Jute-Lieblinge aus alten Stoffen

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Alice Faßbaneder und ihre besten Stücke: Rund 1000 Kaffeesäcke hat sie gesammelt, um sie zu verarbeiten. Foto: Harald Krömer

Region. Als Alice Faßbaender den ersten Aachener Mädelsflohmarkt organisierte, war sie nicht nur aufgeregt. Es plagten sie auch Zweifel an den Erfolgsaussichten. Würden zehn oder 100 Besucherinnen kommen? 1000 waren es schließlich, die am 13. April 2013 in den Räumen der Katholischen Hochschulgemeinde auf die Suche nach Schnäppchen für ihren Kleiderschrank gingen.

Die Erfolgsfrage war damit schnell beantwortet. Die Aufregung hingegen sei geblieben, sagt Alice Faßbaender und lächelt. „Am Tag davor und am Tag selbst ist sie am größten. Man hofft die ganze Zeit, dass alles wie geplant läuft.“

Alice Faßbaender, 41, mit langen dunklen Locken und einem offenen, sympathischen Gesicht, sitzt am großen Holztisch in ihrer geräumigen Wohnküche. In der Tasche neben sich steckt der Rest der 22.000 Flyer und 300 Plakate, den es noch vor kommender Woche Samstag zu verteilen gilt. Dann geht der Aachener Mädelsflohmarkt mit dem Namen „Aixtravagant“ in seine vierte Runde.

„Diesmal waren die Plätze innerhalb von 45 Minuten ausgebucht. Das ist unser bisheriger Rekord“, sagt sie. Die Idee hinter dem Markt, den es auch schon in vielen anderen Städten gibt, erklärt sie so: „Die meisten Frauen haben ja den Kleiderschrank voll und trotzdem oft das Gefühl, nichts Passendes darin zu finden. Und was die eine nicht mehr möchte, findet eine andere vielleicht ganz super und umgekehrt.“

Die zweite Auflage des Mädelsflohmarktes gab es in der Aula Carolina, wo auch die darauffolgenden stattfanden und die nächsten stattfinden werden. In der Katholischen Hochschulgemeinde war schlicht nicht genug Platz. „Dort hatte ich eine Liste ausgelegt. Wer gerne beim nächsten Mal verkaufen würde, sollte sich eintragen.“ 180 Interessentinnen kamen so zusammen. Selbst für eine imposante Halle wie die Aula Carolina waren das noch zu viele. „Viel größer wollen wir aber auch nicht werden. Und die Aula mit ihrer tollen Atmosphäre ist ja auch ein wunderschöner Ort.“

Bevor sie und ihr Mann Addi den Aachener Mädelsflohmarkt ins Leben gerufen haben, hatten sie sich bereits als Organisationsteam bewährt. Zwei Mal veranstalteten sie den euregionalen Handarbeits- und Designmarkt Aix-la-Design. Als dann „Aixtravagant“ dazu kam und derart einschlug, gaben die beiden ihr erstes Projekt schweren Herzens auf. „Es hat uns auch viel Spaß gemacht, aber zwei Märkte waren einfach zu viel Arbeit“, sagt Alice Faßbaender.

Dabei liegen ihr Design und Handwerk von Hause aus näher als Second-Hand-Mode und Event-Management: Seit einigen Jahren verkauft sie im Internet erfolgreich selbstgenähte Accessoires aus recycelten Kaffeesäcken. „Coffeeshop-Alice“ heißt ihr Online-Laden. Ein Name, bei dem Tochter Sheila (18) und Sohn Robin (17) die Hände über dem Kopf zusammenschlugen.

