Mönchengladbach - Kailash Satyarthi: Unermüdlicher Kämpfer für die Rechte der Kinder

Kailash Satyarthi: Unermüdlicher Kämpfer für die Rechte der Kinder

Von: Christina Handschuhmacher
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Arbeit statt Schule: Immer noch werden nach UN-Angaben 168 Millionen Kinder weltweit zur Arbeit gezwungen, wie hier in der Autoindustrie in der indischen Metropole Kalkutta. Der Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi kämpft für eine Welt ohne Kinderarbeit. Foto: dpa

Mönchengladbach. Da ist diese Geschichte des kleinen pakistanischen Jungen, der vielleicht neun Jahre alt ist. Mit zwei Nadeln und einem festen Zwirn näht er einen Fußball zusammen. Immer wieder sticht er aus Versehen mit der Nadel in seinen Daumen. Blut tropft heraus. Doch er reagiert nicht, zeigt keinen Schmerz, näht unermüdlich weiter. Es gilt, keine Zeit zu verlieren.

Kailash Satyarthi spricht den Jungen an und fragt ihn, was er für einen Traum habe. Der Junge reagiert ungläubig, weiß nicht, was Satyarthi von ihm will. In dieser Fabrik – zwischen 16-Stunden-Tagen gefüllt mit monotoner Arbeit und dem Druck, schnell arbeiten zu müssen – ist wohl auch kaum Zeit, um zu träumen. Als Satyarthi seine Frage noch einmal wiederholt, sagt der Junge: „Ich würde auch gerne einmal Fußball spielen.“

In der Tradition Mahatma Gandhis

Es sind Geschichten wie die des kleinen Pakistani, der Fußbälle nähen muss statt mit ihnen spielen zu dürfen, die Kailash Satyarthi bei seinem Vortrag auf Einladung des Initiativkreises Mönchengladbach erzählt. Und es sind diese Geschichten, die bei den rund 900 Zuhörern in der dortigen Kaiser-Friedrich-Halle wohl am Ende des Abends hängen bleiben.

Am 10. Dezember 2014 erhielt Satyarthi gemeinsam mit der Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai den Friedensnobelpreis. Sie – eine damals 17-jährige Pakistanerin und Muslima, der die Taliban in den Kopf geschossen hatten, um ihren Einsatz für die Schulbildung von Mädchen zu stoppen. Er – ein 60-jähriger Inder und Hindu, der in der Tradition Mahatma Gandhis friedlich für Freiheit und Kinderrechte kämpft und mit seiner Organisation bereits mehr als 80.000 Kinder aus Zwangsarbeit befreit hat.

Zwei Menschen aus verschiedenen Generationen, verfeindeten Staaten und unterschiedlichen Religionen zugehörig. Das Nobelpreiskomitee wollte ein Signal aussenden und schaffte es. Bei der Verleihung nannte sie ihn „Vater“, er nannte sie „Tochter“ und widmete seinen Preis schließlich allen Kindern weltweit. „Mit diesem Preis finden die Stimmen von Millionen von Kindern Gehör – Stimmen, die bislang nicht gehört wurden“, sagte Satyarthi damals. Es klang wie ein Versprechen.

Er hat dieses Versprechen eingelöst. Der Friedensnobelpreis hat an seiner Arbeit nicht viel geändert – nach wie vor kämpft er mit seiner Organisation „Bachpan Bachao Andolan“ (BBA, dt. „Bewegung zur Rettung der Kindheit“) weit über die Grenzen Indiens hinaus gegen Kinderarbeit und für ein Recht auf Bildung für alle Kinder. Doch der Preis hat ihm Türen geöffnet – zu den Mächtigen, den Entscheidern der Welt. Inzwischen hat er vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen genauso gesprochen wie in den Parlamenten diverser Staaten oder bei weltweiten Konferenzen zum Thema – und nun eben in Mönchengladbach.

