Aachen - Kabarettist Jürgen Becker spricht über seine Heimat

Kabarettist Jürgen Becker spricht über seine Heimat

Von: Patrick Nowicki
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Nimmt kein Blatt vor den Mund: der Kabarettist Jürgen Becker. Foto: Imago/Sven Simon
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Seit der Silvesternacht ist Köln in Verruf geraten: Doch auch das nimmt Jürgen Becker mit Humor. Foto: Imago/Future Image

Aachen. Das Verhältnis von Jürgen Becker zu seiner Heimatstadt ist schwer zu beschreiben. Der 57 Jahre alte Kabarettist nimmt schließlich oft eine sehr kritische Haltung zu Köln ein. So gründete er die Stunksitzung mit und gehört einem Gremium an, das eine alternative Ehrenbürgerschaft vergibt.

Die Proteste gegen die AfD in Köln und der Wahlkampf in Frankreich machen sein Programm „Volksbegehren“, mit dem er unter anderem in Eschweiler (31. Mai) und Stolberg (1. Juni) auftritt, aktueller denn je. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert Becker, warum er die Gesellschaft plötzlich verteidigen muss und er sich andere Preisträger beim „Orden wider den tierischen Ernst“ wünscht.

 

Sie wurden in Köln geboren und leben dort noch immer.

Becker: Man kann ja nicht dafür, wo man geboren ist. Wenn ich in Aachen geboren wäre, würde ich dort wahrscheinlich auch heute noch leben. Ich bin halt zufällig in Köln auf die Welt gekommen und habe noch keinen Grund gehabt, wegzuziehen.

Sie gehen oft kritisch mit Ihrer Heimatstadt um. Gehört Widerspruch zu ihrem Naturell?

Becker: Man muss sich ja kritisch mit der Gesellschaft auseinandersetzen. Allerdings kommt man heute als Kabarettist da in Schwierigkeiten. Ich bin groß geworden mit dem Gedanken, eine Alternative zur Gesellschaft zu zeigen. Also einen anderen Karneval als Mitgründer der Stunksitzung. Als Eigentümer einer Druckerei arbeitete ich in einer Firma ohne Chef. Aber jetzt merke ich, wo die autoritären Kräfte stärker werden, dass man sich langsam von der Attitüde verabschieden muss, gegen die Gesellschaft zu sein. Jetzt geht es fast darum, sie zu verteidigen. Das macht Kabarett so schwierig im Moment.

Wie empfinden Sie das Aufkeimen nationaler Tendenzen?

Becker: Aachen ist ja nah an Frankreich. Wenn man das Duell Macron gegen Le Pen sieht. Eigentlich ist ja Le Pen links von Macron, wenn man hört, was sie fordert. Sie ist eigentlich Sozialistin. Man kann sogar sagen Nationalsozialistin, wenn man das Wort als Deutscher überhaupt verwenden darf. An diesen beiden macht sich deutlich, wie sich die Gesellschaft in zwei neue Lager teilt.

Nicht mehr Rechts und Links, sondern der eine Teil träumt den liberalen Traum und der andere Teil den autoritären Traum. Der liberale Traum fußt auf der Aufklärung, auf europäischem Gedankengut, was auch in Aachen seine Wurzeln hat. In Köln würde man sagen: Jede Jeck is anders!

Und der autoritäre Traum?

Becker: Dieser keimt neu auf, wenn Menschen nach einer starken Führung und einfachen Antworten rufen. Das sind die beiden Lager. Und im Grunde verbindet der autoritäre Traum Trump, Putin, Erdogan, Le Pen und Orban. Auch die AfD und die Pegida bei uns haben mit den Islamisten und Salafisten mehr gemeinsam, als ihnen lieb sein kann. Sie alle leben den autoritären Traum und verteufeln die Homosexualität. Deswegen hat sich die AfD auch eine lesbische Frau in den Vorstand geholt, um das zu kaschieren.

Haben Sie an den Protesten gegen die AfD in Köln teilgenommen?

