Kahlschlag am Straßenrand?

Von: Nicola Gottfroh
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Verkehrsschutzmaßnahme oder À
Verkehrsschutzmaßnahme oder ökologischer GAU? Auf der A 44 bei Alsdorf-Hoengen wurden wie überall in Nordrhein-Westfalen Bäume entlang der Autobahnen gefällt. Diesmal allerdings an einigen Stellen in NRW viel zu viele, beklagen die Naturschützer des Nabu. Foto: Stefan Schaum

Aachen. Es ist kaum zu übersehen. Entlang der Autobahnen, dort wo vor wenigen Wochen noch Eis und Schnee in mächtigen Baumkronen glitzerten, sieht man nun an vielen Stellen nur noch Stümpfe.

In ganz NRW haben Landschaftsbauer die Wintermonate für Pflegemaßnahmen genutzt. Und zur Pflege gehört in diesem Fall auch das Fällen von Bäumen.

Für viele Naturschützer haben die Ausmaße der notwendigen Rodungen inzwischen jedoch ein beispielloses Ausmaß angenommen. „So etwas hat es noch nie gegeben.

Das ist eine ökologische Katastrophe”, sagt Josef Tumbrinck, Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) in NRW. Er kritisiert insbesondere die Arbeiten entlang der A 46. „Auf der Höhe von Grevenbroich, aber auch auf vielen anderen Abschnitten in Richtung Ruhrgebiet wird der Kahlschlag besonders deutlich”, sagt er.

„Manchmal sehen die Arbeiten tatsächlich nach Kahlschlag aus, etwa wenn Gehölze auf den Stock zurückgeschnitten werden. Doch das gehört zu den normalen Pflegearbeiten”, betont Bernd Aulmann vom zuständigen Landesbetrieb Straßen.NRW.

Geschnitten oder gefällt, so erklärt er, würden nur Bäume und Sträucher, durch die der Verkehr beeinträchtigt oder gar gefährdet werden könnte. Zu große Bäume, altes und krankes Holz sowie Bäume, die zu schwach seien, einem Sturm standzuhalten.

Dass diese Maßnahme in diesem Jahr für viele Pendler und Naturschützer deutlich „brutaler” aussehen, wie Aulmann eingesteht, liege daran, dass in diesem Winter tatsächlich verstärkt zurückgeschnitten und gefällt worden sei.

Das hat auch einen Grund: „Wegen des strengen Winters wurde im vergangenen Jahr weniger geschnitten. Es musste viel Arbeit liegenbleiben, die jetzt nachgeholt wurde. Deshalb wirkt es nun so, als sei viel mehr als sonst abgeholzt worden”, sagt Aulmann.

Ökologische Probleme

„Die Menge, die gefällt wurde, ist meiner Meinung nach die Menge, die sonst in 15 Jahren geschlagen wird”, sagt dagegen Tumbrinck. „Diese massiven Fällungen haben Konsequenzen für die Tiere, die entlang der Autobahn leben. Durch die fehlenden Bäume fehlt ihnen eine natürliche Barriere. Vögel könnten nun vermehrt mit Autos kollidieren”, nennt Tumbrinck nur ein ökologisches Problem.

Nicht nur die Autofahrer, die in Richtung Neuss und Ruhrgebiet unterwegs sind, konnten zuletzt Zeugen von Rodungen werden. Auch entlang der Autobahnen rund um Aachen sah man Landschaftsbauer zur Motorsäge greifen.

„An den Autobahnen 44 und 544 wurden in diesem Jahr 2100 Bäume gefällt”, sagt René Derichs von der Autobahnmeisterei Düren. Unter anderem fielen Bäume bei Aachen-Brand, an der Anschlussstelle Alsdorf und zwischen Alsdorf und Aldenhoven.

Weil die Straßenmeistereien, die für den Rückschnitt zuständig sind, die Pflegearbeit zunehmend „outsourcen”, übernehmen immer mehr Privatunternehmen die Arbeiten. Das abgeschnittene Holz, so steht es meist in der Auftragsausschreibung, dürfen die Unternehmen behalten. So sinken die Kosten für die Arbeiten.

Und die sind enorm. Für dieses Jahr liegen noch keine Zahlen vor. „Doch allein für die Rückschnittarbeiten entlang der Autobahnen Nordrhein-Westfalens fielen im vergangenen Jahr Kosten in Höhe von 5,6 Millionen Euro an, für Bundesstraßen mussten 4,7 Millionen und für die Pflegearbeiten auf Landesstraßen 8,3 Millionen Euro gezahlt werden”, erklärt Bernd Löchter, Sprecher der Landesbetriebs-Zen-trale in Gelsenkirchen.

Im Geld vermutet Tumbrinck das Übel: „Überall muss gespart werden. Nur mal angenommen, man würde mehr Bäume als notwendig zum Fällen ausschreiben, und die Unternehmen, die mit schwerem Gerät und professionellen Maschinen anfahren, dürften eine größere Menge Holz behalten - würden die Arbeiten dann nicht noch günstiger?”

Immerhin liegt der Preis für einen Kubikmeter Holz derzeit im Schnitt bei 40 Euro. Der Aufwand durch Anfahrt und Aufbau, so folgert der Naturschützer, wäre niedriger, der Gewinn durch das Holz höher. „So ist das nicht”, widerspricht Löchter.

Gefällt würden nur die Bäume, die wirklich weg müssten. „Bei der Gehölzpflege geht es nicht um Gewinn durch Holz”, sagt auch Norbert Cleve von der Landesbetriebs-Niederlassung Krefeld, die für die Aachener Region zuständig ist.

An der A 44 und der 544 waren es im Gegensatz zu anderen Autobahnen diesmal sogar weniger als im Vorjahr, sagt Derichs: „Da waren es an den Autobahnen 200 Bäume mehr als in diesem Jahr.”
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