Kein Problem der Dritten Welt

„The Generation to End Child Labour“ (dt. „Die Generation, die Kinderarbeit abschaffen soll“) ist sein Vortrag überschrieben, und er enthält einige unbequeme Wahrheiten. Satyarthi, der 1994 für sein Engagement bereits mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde, macht schnell deutlich, dass Kinderarbeit nicht nur ein Problem der Dritten Welt ist, sondern alle angeht: „Die Kleidung und die Schuhe, die Sie tragen, die Spielzeuge Ihrer Kinder, die Teppiche, die in Ihrem Haus liegen – alles das verbindet Sie mit dem Problem der Kinderarbeit.“ Satyarthi – graumelierte Haare, freundliche braune Augen, weißer indischer Anzug mit weinroter Weste – sagt das keineswegs vorwurfsvoll oder gar laut. Aber er will wachrütteln, die Menschen für dieses Thema, das er zu seinem Lebensthema gemacht hat, sensibilisieren. Er will den benachteiligten Kindern eine Stimme geben.

Generell gebe es kein Problem mehr, dass nur lokal sei, sagt der 62-Jährige. In dieser globalisierten Welt hänge alles zusammen. „Was machen die Kinder falsch, die Ihre Fußbälle produzieren? Was machen die Kinder falsch, die Ihre Kakaobohnen ernten? Wessen Kinder sind das?“, fragt er und gibt gleich darauf die Antwort: „Es sind auch Ihre Kinder!“ Angesichts von globalisierten Märkten, globalisierter Ökonomie und globalisierter Kommunikation müsse auch das Mitgefühl globalisiert werden. Applaus im Saal.

Satyarthi, 1954 in Vidisha, einer für indische Verhältnisse kleinen Stadt im zentralen Bundesstaat Madhya Pradesh geboren, ist Aktivist durch und durch. Schon als Kind begreift er, dass in Indien nicht alle Kinder das Recht auf Bildung haben. Als sein Vater ihn im Alter von sechs Jahren zur Schule bringt, sieht er einen gleichaltrigen Jungen am Straßenrand sitzen. Er putzt dort Schuhe – Tag für Tag. Zu diesem Zeitpunkt weiß Satyarthi noch nicht, dass rund zwölf Millionen Kinder in Indien zur Arbeit gezwungen werden.

Sie schuften in der Teppichindustrie, in illegalen Minen, putzen Schuhe oder sammeln Müll. Als Elfjähriger beginnt er, Geld für Familien zu sammeln, die sich den Schulbesuch ihrer Kinder nicht leisten können. Nach der Schule studiert er Elektrotechnik und arbeitet im Anschluss als Universitätsdozent. Doch mit 26 Jahren gibt er, bereits verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes, seinen sicheren Job von einem Tag auf den anderen auf. Er will etwas bewegen.

Es ist das Jahr 1980, und Kinderarbeit wird in Indien nicht als großes Problem gesehen. „Diese Einstellung zu verändern, das war meine größte Herausforderung“, sagt Satyarthi im Gespräch mit unserer Zeitung rückblickend. Früher, so erzählt er, sei es in der indischen Mittelklasse regelrecht schick gewesen, gleich mehrere Kindersklaven zu beschäftigen und sich mit diesen zu präsentieren. Etwa indem man mit ihnen durch ein Einkaufszentrum ging und die Kinder die schweren Waren tragen ließ.

Mit seiner Organisation BBA kämpft Satyarthi seit 36 Jahren gegen dieses Unrecht und dagegen, dass Kinderarbeit einfach als etwas hingenommen wird, was arme Kinder eben tun müssen, um nicht zu verhungern. Das viel zitierte Argument, dass die Kinder so zum Familieneinkommen beitragen würden und durch die Arbeit auch eine Qualifikation erwerben könnten, lässt er nicht gelten. Er entgegnet den Leuten dann: „Warum macht Ihr dann einen Unterschied zwischen den arbeitenden Kindern und euren eigenen? Wenn das so gut für die Kinder ist, schickt sie doch selbst in die Minen.“

