JVA-Pfarrer Eichenberg: „Die Menschen hier sind nicht nur Täter“

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
10351295.jpg
Ulrich Eichenberg hat das Amt des evangelischen Seelsorgers in der Justizvollzugsanstalt Aachen übernommen. Foto: Ralf Roeger
10395798.jpg
Blick aus dem Gesprächszimmer von Ulrich Eichenberg, evangelischer Pfarrer in der Justizvollzugsanstalt Aachen, auf den Innenhof der Anlage. Die Glocke im schlichten Gestell läutet regelmäßig zu den Gottesdiensten. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Neun Türschlösser liegen zwischen Haupteingang und Gesprächszimmer, aber daran hat sich Pfarrer Ulrich Eichenberg gewöhnt, schließlich ist er nicht das erste Mal an diesem Ort: Der evangelischer Pfarrer der Justizvollzugsanstalt Aachen kennt sich hier aus.

Die späte berufliche Veränderung – Eichenberg ist 60 Jahre alt – ist bei genauerem Hinsehen eine Rückkehr, denn bereits in der Zeit zwischen 1988 und 2003 war er neben seiner hauptamtlichen Pfarrstelle in Alsdorf in der JVA (damals Adalbertsteinweg) tätig. Die Betreuung Strafgefangener zieht sich wie ein roter Faden durch sein Berufsleben. Schon als Vikar und Pastor in Siegburg war er in der dortigen Jugendstrafanstalt im Einsatz. Nach 27 Jahren hat er nun von seiner Gemeinde der Martin-Luther-Kirche Abschied genommen. Der Kreis schließt sich. Wir sprachen mit Ulrich Eichenberg.

Die Arbeit in einer Justizvollzugsanstalt ist Ihnen vertraut, aber nach 27 Jahren Gemeindearbeit dennoch eine Umstellung. Wie fühlen Sie sich?

Eichenberg: Ich war selbst erstaunt, wie schnell ich hier wieder drin war. Als ich hierher kam, war ich noch vertraut mit vielen Ritualen und Gepflogenheiten, ich kannte noch Kollegen, sowohl aus dem Allgemeinen Vollzugsdienst als auch aus den Fachdiensten. Das hat mir gutgetan. Ich kannte sogar Leute, die hier noch oder schon wieder einsitzen.

Der Abschied von der Gemeinde ist Ihnen doch sicher nicht leicht gefallen?

Eichenberg: In 27 Jahren sind natürlich Beziehungen gewachsen. Ich hatte viel Zeit zum Abschiednehmen. In der JVA wurde ich quasi Nachfolger meines damaligen Nachfolgers von 2003.

Sie waren von Anfang an fasziniert von der Arbeit im Strafvollzug. Wie kam es zu dieser Prägung?

Eichenberg: Ich komme aus dem Essener Norden, in dem ich groß geworden bin. Nach Studium und Vikariat in Siegburg kam ich in den Aachener Raum. In Essen habe ich mich in der kirchlichen Jugendarbeit engagiert. Das war eine gute Vorbereitung.

Mit welchen Problemen wurden Sie schon dort konfrontiert?

Eichenberg: Die Jugendlichen in Essen waren zum Teil sehr gewalttätig, hatten Alkoholprobleme, es fing stark an mit Drogen, aber ich kam mit ihnen sehr gut klar. Spätestens nach einem Praktikum in der Justizvollzugsanstalt Siegburg wusste ich, dass das ein Bereich ist, der mich fasziniert.

Was hat Sie aus seelsorgerischer Perspektive besonders motiviert?

Eichenberg: Die Dichte der Gespräche. Ich habe großes Interesse an diesen Menschen und deren Lebensgeschichten, die häufig dramatisch und kompliziert sind. Gefangene erzählen schnell von sich, und so kommt man ihnen rasch seelsorgerisch näher. Ich habe sehr viel über Menschen in Extremsituationen gelernt.

Was tut ein Pfarrer in einer JVA, wenn er keinen Gottesdienst organisiert?

Eichenberg: An erster Stelle steht, wie gesagt, das intensive Gespräch mit Gefangenen. Sie wenden sich an mich und meine Kollegen in der Regel mit einem Antrag, auf dem sie einen Gesprächswunsch anmelden. Manche sind mittellos und haben kein Geld mehr für Tabak und Kaffee, aber meine Möglichkeiten zur Hilfe sind da beschränkt. Oft geht es darum, den Kontakt mit den Familien zu halten. Das Gespräch über Tabak und Kaffee ist oft nur der Einstieg.

Wie verkraften es Menschen, wenn hinter ihnen die Türen abgeschlossen werden?

Eichenberg: Es dauert lange, bis jemand das auch nur annähernd annehmen kann. Gerade bei jenen, die draußen sehr aktiv waren. Die Tatsache, dass man als Untersuchungshäftling einen Antrag für eine Besuchsgenehmigung stellen muss, wenn man die eigenen Kinder oder die Ehefrau sehen will, ist für viele schwer zu akzeptieren.

Wie sehen sich die Gefangenen selbst?

Eichenberg: Auch diejenigen, die forsch auftreten, haben ein eher schlechtes Bild von sich selbst. Da bin ich gefordert. Die Frage von Wertschätzung führt ja schließlich ins Zentrum theologischer Fragen.

Wenn Ihnen jemand gesteht, dass er schuldig ist, die Tat aber in Verhören vor Gericht bestreitet, müssen Sie das weitergeben?

