JVA-Besuch: Zwischen Schmunzeln und Beklemmung

Von: Christopher Gerards
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Für einen Nachmittag hinter G
Für einen Nachmittag hinter Gittern: Auf ihrem Rundgang durch die JVA in der Aachener Soers mussten die Besucher auch innerhalb der Anlage noch die eine oder andere Sicherheitsschleuse passieren. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Für Familie Hünten aus Herzogenrath hat der Mittag in der Sicherheitsschleuse begonnen. Jetzt steht Sohn Christoph (10) vor einem Tisch im Gefängnis und hat da mal eine Frage. Er deutet auf die CDs: „Was ist mit AC/DC?” Christoph meint die Rock-Band, fragt sich, ob die Häftlinge ihre CDs besitzen dürfen.

„So etwas geht, ja”, antwortet die Vollzugsbeamtin auf dem Flur. AC/DC dürften die Häftlinge hören, Musik mit radikalen Inhalten sei dagegen verboten. So wie das ganze andere Zeug auf dem Tisch: ein Spiegel, eine Schere, Desinfektionsmittel, skandinavische Krabben. Skandinavische Krabben? „Die Tüte ist von außerhalb, nicht von unserer Einkaufsliste”, sagt die Beamtin. Schmuggelgefahr.

Justizvollzugsanstalt Aachen am Mittwoch: Über die Flure flanieren Menschen, die Fragen mitgebracht haben und sie jetzt loswerden. Manche fixieren mit ihren Augen Plakate, verschränken hinter dem Rücken ihre Hände, darin Infozettel. Körperhaltungen, wie sie im Museum vorkommen. Aus dem Gefängnis kannte man sie bisher nicht.

Kein Treffen mit Gefangenen

Die Veranstaltung am Tag der Deutschen Einheit in der JVA Aachen heißt: „EinBlick”. Im Grunde ist es ein Tag der offenen Tür, weil 780 Bürgerinnen und Bürger aus der ganzen Region sich die Justizvollzugsanstalt von innen anschauen dürfen, eine bisher einmalige Sache in Aachen.

Richtig offen ist die Tür für die Besucher natürlich nicht. Sie müssen erst den Sicherheitscheck in der Schleuse passieren - keine Handys, keine Fotos, keine Waffen, den Personalausweis und die Einladung, bitte. Ziel der Aktion soll sein, „dass die Besucher sich selbst ein Bild vom Geschehen hier machen”, sagt Reina Blikslager, die Leiterin der Einrichtung. „Wir möchten unsere Anstalt und unsere Arbeit präsentieren.” Der Rundgang,von 13 bis 18 Uhr verzichte dabei auf Gefangene, weil die 760 Insassen nicht vorgeführt werden sollen.

Dafür zeigen an 15 Stationen einige der 390 Mitarbeiter den Alltag, das Leben in der JVA: in der Schreinerei, in der Küche, der Seelsorge, der Besuchsabteilung. Es dauert eine Weile, ehe man das alles gesehen hat. Ein bisschen sei die JVA wie eine Stadt, sagt eine Besucherin, wegen ihrer Größe. Und ein bisschen ist so ein Tag im Gefängnis für die Besucher auch ein emotionales Wechselspiel, ein Tag zwischen Schmunzeln und Beklemmung.

Hans-Jürgen Möller ist hergekommen, weil er nebenan in der Soers wohnt und ihn das Thema Sicherheit interessiert. Er hat vieles gesehen, die Mauern, die Zäune, die Beamten, er sei jetzt einigermaßen beruhigt. Alles gut. Bloß die „Einzelzelle”, die habe ihn geschockt. Er meint die Station „besonders gesicherter Haftraum”. Wer darin landet, ist entweder suizidgefährdet oder er hat ein sehr massives Gewaltproblem.

In der Mitte des Raumes liegt eine grüne Matratze, Halterungen umgeben sie, um den Häftling zu fixieren. Wer auf der Matratze liegt, kann von oben durch eine Glasscheibe und eine Kamera beobachtet werden. Aus dem Nebenraum schauen Beamten durch eine Scheibe aus Panzerglas. Warum hat die Zelle zwei Türen? Der Beamte sagt: „Damit zwei Kollegen gleichzeitig hinein können.”

Wenn sie sich das alles so anschaut, sei es gar nicht schlecht, findet Karen Ziegenhagen, 72 ist die Dame aus Aachen. „Alles schön sauber hier. Ich bin total überrascht.”

Sie hat gerade mit ihren beiden Begleiterinnen die Sporthalle besichtigt und lässt das nochmal Revue passieren. Auf der Empore stapeln sich Gewichte, unten gibt es Badminton-Felder, Spinningräder, Tischtennisplatten, ein Kunstrasen ist draußen verlegt. „Denen fehlt hier eigentlich nichts.”
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