Mehr als 80.000 Kinder hat seine Organisation seither aus der Kinderarbeit befreit. Kein ungefährlicher Job, denn die Fabriken, in denen Kinder arbeiten, werden gut bewacht. Mehrmals wurden Satyarthi und seine Mitarbeiter brutal attackiert, das BBA-Büro wurde mehrfach aufgebrochen und durchwühlt. Doch das schreckt ihn nicht ab. „Solche Momente geben mir eher innere Stärke. Selbst wenn ich bei einer Befreiungsaktion sterbe und nur ein Kind rette, ist das doch kein schlechter Deal“, sagt er und lächelt dabei. Und man spürt deutlich, dass er das nicht sagt, weil es vielleicht gut klingt, sondern schlicht, weil er es tatsächlich so meint, wie er es sagt.

Und seine Arbeit hört mit der Befreiung der Kinder nicht auf. In Rehabilitierungszentren werden die Kinder anschließend psychologisch betreut und lernen ein Leben kennen, das für die meisten Kinder dieser Welt selbstverständlich ist: mit Schule und Hobbys. Und irgendwann beginnen sie zu fragen: Warum wurde ich zur Arbeit gezwungen? Warum wurde ich gezwungen, mich zu prostituieren? Antworten, die einen Sinn ergeben, kann Satyarthi ihnen darauf nicht geben.

Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, werden weltweit immer noch 168 Millionen Kinder zur Arbeit gezwungen. Im Jahr 2000 lag die Zahl noch bei 246 Millionen – sie hat also drastisch abgenommen. Generell habe sich bei diesem Thema in den vergangenen drei Jahrzehnten viel getan, sagt Satyarthi. Eine erfolgreiche Verbraucherkampagne hat Konsumenten in Europa und den USA für Ware, die von Kindern hergestellt wurde, sensibilisiert.

Weltweite Aufmerksamkeit erregte auch der „Global March Against Child Labour“, bei dem 1998 mehr als 1400 Nichtregierungsorganisationen gemeinsam mit Staatsoberhäuptern und anderen Prominenten weltweit protestierten. Die Demonstranten erhielten so viel Beachtung, dass bei der ILO-Konferenz in Genf schließlich ein Abkommen gegen die schlimmsten Formen von Kinderarbeit verabschiedet wurde. 172 Staaten haben dieses Abkommen seither unterzeichnet – Indien, sein Heimatland, in dem er bis heute lebt, ist nicht dabei.

Zufrieden ist Satyarthi trotz all dieser Erfolge noch lange nicht –und er hat noch viel vor. Sein nächstes Projekt nennt er „100 Millionen für 100 Millionen“, er will eine Kampagne starten, bei der 100 Millionen Kinder und Jugendliche die Stimmen und Anwälte für 100 Millionen Kinder werden, die sozial benachteiligt und gesellschaftlich außen vor gelassen sind. Die Jugend sei seine Hoffnung, sagt Satyarthi.

Doch der zweifache Vater wird auch selbst weiterkämpfen. „So lange wir Milliarden haben, um Waffen zu kaufen, weigere ich mich zu akzeptieren, dass Kinder arbeiten müssen, damit sie nicht verhungern“, sagt er. Die weltweite Arbeitslosigkeit, der Analphabetismus und die Kinderarbeit – all das hängt für ihn unmittelbar zusammen.

„I refuse to accept...“ (dt. „Ich weigere mich, zu akzeptieren...“), diese Wendung benutzt er bei seinem Vortrag in Mönchengladbach immer wieder. Sie hat auch seine Nobelpreisrede wie einen roten Faden durchzogen. Satyarthi wird sich weiter weigern und vielleicht irgendwann in seinem Leben sein Ziel erreichen: Dass kein Kind in dieser Welt mehr arbeiten muss statt zur Schule zu gehen und zu spielen. Satyarthi ist sicher, dass dieses Ziel in greifbarer Nähe ist.

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