Aachen/Bonn - Kabarettist Rainer Pause: Warum ausgerechnet Bonn?

Kabarettist Rainer Pause: Warum ausgerechnet Bonn?

Von: Hermann-Josef Delonge
Letzte Aktualisierung:
rainer pause kabarettist
Rainer Pause, besser bekannt als Fritz Litzmann. Der Kabarettist liebt an Bonn vor allem die Natur ringsherum.

Aachen/Bonn. Als Fritz Litzmann, Alterspräsident des Heimatvereiens Rhenania, steht er auf der Kabarett-Bühne. Im wirklichen Leben Leben heißt er Rainer Pause und ist Chef des Kleinkunstheaters Pantheon in Bonn. Was verschlug den Mann aus dem Ruhrgebiet ausgerechnet nach Bonn? Wie lebte es sich dort in den 70er und 80er Jahren? Und was ist heute in der ehemaligen Bundeshauptstadt los? Antworten darauf gibt Rainer Pause hier im Interview mit unserer Zeitung.

Geboren wurde er zwar in Essen, aber wer Rainer Pause einmal als Fritz Litzmann auf der Kabarett-Bühne erlebt hat, der dürfte das nicht für möglich halten. Denn Litzmann, dieser formidable Alterspräsident des Heimatvereins Rhenania, ist der Prototyp eines Rheinländers an und für sich – ob allein oder im Duett mit seinem Kollegen Hermann Schwaderlappen (Norbert Alich).

Die Heimat des Duos ist Bonn, genauer: das Pantheon-Theater, das Pause 1987 gegenüber dem alten Kanzleramt gegründet und in der Folge zu einer der renommiertesten Kleinkunstbühnen im deutschsprachigen Raum gemacht hat. Damals lebte Pause bereits seit 21 Jahren im „Bundesdorf“. Dessen Entwicklung er mit einer Mischung als Sympathie und distanzierter Ironie verfolgt. Beste Voraussetzungen also für eine Bestandsaufnahme. Zum Interview bittet der 66-Jährige in seinen grandios zugewachsenen Garten – eine grüne Oase mitten in der Stadt.

Herr Pause, sind Sie eigentlich freiwillig 1966 nach Bonn gezogen?

Rainer Pause: Kann man so sagen. Ich wollte Medizin studieren und hatte einige Studienorte zur Auswahl. Ich habe mich dann für Bonn entschieden.

Ihre ersten Eindrücke?

Pause: Das war vor allen Dingen der Rhein. Der hat mir direkt besonders gut gefallen. Ich liebe es, am Wasser zu leben. Und: Bonn war ein weltpolitisches Dorf. Man ging über die Straße und stand plötzlich neben Strauß an der Kreuzung. Und niemand hat das groß interessiert. Sympathisch!

Wo haben Sie gelebt damals?

Pause: Meine erste Studentenbleibe lag in Endenich, ein unverschämt teures Zimmer direkt an der Autobahn. Ohne eigenes Bad oder Klo. In meiner Erinnerung war es nur vier Quadratmeter groß. Aber ansonsten fand ich Bonn sehr schön, nicht zuletzt wegen seiner Architektur. Ich kam schließlich aus der schmucklosen Ruhr-Metropole Essen.

Nie die Sehnsucht nach der großen Stadt gehabt? Da, wo die Musik spielte?

Pause: Nein, München und Berlin waren doch genauso spießig. Hinzu kam, dass ich direkt am ersten Tag hier ein Plakat sah, auf dem das Studententheater nach Akteuren suchte. Ich bin dahin, da waren 150 bis 200 Leute, die mitmachen wollten. Und ich habe sofort eine Hauptrolle bekommen. In dem Moment war ich in Bonn gebunden. Ich habe die Studentenbühne bis 1973 auch geleitet. 1972 wurde ich Vater. Dann mein politisches Engagement. Zack, war ich erst mal festgenagelt.

Wir haben also einen jungen Menschen, der Theater spielt und sich politisch engagiert. Und der lebt dann in diesem „Bundesdorf“. Klingt nicht sehr aufregend.