„Da denken doch alle, du verkaufst Drogen“, sagten sie. Dieser Gedanke komme aber tatsächlich nur Menschen aus der Region, wegen der Nähe zu den Niederlanden. „In anderen Städten bin ich darauf noch nie angesprochen worden.“ Ihre Körbchen, Kissen, Mäppchen, Täschchen, Handy- und iPad-Hüllen präsentiert und verkauft sie regelmäßig auf Messen in ganz Deutschland. Wichtig sei ihr der Gedanke des Wiederverwertens, der auch beim Mädelsflohmarkt eine zentrale Rolle spiele.

Im Anbau des Hauses in Würselen, in das Alice Faßbaender mit ihrer Familie aus Aachen vor fünf Jahren gezogen ist, hatte der vorherige Besitzer seine Taubenzucht untergebracht. Heute zeugt davon noch die eine oder andere Urkunde aus den 50er Jahren, die die Faßbaenders haben hängen lassen. Ansonsten stapeln sich dort etwa 1000 Kaffeesäcke.

„Es sind so viele, damit mein Vorrat reicht, falls mal keine mehr hergestellt werden. Es gibt ja inzwischen auch schon welche aus Kunststoff.“ Sortiert sind sie nach farblichen Motiven und Herkunftsland. An manchen hängt ihr Herz derart, dass sie sie aufbewahrt statt zu verarbeiten. Sie zeigt einen ihrer „Lieblinge“, wie sie sie nennt. Er kommt aus Indonesien, ein blau-schwarzer Orang-Utan ist groß darauf gedruckt. „Davon habe ich nur zwei, deshalb sind sie umso wertvoller für mich.“

Ihre Begeisterung für die ausgedienten Jutesäcke mit den bunten Drucken kann nicht jeder nachvollziehen. Als sie mit ihrem Anliegen das erste Mal in einer Rösterei in Maastricht vorsprach, habe man sie gefragt, warum sie denn nicht einfach Jute am Meter kaufte. Quellen hat sie einige, darunter Plume_SSRqs Kaffee in Aachen. „Firmenchef Jürgen Vogeler teilt auch meine Liebe zu den verschiedenen Exemplaren.“ Einige Röstereien verlangten Geld, andere gäben die Säcke umsonst ab. „Als ich angefangen habe, gab es sie noch überall kostenlos, aber inzwischen ist die Nachfrage gestiegen und damit auch der Preis.“

Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, den Mädelsflohmarkt zu organisieren, näht Alice Faßbaender im Durchschnitt fünf Stunden am Tag für ihren „Coffeeshop“. An der Nähmaschine gesessen hat sie schon als Teenager gerne. „Ich habe Kleidung für mich genäht. Und später dann für die Kinder. Irgendwann ist aus dem Hobby eben mehr geworden.“

Ihr kleines, vollgestopftes Nähatelier befindet sich im Dachgeschoss des Hauses. Zuschneiden muss sie die Säcke aber auf einer Werkbank im Anbau. „Sie wirbeln zu viel Dreck und Staub auf.“ Aus einem gängigen Kaffeesack kann sie vier ihrer kleinen Allzweckkörbe, genannt Utensilos, fertigen. Ganze Säcke in einem Rutsch hat sie ebenfalls verarbeitet: gefüllt mit Styroporkügelchen als Liegekissen für die Hunde Emma und Ben.

Zwischenzeitlich lernte auch Addi nähen und begleitete sie in einem Jahr auf 18 Messen. 2010 war das, als er seinen Job verlor und lange nichts Neues in Aussicht war. Seit anderthalb Jahren hat er eine neue Stelle, weswegen Alice Faßbaender sich nun auch größtenteils alleine um die Organisation des Mädelsflohmarktes kümmert.

Die Familie greift ihr natürlich trotzdem noch unter die Arme, etwa beim Flyer verteilen, Plakate aufhängen, Kassieren, Fotografieren, mit Verkäuferinnen und Besucherinnen sprechen. Mit Sicherheit wird die Familie auch wieder gemeinsam über die meterlange Schlange staunen, die sich vor der Aula Carolina immer bildet, wenn dort Mädelsflohmarkt ist.

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