Aachen - JVA-Ausbrecher lächelten zum Abschied nochmal in die Kamera

JVA-Ausbrecher lächelten zum Abschied nochmal in die Kamera

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:
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Galt bis vor einem Jahr als ausbruchssicher: Am 26. November 2009 spazierten die beiden Schwerkriminellen Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski durch die Schleusenpforte der JVA-Aachen. Das war um 20.05 Uhr, eine Viertelstunde später gab es Alarm. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Vor einem Jahr: Es ist 20.05 Uhr am 26. November 2009. An der Pforte und im Inneren der Aachener Justizvollzugsanstalt herrscht Ruhe. Gerade macht der Fahrdienst seine Runde. Ein Hundeführer der Polizei lässt sein Tier in der Nähe der Anstalt Gassi gehen. Niemand außer dem später im Ausbrecherprozess Mitangeklagten Justizbeamten Michael K. ahnt, dass die Nachtruhe 15 Minuten später in einem heillosen Tohuwabohu enden wird, weil zwei ungenehmigte Abgänge aus Haus IV zu vermelden sind.

Doch da sitzen die entwichenen Schwerverbrecher Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski bereits im Taxi auf der A4, befinden sich schätzungsweise zwischen Weisweiler und Düren.

Die beiden waren ruhigen Schrittes und in die Videokameras lächelnd aus der Anlieferpforte des Gefängnisses getreten. In der Wachzentrale dachte man, so stellte sich später im Prozess heraus, zwei Sportbeamte der Anstalt hätten Feierabend. Was niemand glauben mochte: Der Kollege im Pfortendienst hatten den Gefangenen die Türe aufgemacht, dazu zwei Dienstpistolen ausgehändigt, ein Kollege blieb gefesselt in der Durchfahrt zurück.

Erst drei und fünf Tage später waren beide wieder in Haft.

Wenn am kommenden Montag der 32. Verhandlungstag im Ausbrecher-Prozess am Aachener Landgericht beginnt, ist immer noch kein Ende abzusehen. Zwar bereitet sich die Aachener Staatsanwaltschaft seit dieser Woche auf ihren Auftritt - heißt: auf ihre Plädoyers - vor. Doch die sechs Verteidiger werden wohl noch nicht klein beigeben.

Warum braucht die Justiz so lange bis zu einem Urteil?

Einfach „kurzen Prozess machen” mag dem Wunsch der Massen entsprechen. Juristisch aber geht das nicht. Der Strafprozess in einem Rechtsstaat schreibt eine genau festgelegte, öffentliche Beweisaufnahme vor.

Die 8. Große Strafkammer am Aachener Landgericht mit dem Vorsitzenden Richter Hans Günter Görgen bekommt hier gute Noten. Nach Ansicht der Prozessbeteiligten ist die Kammer sehr an einer rückhaltlosen Aufklärung der Fluchtumstände und der Hintergründe interessiert. So wurden ausgiebig die Opfer befragt, Mithäftlinge gehört, das Wachpersonal zu den Flucht- und Lebensumständen in der JVA.

Vor allem die Vorwürfe der Angeklagten, das Aachener Gefängnis sei eine reine Verwahranstalt mit verheerender Personalnot und zerstörerischer Perspektivlosigkeit, wurden ernst genommen. Auch Manipulationsvorwürfe beim Videomaterial wurden detailliert behandelt.

Dazu kommt, dass zehn Tage lang nur „gebremst”, etwa drei Stunden lang pro Tag, verhandelt werden konnte, weil der Angeklagte Michalski (47) angab, wegen Migräneanfällen dem Prozess zeitlich nicht länger folgen zu können. Hierzu wurden Gutachten eingeholt, die eine Erkrankung nicht bestätigten.

Um welche Tatbestände dreht sich der Fluchtprozess?

Die Flucht an sich ist nicht strafbar. Doch bereits die Überwältigung des Beamten in der Schleuse ist eine Straftat, eine Körperverletzung und Freiheitsberaubung. Es folgt im Taxi erpresserischer Menschenraub, Geiselnahme, Nötigung und mit der Aneignung der Taxifahrerbörse ein Raub.

Eine zweite Geiselnahme folgte in Köln, eine weitere in Essen. Für Michalski, der zwei Tage länger in Freiheit war, kommt eine weitere versuchte Geiselnahme hinzu. Die Anklage wegen Diebstahls eines Damenfahrrads, auf dem er radelnd am Niederrhein gestellt wurde, ist wohl eingestellt worden. Dazu kommt illegaler Waffenbesitz.

Wie waren die Bedingungen in der JVA vor der Flucht?

Die Angeklagten haben mit ihrem „Auschecken aus der JVA”, wie Heckhoff es nannte, hoch gepokert. Beide sind seit mehr als drei Jahrzehnten in Haft, beide klagen über die völlige Perspektivlosigkeit des Vollzuges.

Heckhoff fühlte sich in Aachen kaltgestellt und von der JVA-Leitung in seinem Bestreben, durch gute Führung ein eventuell absehbares Haftende herbeizuführen, völlig missachtet. Er begann Fluchtpläne zu schmieden, die im übrigen ständiges Thema in jeder JVA sind.

Etwas anders liegt der Fall Michalski: Der Häftling hörte inoffiziell, er solle verlegt werden. In einer neuen Anstalt hätte für den verurteilten Mörder wieder eine neue Zeit der Einzelhaft begonnen, „Kennenlernphase” heißt das. Michalski wollt das nicht wieder erleben, weil er sich psychisch dazu nicht mehr in der Lage sah.

Alle Gefangenen müssen laut Gesetzeslage eine Resozialisierungsperspektive bekommen und dürfen nicht nur „verwahrt” werden, auch wenn Heckhoff bereits zu einer zehnjährigen Sicherungsverwahrung verurteilt ist. Im Strafvollstreckungsrecht gibt es eine verfassungsrechtlich anerkannte Resozialisierungsverpflichtung des Staates. Strafzweck ist laut Gesetz das Herbeiführen einer verantwortlichen Lebensführung nach der Entlassung.

Was erwartet die Angeklagten?

Mit ihrer Flucht hätten sie lediglich auf ihre Lage aufmerksam machen wollen, sagen Heckhoff und Michalski. Die Geiseln seien „so schonend wie möglich” behandelt worden. Trotzdem bleibt die Straftat bestehen wie auch die psychischen Spätfolgen für die Opfer.

Die psychiatrischen Gutachten, insbesondere für Heckhoff, honorieren das nicht. Sie attestieren dem notorischen Schwerkriminellen einen Hang zu Straftaten und befürworten eine zweite Sicherungsverwahrung. Das würde bei einem entsprechenden Richterspruch für beide bedeuten, dass sie voraussichtlich in der Haft sterben werden.

So gab es im Prozess einen erbitterten Streit um die Gutachten von Heckhoff, dessen Anwalt die Hauptgutachterin ablehnte. Das Gericht folgte dem Antrag nicht, lehnte auch Anträge ab, hochrangige Funktionsträger wie Anstaltsleiterin Reina Blikslager oder die Ex-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter zu den Haftbedingungen zu hören.

Der einziger Vorwurf, den die Kammer bislang nicht ausgeräumt hat: Hier mussten die Justiz-Beamten die Kohlen aus dem Feuer holen - was nicht immer gelang.
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