Becker: Ja. Ich war mir zunächst nicht sicher, weil ich denke, man darf der AfD auch nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Man darf nicht bei jedem Furz, den die lassen, einen Riesenkrawall machen. Als feststand, dass viele Kölner auf die Straße gehen, bin ich auch mitgegangen.

Ihr aktuelles Programm heißt passend „Volksbegehren“. Haben Sie das bewusst gewählt?

Becker: Im Grunde ist das Begehren der entscheidende Wortteil, schließlich wollte ich kulturgeschichtlich beleuchten, warum alle Herrscher gerade das sexuelle Begehren unterdrücken wollen. Deswegen beleuchte ich das Thema einmal biologisch und einmal politisch.

Und?

Becker: Die Sexualität erzählt viel über uns selbst, was ich zuvor noch gar nicht wusste. Dies gilt auch für die Erotik. Letztlich ist der Sex nicht für die Fortpflanzung da, das ist völliger Quatsch. Fortpflanzung gab es vorher schon. Nehmen wir die Blattlaus. Wenn der nach Fortpflanzung zumute ist, dann bekommt die einfach mal so zehn Töchter am Tag – ohne Zutun eines Lausbuben.

Was macht Sie so sicher, dass die Blattlaus dabei keine Erotik empfindet?

Becker: Das mag schon sein, aber sie braucht keinen Partner. Warum ist die Sexualität also entstanden? Sie entstand in dem Moment, wo mehrere Individuen nötig sind, um eine Mischung entstehen zu lassen, was gesünder ist. Wir kopieren uns also nicht wie die Blattlaus, sondern es entsteht etwas komplett Neues. Und da blicken dann die Bakterien und Viren nicht mehr durch, die uns Menschen an die Wäsche wollen.

Das ist der Grund, warum wir die Sexualität entwickelt haben. Das kann man auf die politische Situation übertragen: Ohne Mischung wird das Volk krank. Wenn wir uns immer nur kopieren, dann kommt aus einem Trottel immer nur ein weiterer Trottel raus. 10.000 Trottel will die Natur einfach nicht.

Ihr aktuelles Programm ist vor mehr als einem Jahr entstanden, seitdem ist viel passiert. Inzwischen ist Trump US-Präsident.

Becker: Ja, Donald Trump ist der mächtigste Vertreter des autoritären Traums. Wenn so jemand plötzlich den Finger am Atomknopf hat, dann wird einem anders. Aber wir sollten gelassen bleiben und das Ganze mit Humor betrachten. Humor bedeutet schließlich, dass man sich alles von oben anschaut und Abstand schafft.

Hätte es ohne den Karneval eigentlich den Kabarettisten Jürgen Becker je gegeben?

Becker: Ohne die Stunksitzung wahrscheinlich nicht. Das war schon die Initialzündung, weil ich dort im Elferrat gnadenlos ausprobieren konnte, was witzig ist und was nicht. Mit der Stunksitzung hatte ich ein Übungsfeld, was für mich enorm wichtig war und wofür ich auch sehr dankbar bin.

Wenn Sie andere Kabarettkollegen sehen, dann treten diese auch im klassischen Karneval auf. War das für Sie nie eine Option?

Becker: Nein. Ich finde das auch ein bisschen schade, denn ich schätze am Karneval eigentlich, dass auch mal ein Polizist oder Pfarrer in die Bütt geht und sich Menschen mit Humor beschäftigen, die ansonsten einen ernsten Beruf haben.

So entstand ja auch der „Orden wider den tierischen Ernst“ in Aachen, obwohl ich manchmal den Eindruck habe, dass dort zu sehr auf den prominenten Namen geschaut wird. Es wäre schön, auch einmal einen auszuzeichnen, der nicht so prominent ist, dafür aber extrem viel Humor hat. Der Orden ist inzwischen so bekannt, dass man auch jemanden aufs Schild heben könnte, den nicht alle kennen. Aber das machen die nicht, glaube ich. (lacht)

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