Kabarettist Jürgen Becker: „Köln ist die erste Stadt, die sich selbst zerstört”

Von: Jens Höhner
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Wirft einen bitterbösen Blick auf die Vorgänge in der Heimatstadt: Jürgen Becker. Foto: imago/Eßlinger

Köln. Falsche Vermessungsprotokolle, verschwundene Eisenteile - der Kölner Kabarettist Jürgen Becker wundert sich über nichts mehr in seiner Heimatstadt. Im Gespräch mit unserer Zeitung stellt er die Frage: „Warum sollte es unter der Kölner Erde anders zugehen als oben drüber?”

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Ereignisse rund um den Kölner U-Bahnbau verfolgen?
Becker: Es gibt in der Geschichte viele Varianten, wie Städte untergehen. Pompeji wurde unter der Asche des Vesuv begraben. Dresden wurde bombardiert. Garzweiler wurde weggebaggert. Aber immer waren es Einflüsse von außen, die für die Zerstörungen verantwortlich waren. Nur eine Stadt bildet die Ausnahme: Köln. Köln ist historisch die erste Stadt, die sich ganz allein und aus eigener Kraft selbst zerstört. Denn schon immer war hier das Motto: „Wat mer nit sälvs määt, weed nit jemaat”, also: Was man nicht selbst macht, wird nicht gemacht.

Ist das typisch für Köln - et kütt wie et kütt? Oder steckt dahinter einfach der gute alte kölsche Klüngel?
Becker: Nein. Der Kölner legt gern selbst Hand an. Er ist Heimwerker, weshalb auch große Bauvorhaben wie eine U-Bahn grundsätzlich von Laien erledigt werden. Täglich kommen neue Erkenntnisse über Skandale beim Kölner U-Bahnbau ans Licht. Und man ahnt: In diesen Tunneln unter der Stadt blühten über Jahre Inkompetenz, Geldgeilheit, Korruption und Dummheit. Was viele Kölner schon nicht mehr überrascht. Denn warum sollte es unter der Kölner Erde anders zugehen als oben drüber? Unten wurden von einem verbrecherischen Polier die stabilisierenden Eisenbügel geklaut und als Schrott verkauft. Kontrolliert hat ihn keiner. Denn das Motto der Baufirma Bilfinger Berger und der Kölner Verkehrs-Betriebe war: „Die Wände in der U-Bahn können ruhig Wasser durchlassen. Hauptsache, wir halten dicht.” Und wenn dabei das Stadtarchiv einbricht.

Wie stark, glauben Sie, ist das Ansehen Kölns bundesweit lädiert?
Becker: Das weiß ich natürlich nicht, aber dies ist ein Umgang mit der Stadt, der zum immer peinlicheren Erscheinungsbild Kölns passt. Was solls, wenn in der Baustelle ein paar Eisenpfosten fehlen? Dafür sitzen ja umso mehr Vollpfosten in den Vorstandsetagen von Bilfinger Beger und KVB. Das muss doch reichen. Und seit wann ist es ein Skandal, die Stadt zu zerstören, indem man jede Menge Schrott verkauft? Schrott verkaufen... Das ist das Prinzip des offiziellen Sitzungskarnevals, des einzigen Kulturgutes, das in Köln noch wirklich wichtig erscheint. Schließlich war die Frage der Frage am Karnevalswochenende nicht: „Wie kann man Köln vor Inkompetenz und Klüngel bewahren?” Nein! Die wichtigste Frage war: „Muss der Rosenmontagszug seinen Weg ändern?” So lange diese Frage mit „Nein” beantwortet wird, kann man in Köln einen Aufstand vermeiden.

Können Sie sich eine solche Häufung von Schlamperei und Pfusch bis hin zu einstürzenden Gebäuden auch in anderen Städten vorstellen?
Becker: Da ist Köln wohl einzigartig, obwohl... Es gab doch schon mal eine Stadt, die sich quasi selbst zerstörte: Rom, das vom Kaiser Nero angezündet wurde. Nero war bekanntlich der Sohn von Julia Agrippina, die Köln im Jahre 50 nach Christus gründete, als Veteranenkolonie - sozusagen als Hafen für alle abgehalfterten Typen des römischen Reiches. Ein großer Erfolg. Denn diese Typen besetzen auch 2000 Jahre später noch viele Schlüsselpositionen der Stadt. Agrippina wurde später von ihrem Sohn Nero getötet. Sie hatte plötzlich den Dolch ihres Sohnes in der Brust. Und ihr letzten Worte waren: „Mein Gott, die eigene Mutter!” Darauf meinte Nero: „Man kann sich nicht jedes Gesicht merken!” Ihm lag es scheinbar in den Genen, das, was ihm am nächsten ist, zerstören zu wollen. Gene, die scheinbar in Köln bis heute überlebt haben.

Wie sieht Ihr Blick in die Zukunft aus?
Becker: Nun wird alles anders: Die Chefs von KVB und Bilfinger, die ihre Baustelle nicht kontrolliert haben - wahrscheinlich, weil sie selbst Schiss hatten, die Grube zu betreten - bleiben zwar auf ihren Posten. Aber drei korrupte Bauarbeiter wurden freigestellt. Die sind jetzt arbeitslos. Aber in Köln wird demnächst ein sinnloses neues Schauspielhaus gebaut. So wie sich die Planungen für dieses Millionenobjekt zurzeit gestalten... Das ist so typisch kölsch: Vielleicht gibts da für die drei demnächst noch mal was zu tun. Dann heißt es wieder: „Eisenbügel 1,95 Euro - alles muss raus!”.
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