Aachen - Kameramann aus Baesweiler macht die Fernseh-Jobs, die nicht jeder macht

Kameramann aus Baesweiler macht die Fernseh-Jobs, die nicht jeder macht

Von: Amien Idries
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Aachen. Das Leben von Jan Kreutz ist reich an Kulturschocks. Er hat Robbenjäger in Neufundland gefilmt, ist mit der Kamera durch Ciudad Juárez, die gefährlichste Stadt der Welt, gefahren und hat mit Mario Barth gedreht.

Doch der besoffene Cowboy, der an diesem Fettdonnerstag 2011 vor das Auto torkelt, veranschaulicht wohl am besten die extremen Brüche, die das Leben des 39-Jährigen kennzeichnen.

Das liegt nicht daran, dass der Cowboy besoffener gewesen wäre als irgendein 0815-Karnevals-Westernheld, sondern an dem, was zu diesem Zeitpunkt hinter dem Kameramann liegt. Gemeinsam mit dem Reporter Jenke von Wilmsdorff hat Kreutz 350 Menschen auf einem überfüllten Fischkutter bei ihrer Flucht aus dem tunesischen Küstenort Zarzis bis auf die italienische Insel Lampedusa begleitet.

Auf 13 Stunden war die Überfahrt angesetzt, drei Tage hat sie schließlich gedauert. Kreutz hat ein durchorganisiertes Schleppersystem gesehen, bei dem jeder 500 Euro für die lebensgefährliche Fahrt in ein vermeintlich besseres Leben zahlt. Er hat Menschen gesehen, die noch nie auf See waren und sich die Seele aus dem Leib gekotzt haben. Er hat die Messer gesehen, die die Crew den Flüchtlingen an den Hals setzte und die unvorstellbare Freude, als die italienische Insel am Horizont erschien. Vor allem aber hat er die bittere Enttäuschung gesehen, als klar wurde, dass Lampedusa nicht das gelobte Eiland, sondern nur der Ausgangspunkt für die Abschiebung ist.

Man braucht einen „Dachschaden”

Und weil Kreutz meist durch den Sucher seiner Kamera sieht, ist er an diesem Fettdonnerstag auf dem Weg vom Kölner Flughafen zu der Produktionsfirma 24/25, für die er arbeitet. Gedanklich ist er noch bei den Flüchtlingen, in der Tasche hat er zehn Stunden Filmmaterial, als plötzlich dieser beduselte Cowboy mit heiseren Alaaf-Rufen über die Straße torkelt. Willkommen zurück im karnevalistischen Deutschland!

Kreutz liefert das Material ab, fährt zu seiner Frau und seinem zweijährigen Sohn nach Aachen und macht dann, was er immer macht, wenn er von einer beruflichen Reise zurückkommt: Er atmet tief durch und legt den Schalter um. Switchen nennt Kreutz das.

Ohne dieses Umschalten, das ihm nach eigenen Angaben leichtfällt, könnte er seinen Beruf wohl deutlich schlechter ausüben, ihn vor allem schlechter mit seiner Rolle als Familienvater - inzwischen hat er zwei Kinder - in Einklang bringen. Seit 15 Jahren bewegt sich sein Berufsleben nämlich weit außerhalb dessen, was man als gemütlichen Nine-to-five-Job bezeichnet.

Nach dem Abitur am Gymnasium Baesweiler leistet Kreutz zunächst seinen Wehrdienst ab und macht dann in Merzbrück und Maastricht eine Ausbildung zum Flugzeugmechaniker. Um sich seinen Traum vom Reisen zu erfüllen, heuert er mit 23 Jahren bei einer Reederei an und fährt als Maschinist mit einem Containerschiff nach Neuseeland. Nach zwei Monaten in Ozeanien kehrt er nach Deutschland zurück, beginnt eine Ausbildung zum Nautiker, die er jedoch nicht beendet. Er heuert noch ein paar Mal an und macht 1997 schließlich eine letzte große Fahrt. Einmal um die Welt von Antwerpen nach Antwerpen in sechs Monaten. Dann ist Schluss mit der Seefahrt. Steter wird sein Leben allerdings nicht.