Eichenberg: Nein, Ermittlungen sind nicht meine Baustelle. Bei uns bestehen seelsorgerische Schweigepflicht und das Beichtgeheimnis. Das wahre ich auch strikt.

Ist das für Sie in diesem Moment eine schwere Belastung?

Eichenberg: Nein. Ich habe einen anderen Auftrag, ich verhöre die Leute nicht, ich kann zudem überhaupt nicht beurteilen, ob jemand Täter sein könnte oder nicht. Wenn mir allerdings jemand völlig unglaubwürdige Dinge erzählt, sage ich schon mal, dass es vielleicht keinen Sinn hat, weiter miteinander über diese Angelegenheiten zu reden. Ich lasse es nicht zu, dass man mit mir spielt. Für mich ist es wichtig, dass hier Menschen nicht auf ihre Tat, auf ihr Versagen reduziert werden, dass sie nicht nur Täter, sondern auch Väter, Brüder, Geschwister sind. In der Vorbereitung zu einem Gottesdienst hat mal jemand aufgeschrieben: „Ich bin mehr als die Summe meiner Taten.“ Gefangene haben eine Würde, die gewahrt werden muss.

Glauben Sie daran, dass ein Mensch sich ändern kann?

Eichenberg: Ich glaube, dass ein Mensch Verhaltensmuster abstellen kann, die für ihn und die Gesellschaft gefährlich sind. Das ist meistens ein langer und schwieriger Lernprozess. Hierzu gehört, dass sich Gefangene in der Freiheit ausprobieren können. Nicht jeder Gefangene kann mit Freiheit umgehen.

Haben Gefangene schon einmal versucht, Sie zu Dingen zu überreden, die nicht korrekt sind?

Eichenberg: Natürlich gibt es das. Man wird gefragt, ob man etwas besorgen und mitbringen kann. Man muss sich da sehr klar abgrenzen.

Glauben Sie an das Gute im Menschen?

Eichenberg: Das wird von Pfarrern erwartet. Nein. Ich bin aber davon überzeugt, dass Gott aus dem Bösen das Gute schaffen kann, und dass wir deshalb immer wieder eine Chance haben. Ich bin nicht naiv. Es heißt im Römer-Brief: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Ich glaube, dass wir von Gott die Kraft geschenkt bekommen, das Gute zu tun.

Hat sich der junge Gefängnisseelsorger, der sie damals waren, verändert?

Eichenberg: Ich gehe gelassener mit Kritik um, ich nehme nicht mehr jeden Konflikt auf, denn meine Kräfte sind begrenzt. Da bin ich vielleicht abgeklärter, ruhiger geworden. Aus der Gemeinde nehme ich die Erfahrung mit, dass Menschen zu Dingen fähig sind, die man ihnen nicht zutraut, dass sie aber auch Potenzial haben. Liebe, Zärtlichkeit, das sind Potenziale, die man bei Menschen, die hier sind, pflegen muss. Echte Bindungen nach draußen sind so wichtig. Ganz schlimm ist es bei denen, die niemanden haben.

Wie geht man mit muslimischen Gefangenen um? Kümmern Sie sich um sie?

Eichenberg: Ich habe keinen muslimischen Kollegen, aber über den Sozialdienst kann der Besuch eines muslimischen Geistlichen organisiert werden. Mit mir kann jeder reden, Muslime kommen sogar in unsere Gottesdienste. Ein Gottesdienstbesuch ist die Gelegenheit, andere zu treffen. Tatgenossen müssen allerdings getrennt bleiben und können nicht gemeinsam einen Gottesdienst besuchen.

Wie hat man sich einen Gottesdienst in der JVA vorzustellen?

Eichenberg: Katholischer und evangelischer Gottesdienst wechseln sich ab. Samstags gibt es einen Gottesdienst für den Bereich der U-Haft, sonntags für den Bereich Strafhaft. So ein Gottesdienst funktioniert nur, wenn man die Gefangenen in ihrer Lebenssituation anspricht. Eine Predigt wie in Kirchen außerhalb der Mauern findet wenig Akzeptanz. Die meisten sind keine regelmäßigen Kirchgänger, wenn sie draußen sind. Zuhören über längere Zeit fällt ihnen schwer. Deshalb versuche ich, ein Gespräch in Gang zu bringen, das um den Bibeltext des Sonntags kreist, und bei dem jeder seine Ideen einbringen kann. Gut ist es immer, wenn der Gottesdienst in einer Gruppe mit Gefangenen vorbereitet wird.

Wie gehen Sie mit dem Begriff des guten Gott-Vaters um?

Eichenberg: Viele haben Väter erlebt, die Kinder und Mutter verprügeln, ich bin da sehr vorsichtig geworden. Ich betone immer, dass Gott wirklich wie ein guter Vater zu uns ist oder wie eine Mutter. Gott ist wie Eltern, die ihre Kinder lieben. Dieses Bild, das viele trotz gegenteiliger Erfahrung als große Sehnsucht mit sich herumtragen, dürfen wir verwenden, um zu begreifen, wer Gott ist.

Wünschen Sie sich Veränderungen im Strafvollzug?

Eichenberg: Der Strafvollzug ist nicht loszulösen von der Gesellschaft. Ich wünsche mir in dieser Gesellschaft größere Gelassenheit. So viele Vollzugslockerungen, bei denen Inhaftierte hinausgehen dürfen zu ihren Angehörigen, gehen gut. Passiert dann bei einem etwas, ist der Aufschrei groß, und schon wird der Ruf laut, dass man solche Leute gar nicht mehr rauslassen darf.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert