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JVA: Mehrarbeit sinkt trotz freier Stellen

Von: Claudia Schweda
Letzte Aktualisierung:
JVA Aachen
Foto: dpa

Aachen. Die Justizvollzugsanstalt Aachen sucht offensiv nach neuem Personal. Seit kurzem hängen große Plakate gut sichtbar an hohen Stahlträgern an der Ausfallstraße aus der Stadt, in deren Hintergrund sich die JVA findet: „Wir bilden aus!“, steht darauf. Derzeit sind nach Angaben der JVA-Leiterin Reina Blikslager neun der eigentlich vorgesehenen 261 Stellen im allgemeinen Vollzugsdienst unbesetzt.

Damit liegt Aachen im Landestrend. Denn von 6420 Stellen im Vollzugs- und Werksdienst in NRW sind derzeit 195 unbesetzt. „Das bewegt sich im ganz normalen Rahmen“, sagt Detlef Feige, Sprecher des NRW-Justizministeriums.

Was sich allerdings nicht überall in NRW im normalen Rahmen bewegt, sind die Überstunden. Spitzenreiter unter den 36 Gefängnissen in NRW ist nach Angaben des Justizministeriums die JVA Hagen mit rund 131 Überstunden, gefolgt von Essen mit 122 Überstunden und Duisburg-Hamborn mit 118. „Daran sieht man, was für eine Arbeit viele meiner Kollegen leisten“, sagt Peter Brock, Landesvorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten. Er sagt aber auch, dass es schwer bis unmöglich sein wird, diesen Berg abzubauen.

In Aachen hat man das mit verschiedenen Maßnahmen in sechs Jahren dennoch geschafft. Heute haben die Beamten im Vollzugsdienst dort noch 49 Überstunden, also knapp sechs Tage, auf dem Konto. „Weniger geht nicht“, sagt Blikslager, „weil die Mitarbeiter dieses Polster für einen zusätzlichen Freizeitausgleich gerne haben.“

In Spitzenzeiten, Ende 2009, hatte die JVA Aachen einen Überstundenberg von 195 Stunden pro Beamtem vor sich hergeschoben. Just zu diesem Zeitpunkt ereignete sich der Ausbruch der beiden Schwerverbrecher Peter Paul Michalski und Michael Heckhoff - es war der erste Ausbruch aus dem einst als höchst sicher geltenden Gefängnis. Damals traten unhaltbare Zustände in Sachen Personal zutage. Neben dem Überstundenberg wurde auch ein Krankenstand von 17 Prozent öffentlich. Auch der liegt heute bei deutlich unter zehn Prozent.

Die Beamten sind mit den Arbeitsbedingungen in der JVA Aachen inzwischen grundsätzlich zufrieden, sagen unisono die JVA-Leiterin und Mitarbeiter gegenüber unserer Zeitung. Der Abbau der Überstunden und die bessere Stimmung ist einer Neustrukturierung des Dienstes geschuldet, die 2009 als „Notdienstplan“ gestartet ist. Blikslager hatte damals als schnelle Reaktion den Dienstplan geändert und mehrere Dienstposten gestrichen - wodurch einerseits die Arbeit auf den verbliebenen Posten natürlich mehr wurde, andererseits aber Überstunden abgebaut werden konnten.

Und auch die Gefangenen bekamen den neuen Dienstplan zu spüren: Der Nachtverschluss wurde freitags von 21.30 Uhr auf 16 Uhr vorgezogen - wodurch der Nachtdienstplan wie auch samstags und sonntags mit deutlich weniger Beamten früher greifen konnte. „Inzwischen wurden einige der zunächst gestrichenen Dienstposten wieder besetzt“, sagt Blikslager, „das hat zu einer spürbaren Entlastung geführt.“

Und das Dienstplanmodell „Elf Tage arbeiten, drei Tage frei", weil jeder alle zwei Wochen den Freitag frei hat, stößt auf Gegenliebe bei den Beamten. Zudem sind alle bemüht, die unbesetzten Planstellen zu besetzen. Für April kündigt das Justizministerium eine Neueinstellung an. Und derzeit läuft eine Bewerbungsphase für Auszubildende. Aber es scheint nicht leicht zu sein, geeignete Kandidaten zu finden. In der ersten Bewerbungsrunde vor zwei Wochen sind 35 Bewerber angetreten.

Geprüft wurde die schulische Grundbildung. Nach der Auswertung sind nur 14 für die zweite Runde zugelassen worden. Und die ist eigentlich die entscheidende. „Die Schwierigkeit ist die charakterliche Eignung für diesen Beruf“, sagt Blikslager, „man muss mit Macht angemessen umgehen können." Damit haben so einige Bewerber offenbar ihre Schwierigkeiten. Es hat schon Bewerbungsrunden gegeben, bei denen von 30 Aspiranten keiner genommen worden ist.

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