Jetzt soll es was mit Medien sein. Ohne jede journalistische Vorerfahrungen und mit einer ungenügenden Abiturklausur ausgerechnet im Fach Deutsch, sendet er Initiativbewerbungen an verschiedene Produktionsfirmen und Radiosender und hat schließlich ein Praktikum bei Antenne AC in der Tasche. Doch dann meldet sich die Firma 24/25 aus Köln. Der dortige Chef interessiert sich nicht für Abinoten oder Kameraerfahrung. Er war beim Sichten der zahllosen Bewerbungen über Kreutz´ Matrosenerfahrung gestolpert. „So einer ist teamfähig und reist gerne”, sagt sich der Chef und lädt Kreutz zum Gespräch ein. Man versteht sich, vereinbart ein Praktikum und zwei Wochen später ist Kreutz angestellter Kameraassistent.

Es folgen Lehrjahre, in denen er sich über die zweite Kamera zum ersten Kameramann hocharbeitet. Dabei filmt er so ziemlich alles und jeden, das oder den es zu filmen gibt. Er macht Interviews, Comedy, Reisemagazine, Nur die Liebe zählt, und, und, und. Irgendwann gibt es dann Aufträge, für die man einen „leichten Dachschaden” braucht, wie er selbst sagt.

Robbenjäger jagen das Drehteam

Eine der ersten dieser Dachschadenaufträge ist 2006 die Geschichte über die Robbenjagd in Neufundland. Das Problem: Während sich Interviewte und Reiseziele in der Regel gerne filmen lassen, haben Robbenjäger nachvollziehbare Hemmungen, das Filmmotiv zu geben. Dementsprechend aggressiv reagieren die Herren auf das zweiköpfige Drehteam aus Deutschland. Sie verbarrikadieren die Straße mit Autos und wollen dem Team an den Kragen. Wie in einem schlechten Actionfilm gibt der Fahrer des Teams Gas und durchbricht die Barrikade mit einem Pickup.

Es folgt eine Verfolgungsjagd, während der das Auto immer wieder gerammt und schließlich von der Straße gedrängt wird. Kreutz und seine Kollegen retten sich in eine Pension, während draußen die versammelten Robbenjäger Molotowcocktails basteln und sich in Lynchstimmung bringen. Zwischen der Jägerwut und dem Drehteam steht lediglich eine Handvoll Dorfpolizisten, die den Mob in Schach hält, bis eine weitere Polizeieinheit das Team endlich ausfliegt.

Wenn Kreutz davon bei einer Cola light am Aachener Glaskubus erzählt, hört man nicht die Geschichte eines Adrenalinjunkies, der mit Vergangenem prahlt. Er brüstet sich nicht, sondern erzählt von seinem Beruf und dessen Risiken. Die ganze Zeit habe er im Wagen gesessen und gefilmt, erklärt Kreutz die Job-Mechanismen. „Während man dreht, hat man eine seltsame Distanz. Die Kamera ist wie eine Art Schutzschild”, erklärt er. Dass dieser Schutzschild im Zweifel wenig Wert ist, werde einem immer erst später klar, wenn man die Aufnahmen sehe.

Das Ansehen der Aufnahmen ist allerdings das Maximum, was in diesem Job an Supervision oder Aufarbeitung möglich ist. Denn nach dem Dreh ist vor dem Dreh. Weg von den Robben, hin zum Reisemagazin mit Mario Barth, oder einem Bericht für Report Mainz. Und vor allem hin zu seiner Familie, die inzwischen wieder in Kreutz alter Heimat Baesweiler wohnt, und die Dreharbeiten mit Mario Barth den Robben-Drehs eindeutig vorzieht. Darüber spricht Kreutz nicht gerne, wird einsilbig. Doch er lässt das Selbstverständliche durchblicken: Ohne Familie war die Annahme der riskanten Aufträge einfacher. Dass er Kinder hat, verändert etwas. Nicht nur was seine Risikobereitschaft angeht, sondern auch bei der Arbeit selbst.

Zum Beispiel bei dieser Mittagsschicht der Polizei in Ciudad Juárez, wo durchschnittlich sieben Menschen pro Tag ermordet werden. Kreutz und Wilmsdorff drehen 2010 für RTL-Extra und begleiten in schusssicheren Westen die Streife in der von Drogenkartellen beherrschten Grenzstadt im Norden Mexikos. Es ist die fünfte oder sechste Schießerei, zu der die Polizei ausrückt. Der tägliche Toten-Schnitt ist längst erreicht. Ein Kartell hat unter den Hochzeitsgästen eines anderen ein Massaker angerichtet. Viele Tote. Frauen, Kinder. Kreutz macht die Kamera aus, betritt den Tatort nicht. „Um mich selbst zu schützen”, sagt er. Er weiß, das diesmal die Schutzfunktion der Kamera versagt hätte.