Pause: Ganz so war es nicht. Wir reden hier von einer Zeit, die sehr brisant war. Studentenbewegung, die ersten Kaufhausbrände, RAF, Rasterfahndung. Ich habe in Bad Godesberg in einer WG in einem Haus gewohnt, an dem jeden Tag gepanzerte Polizeiwagen vorbei fuhren, weil ganz in der Nähe die israelische Botschaft war. Es war schon seltsam, sein Kind in dieser Atmosphäre aufwachsen zu sehen, auf dem Höhepunkt der Terroristenverfolgung.

Das hatte Bonn nicht exklusiv.

Pause: Das stimmt. Grundsätzlich hat man von der großen Politik hier sonst nie viel mitbekommen. Höchstens mal, wenn ein Staatsgast kam und Straßen gesperrt wurden. Den Bonner an sich hat das nicht sehr interessiert. Der lebte in seiner Welt. Als dann später in den 80er Jahren hier die großen Demonstrationen der Friedensbewegung waren, da hieß es, man müsse die Plätze sperren, damit hier nicht die ganzen Menschen „von außerhalb“ demonstrieren können. Man war entsetzt über diese „langhaarigen Typen“.

Da brach dann der Spießer durch.

Pause: Mit Wucht. Ich kann mich noch gut an die scharfen Diskussionen erinnern, wenn der Bonner mit den Demonstranten aneinander geriet. Furchtbar. Aber auch das war ja kein Bonner Spezifikum, in Berlin etwa ging es noch härter zu Sache. Die große Mehrheit der Bonner hat sich nicht groß um Politik gekümmert.

Sie haben später auch in Berlin gearbeitet, etwa im legendären „Hoffmanns Comic Theater“, mit Rio Reiser und Claudia Roth. Trotzdem hat es Sie immer nach Bonn zurück gezogen. Warum?

Pause: Ich hatte ja Familie, ich hatte meine Theaterarbeit. Außerdem habe ich den Hype um Berlin nie so recht verstanden. Immer diese Hybris, etwas Besonderes zu sein. Das war vor dem Mauerfall so und hat sich bis heute nicht geändert. Die interessanten Leute in Berlin sind immer von außerhalb gekommen.

Ist Bonn Ihre Heimat?

Pause: Ja, mit Einschränkungen. Ich habe schon einiges vom Ruhrgebiet in mir.

Was ist der Unterschied zwischen dem Ruhrgebiets-Gefühl und dem Rheinland-Gefühl?

Pause: Die Leute sind im Ruhrgebiet viel direkter, da geht es rau zu, laut, manchmal dreckig. Da heißt es klar: „Halt die Klappe“, während hier in Bonn laviert wird: „Kannste nicht mal, wenigstens für en Momentchen, wie soll ich sagen ...?“

Was liegt Ihnen mehr?

Pause: Eigentlich Bonn. Aber ich kann auch anders. Mein Vater war schließlich Bayer

Was finden Sie heute in Bonn, was Sie schon damals, als Sie hierhin kamen, fanden?

Pause: Städtebaulich hat sich nicht gravierend viel verändert, bis auf ein paar Bausünden. Mir fällt immer wieder auf, wie grün Bonn ist. Auf den Gemälden vom Rhein aus der Zeit der Romantik sieht man Felsen, Stein, Sand. Keine Bäume. Das hat sich doch sehr geändert. Bonn war in den vergangenen 500 Jahren noch nie so grün wie jetzt.

Genießen Sie das?

Pause: Absolut. Natur ist Teil der Lebensqualität, die ich brauche. Aber alle meine Versuche, mich außerhalb der Stadt anzusiedeln, sind dann doch gescheitert. Es bisschen Leben um mich herum soll schon sein.

Und das haben Sie hier?

Pause: Ja, schon durch mein Theater. Das Pantheon ist im Grunde ein großstädtisches Theater. Das war auch immer so gedacht. Das hatte am Anfang natürlich auch damit zu tun, dass Bonn noch Bundeshauptstadt war. Unsere Lage war da einfach ideal. Die Werbung lautete immer: „In Steinwurfweite vom Kanzleramt!“ Manche haben sich drüber beschwert. Amüsant.

Wieder diese Bonner Spießigkeit.

