Justizforum zum Thema Inklusion: Eine große Idee, die alle frustriert

Von: Marlon Gego
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Justizforum
Beim Justizforum zum Thema Inklusion, moderiert von unserem Redakteur Manfred Kutsch (links), wird der Ärger der von den Unzulänglichkeiten der Umsetzung frustrierten Lehrer offenkundig. Der Vertreter der Oberen Schulaufsicht hatte eine schweren Stand.

Aachen. Am Ende stand der Vertreter der Bezirksregierung ein bisschen mit dem Rücken zur Wand und musste den Zorn der Lehrer über sich ergehen lassen. Der neue Frust des Lehreralltags entlud sich in Ärger, Hohn und rhetorischen Fragen, mehrere Male stand Karl-Robert Weigelt, Leitender Regierungsschuldirektor bei der Bezirksregierung Köln, kurz davor, ausgepfiffen zu werden.

Das hatte es so beim Justizforum unserer Zeitung und den Aachener Gerichten auch noch nicht gegeben.

Die dauernde Präsenz des Themas Inklusion mag vielen Unbeteiligten nicht recht erklärlich sein. Diejenigen aber, die sich im beruflichen Alltag mit der konkreten Umsetzung der großen Inklusions-Theorie befassen müssen, brauchen dringend das Gehör derer, die das System erfunden haben, mit dem der inklusive Schulunterricht seit diesem Schuljahr in NRW eingeführt wird. Das wurde selten deutlicher als am Mittwochabend im Aachener Justizzentrum.

Weigelt, Vertreter der Oberen Schulaufsicht, hatte vor der Diskussion etwas umständlich erklärt, was ohnehin jeder weiß und jeder will: Chancengleichheit für alle Schüler, behindert oder nicht, Selbstbestimmung, Abbau von Barrieren und Diskriminierung, all das gehöre zum Leitbild der Inklusion. Er sagte, dass die Lehrerausbildung neuen Erfordernissen angepasst werden müsse und so weiter. Selbstverständlichkeiten.

Willi Linkens, Bürgermeister in Baesweiler, zeigte dann allerdings auf, dass es mit der Inklusion, wie Bezirksregierung und Schulministerium sie sich vorstellen, so trotz aller von Weigelt beschworenen und unbestrittenen Vorteile nicht geht. Zentraler Punkt, leider: das Geld. Das Ministerium übertrage das Gros der finanziellen Last den ohnehin unterfinanzierten Kommunen, Linkens erläuterte, warum eine entsprechende Klage der Kommunen vor dem NRW-Verfassungsgerichtshof einige Aussicht auf Erfolg hat. Und dass geklagt wird, steht für Linkens fest, wenn sich die Landesregierung in finanziellen Fragen nicht noch erheblich bewegt.

Auch Gerd Ascheid, Vorsitzender der Aachener Lebenshilfe, ist überhaupt nicht zufrieden mit der Umsetzung der großen Idee Inklusion. Bei Klassengrößen von bis zu 30 Schülern sei individuelle Förderung unmöglich, erst recht, wenn nicht ständig ein Lehrer und ein Sonderpädagoge pro Klasse zur Verfügung stehen. Überdies seien viele Regelschulen für Behinderte nicht sicher: Barrierefreiheit überall gleichermaßen zügig umzusetzen, sei „den ohnehin unterfinanzierten Schulen unmöglich“.

Und dann die Diskussion: Unmutsäußerungen, Sorgen, Frust. Zu Wort meldeten sich überwiegend mit der Umsetzung der Inklusion befasste Lehrer, die meisten Fragen richteten sich an Karl-Robert Weigelt. Seine Erklärungsversuche wurden mit Kopfschütteln quittiert, mit Gelächter, mit wütenden Zwischenrufen. Individuelle Lehrer-Probleme mochte er nicht recht kommentieren, was verständlich war. Gern hätte man an seiner Stelle NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) gesehen. Ein Lehrer aus Hückelhoven fragte provozierend, ob sich vor der Inklusion eigentlich irgendjemand durch das Schulsystem benachteiligt und diskriminiert gefühlt habe. Lauter Applaus.

Manfred Kutsch, Redakteur unserer Zeitung und Moderator des Forums, beendete die Veranstaltung mit einer so überraschenden wie wahren Einsicht. Als Bruder einer behinderten Schwester, die sich in den 60er Jahren gewohnheitsmäßig als Krüppel hat bezeichnen lassen müssen, sagte er: „Ist es nicht schön, dass wir uns bei der Integration von Behinderten heute über so nebensächliche Aspekte wie Geld streiten können?“

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