Die Kindergeschichten sind es, die ihn mitnehmen und die er mitnimmt. Die Zwangsfütterung junger Mädchen in Mauretanien, die Ritualmorde an Kindern in Uganda oder die Jagd auf Albinokinder in Tansania. Grausame Geschichten, die die Welt seiner Ansicht nach aber sehen muss. Selbst auf die Gefahr hin, dass man ihm unterstellt, reißerische Reportagen zu bebildern. „Ich verstehe meine Arbeit als aufklärerisch”, sagt Kreutz. Er will etwas bewirken. Etwa so wie bei der Reportage über die Menschen in der Nähe eines ehemaligen Atomtestgebiets in Kasachstan, die eine regelrechte Spendenflut ausgelöst habe. „Das ist ein gutes Gefühl”, sagt Kreutz.

Kritik an Flüchtlingsreportage

Auch Kritik an der Reportage „Das gnadenlose Geschäft mit der Flucht aus Afrika”, die aus seiner Fahrt auf dem Flüchtlingsboot entstand, erteilt er eine Absage. Kreutz und Wilmsdorff hatten für die Passage 2000 Euro gezahlt und somit nach Ansicht der Kritiker die kriminellen Strukturen der organisierten Schlepperbanden unterstützt. „Wir haben lange diskutiert. Zum einen was die Gefahr für uns angeht, aber auch, ob das journalistisch in Ordnung ist”, sagt Kreutz. Obwohl Kontakt mit der Redaktion bestand, sei die Entscheidung letztlich zu zweit gefallen. Natürlich habe es Jagdfieber auf die „gute Story” gegeben, aber im Kern sei es darum gegangen, das Leid der Menschen zu zeigen. Bestätigt habe sie die Reaktion der italienischen Zollbeamten bei der Ankunft: „Endlich zeigt einmal jemand, was hier passiert.”

Ähnlich dürfte wohl die Jury des International Emmy Awards gedacht haben. Die nominierte die Reportage in der Kategorie Zeitgeschehen für den wohl renommiertesten Fernsehpreis der Welt. Und so steht Kreutz am 1. Oktober ein besonderer Switch bevor. Dann findet in New York mit viel Glamour die Preisverleihung statt. Die für dieses Wochenende geplante Feier zu seinem 40. musste er kurzfristig verlegen. „Es gibt definitiv schlechtere Entschuldigung für eine Verlegung”, sagt der Baldvierziger. Dass die Party nachgeholt wird, daran besteht kein Zweifel. Dazu muss Kreutz einfach nur wieder den Schalter umlegen.

Flüchtlingsreportage für Emmy nominiert

Die Reportage „Das gnadenlose Geschäft mit der Flucht aus Afrika” wurde am 7. März 2011 im RTL-Magazin „Extra” ausgestrahlt und ist gemeinsam mit je einer Produktion aus Brasilien, Kanada und China in der Kategorie Zeitgeschehen für den International Emmy Award nominiert.

Gemeinsam mit dem Reporter Jenke von Wilmsdorff hatte der Kameramann Jan Kreutz ursprünglich eine Reportage über die Flüchtlinge im libysch-tunesischen Grenzgebiet drehen sollen. Es entstand Kontakt zu einer Schlepperbande und das Duo erhielt die Möglichkeit, mit einem Flüchtlingsboot nach Lampedusa überzusetzen. Sie waren somit die ersten Journalisten, die eine solche Flucht dokumentieren konnten.

Das gefährliche Husarenstück wurde im Nachklang von manchen Journalisten kritisiert. So bezeichnete Thomas Leif, Vorsitzender der Journalistenorganisation Netzwerk Recherche, es als „hochproblematisch”, dass RTL Geld an illegale Schleuser gezahlt habe.

Der Emmy Award gilt als der renommierteste Fernsehpreis der Welt. Die Verleihung findet am 1. Oktober in New York statt.

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