Ende nächster Woche konzipiert sein.” Unter dem Strich steht die Feststellung: „Unumstößlich ist allerdings, dass das nun das Ende ist.” Dass sich noch einmal ein neuer Investor findet, scheint völlig aussichtslos.

So werden am 30. September die Lichter ausgemacht und die Schlüssel umgedreht. Und am Ende bleibt eine Wahrheit, die Rolf Winkler ausspricht: „Das Leben geht weiter.”
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