Kahlschläge in der Region: Es geht ums Geld

Von: Marlon Gego
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Zum Beispiel an der A4: Zwischen dem Autobahnkreuz Aachen und der niederländischen Grenze sind im Auftrag des Landesbetriebs Straßenbau reihenweise Bäume abgeholzt worden. Die Behörde begründet dies mit „notwendiger Pflege“ und „Verkehrssicherheit“. Foto: Stephan Rauh
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Zum Beispiel an der A 4: Zwischen dem Autobahnkreuz Aachen und der niederländischen Grenze sind im Auftrag des Landesbetriebs Straßenbau reihenweise Bäume abgeholzt worden. Die Behörde begründet dies mit „notwendiger Pflege“ und „Verkehrssicherheit“. Foto: Stephan Rauh
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Zum Beispiel an der A 4: Zwischen dem Autobahnkreuz Aachen und der niederländischen Grenze sind im Auftrag des Landesbetriebs Straßenbau reihenweise Bäume abgeholzt worden. Die Behörde begründet dies mit „notwendiger Pflege“ und „Verkehrssicherheit“. Foto: Stephan Rauh

Aachen. Entlang der Autobahn 4 sieht es an manchen Stellen aus, als seien Bomben eingeschlagen, wo vor einigen Tagen und Wochen noch Bäume standen, steht jetzt gar nichts mehr.

Innerhalb weniger Tage haben Forstarbeiter zwischen der holländischen Grenze und dem Autobahnkreuz Aachen reihenweise Bäume gefällt, und was aussieht wie das Ergebnis einer Brandrodung, heißt beim dafür verantwortlichen Landesbetrieb Straßenbau „Gehölzpflege“.

Diese Art der Pflege ist nicht allein auf die A4 begrenzt, er zeigt sich ebenso entlang von Land- und Bundesstraßen und an der A44. Anfang der Woche erreichte unsere Zeitung die Zuschrift eines Lesers aus Bergisch Gladbach, der großflächige Rodungen entlang der Autobahnen im Großraum Köln beobachtet hat.

Die Frage ist: Was soll diese Art der brachialen Gehölzpflege?

Große Aufregung

Vor etwas mehr als einem Jahr beschwerten sich mehrere Dutzend Menschen allein bei unserer Zeitung über Arbeiten an öffentlichen Grünflächen, die von einem Tag auf den anderen ohne ersichtlichen Grund kahlgeschlagen wurden.

In Städten, entlang von Straßen, an Autobahnen, besonders auffällig im eigentlich streng naturgeschützten Nationalpark Eifel. Recherchen unserer Zeitung hatten ergeben, dass sehr wahrscheinlich ein direkter Zusammenhang mit den Holzlieferschwierigkeiten des Landes Nordrhein-Westfalen aufgrund von sechs 2007 geschlossenen, aber nicht zu erfüllenden Holzlieferverträgen besteht, unter anderem mit der Klausner-Gruppe aus Tirol (Ausgabe vom 25. Februar 2014). Der Holzpreis bewegte sich in der Nähe des Rekordhochs – woran sich bis heute nicht viel geändert hat.

Zwei nordrhein-westfälischen Ministerien, dem für Umwelt und dem für Verkehr, war die Aufregung vieler Bürger um die kahlgeschlagenen Flächen vergangenes Frühjahr nicht entgangen. Beide Ministerien beeilten sich, einen neuen Erlass in Kraft zu setzen, mit dem die Gehölzpflege schonender werden sollte. Doch nun, ein Jahr später, sieht es nicht danach aus, als ob dieser Erlass viel geändert hätte.

Der für die Gehölzpflege aller Land- und Bundesstraßen in Nordrhein-Westfalen zuständige Landesbetrieb Straßenbau, eine Behörde, die dem nordrhein-westfälischen Verkehrsministerium unterstellt ist, begründet seine Gehölzpflege mit dezidierten Vorschriften und damit, dass er für „die notwendige Pflege“ einerseits und andererseits für „die Herstellung der Verkehrssicherheit“ zuständig ist. Bäume, die auf Straßen zu fallen drohen, müssen gefällt werden.

Doch waren die vielen gefällten Bäume zum Beispiel an der A4 wirklich morsch und gefährlich? Oder besteht „notwendige Pflege“ tatsächlich aus Kahlschlägen? „Eine Einzelfallentscheidung“, heißt es beim Landesbetrieb.

Ein Forstbeamter aus der Region, der seinen Namen in diesem Zusammenhang nicht in der Zeitung lesen möchte, hat zwei zentrale Ansätze, um die brachiale Art der Gehölzpflege der vergangenen Jahre zu erklären.

Erstens: Um kahlgeschlagene Flächen braucht man sich jahrelang nicht weiter zu kümmern. Einmal kahlschlagen ist billiger, als jedes Jahr jeden Baum ein bisschen zu stutzen. Zweitens: Der Holzbedarf ist nach wie vor hoch, der Holzpreis auch. Also wird gefällt.

Mit anderen Worten: Es geht ums Geld.

Der Landesbetrieb Straßenbau hat knapp 6000 Mitarbeiter, viel zu wenig, um alle Aufgaben selbst zu erfüllen, denn der Landesbetrieb ist nicht nur für die Pflege, sondern auch für die Instandhaltung und den Ausbau von fast 20.000 Kilometern Straßen und 13.000 Bauwerken in Nordrhein-Westfalen zuständig. Deswegen werden viele Gehölzpflegeaufträge an private Unternehmen vergeben.

Ein Teil der Bezahlung bestehe in der Regel darin, dass die privaten Unternehmen das Holz, das sie am Straßenrand schlagen, behalten und selbst verkaufen dürfen, sagt der Forstbeamte. Je mehr Holz die Unternehmen schlagen, desto mehr Geld bekommen sie. „Im Zweifel schlagen diese Unternehmen also lieber ein paar Bäume mehr“, sagt der Forstbeamte. Er spricht vom „Selbstbedienungsladen Straßenrand“.

Im Erlass, den Umwelt- und Verkehrsministerium für 2014 in Kraft gesetzt haben, heißt es, dass die „Beteiligung der Unteren Landschaftsbehörden“, die in der Regel Teil der Stadt- oder Kreisverwaltungen sind, „vor der geplanten Durchführung von Pflegemaßnahmen angezeigt“ sei. Die Untere Landschaftsbehörde der Städteregion Aachen zum Beispiel sieht in der Zusammenarbeit mit dem Landesbetrieb Straßenbau „kein strukturelles Problem“, aber: „Ich bin auch unsicher, ob die ganzen Kahlschläge in jedem Einzelfall wirklich notwendig sind“, sagt der Leiter der Unteren Landschaftsbehörde, Richard Bollig.

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