Pause: Stimmt. Wie jede rheinische Stadt. Köln ist manchmal etwas liberaler, obwohl es ebenfalls tiefstes katholisches Rheinland ist. Ein Beispiel: Unser Programm „Tod im Rheinland“ ist dort in den größten katholischen Kirchen gespielt worden – abgesehen vom Dom. In Bonn ist es nie dazu gekommen. In Bonn mussten wir zu den Protestanten ausweichen.

Ist der Katholizismus in Bonn noch bestimmend?

Pause: Nicht mehr in dem Maße wie vielleicht früher noch. Der Bonner ist nicht offensiv oder aggressiv katholisch, sondern „irgendswie so“. Die Kölner sind auch da offensiver. Diese Stadt ist hässlich, aber schräg. Da passiert etwas. Bonn ist lieblicher.

Waren Sie eigentlich gegen den Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin?

Pause: Es ging mir gar nicht so sehr um Bonn, ich hatte vielmehr die Befürchtung, dass der Umzug nach Berlin eine Großmannssucht nach sich ziehen würde. Mir hat immer gefallen, dass sich die Regierung hier nicht so breit und wichtig machen konnte.

Haben sich Ihre Befürchtungen bewahrheitet?

Pause: Ein bisschen schon. Da wird einfach wahnsinnig viel und groß gebaut in Berlin. Immer noch. Von den Skandalen will ich gar nicht reden. Dass mehr als die Hälfte der Ministeriums-Leute noch hier in Bonn ist, fällt übrigens gar nicht auf. Angenehm.

Wie hat sich der Umzug bemerkbar gemacht?

Pause: Als erstes mit einem Restaurant-Sterben. Die ganzen Arbeitsessen fanden nicht mehr statt. Wir haben bis heute in Bonn keine attraktive Nachtkneipe mehr, in der man bis morgens etwas zu essen bekommt. Und: In unserem Theater haben wir heute ganz andere Gäste. Früher kamen vor allem die Politiker und Journalisten zu uns ins Kabarett, weil sie etwas erleben wollten am Abend. Gott sei dank sind die Plätze gefüllt worden von den Mitarbeitern der Firmen, die nach Bonn gezogen sind.

Ihre Bilanz des Umzugs?

Pause: Gemischt. Bonn profitiert von der Museumsmeile, hat dadurch einen Hauch von großstädtischem Kulturflair bekommen. Und durch die Ansiedlung von neuen Unternehmen sind viele junge Leute hinzugezogen. Das ist eine wachsende, junge Stadt. Allerdings könnte sich das ändern, wenn irgendwann die restlichen Ministerien doch noch nach Berlin ziehen.

Macht die Stadt genug aus ihrem Potenzial?

Pause: Ich habe da meine Zweifel. Schauen Sie nur, wie die Stadt mit dem Rhein umgeht. Die Promenade doch nicht wirklich schön. Die Stadt öffnet sich einfach nicht zum Rhein hin. Das ist sogar in Wesseling ganz anders. Der Fluss ist ein Pfund, mit dem Bonn viel mehr wuchern könnte, auch touristisch. Aber da tut sich städtebaulich nichts

Woher kommt dieser Stillstand?

Pause: Es wird hier viel geredet, aber dann passiert nicht viel. Das sieht man auch in der Kulturpolitik. Natürlich hat es Kürzungen gegeben, wie in anderen Kommunen auch. Aber die ganzen Diskussionen darüber, ob die Kammerspiele geschlossen werden oder die Oper, die haben kein Ende und führen zu nichts. Ich finde, irgendwann muss man Nägel mit Köpfen machen – so oder so. Das gilt übrigens auch für das geplante Festspielhaus – eine einzige Hängepartie.

Der schrecklichste Ort in Bonn?

Pause: Ganz klar das Stadthaus.

Ihr Lieblingsort?

Pause: Eine Bank auf dem Weg von Mehlem rauf zum Rolandsbogen. Dort oben hat man das, was der Bonner den „Gottesblick“ nennt – auf das Siebengebirge und auf die Stadt. Ich bin davon überzeugt, dass schon Heine dort oben gesessen hat.

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