Justizforum: Identität behalten und Kultur auf vielfältige Weise bereichern

Von: Norbert Greuel
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Freiwillige Entscheidung oder Zwang? Bei Bekleidungsfragen, zum Beispiel dem Tragen eines Kopftuchs, ist die Unterscheidung zwischen Werten und Kultur mitunter schwierig. Foto: dpa

Aachen. Integration von Flüchtlingen ist nur dann erfolgreich, wenn multikulturelle Vielfalt auf gemeinsamen Werten basiert. Fragen und Antworten.

Was ist eigentlich mit „Integration“ gemeint?

Der Begriff Integration kann unterschiedlich verstanden werden. In Bezug auf die Flüchtlinge verstehen wir als Bürgerstiftung unter Integration nicht, dass Flüchtlinge sich uns völlig anpassen und sozusagen Deutsche werden. Wir meinen, dass sie ihre kulturelle Identität behalten und in Deutschland weiterhin ausleben und damit unsere heute schon vielfältige Kultur weiter bereichern können.

Wie definieren wir den Begriff?

Dieser Integrationsbegriff wird heute mit dem Wort „Inklusion“ bezeichnet. Dazu gehören unter anderem die Wertschätzung der Vielfalt, Partizipation und Teilhabe, Chancengleichheit und die Betrachtung jedes einzelnen Menschen in seiner Individualität. Die multikulturelle Vielfalt muss allerdings eine gemeinsame Werte-Basis haben. In Deutschland ist diese Basis nicht religiös, sondern alleine durch das Grundgesetz begründet. Integration in diesem Sinne ist Aufgabe aller Mitglieder der Gesellschaft, nicht nur allein der Flüchtlinge.

Was ist eigentlich mit Werten gemeint?

Werte stellen die ethische Grundlage unseres Zusammenlebens dar. Damit ist nicht gemeint, dass das Grundgesetz eine Art Hausordnung für das Leben in Deutschland ist, aus dem exakt hervorgeht, wie sich jeder konkret zu verhalten hat. Die im deutschen Grundgesetz festgelegten Werte wie Meinungs-, Religions- und Versammlungsfreiheit stellen den Rahmen dar, in dem sich jeder bewegen kann, sie bieten jedoch keine konkreten Verhaltensvorschriften.

Worauf kommt es an?

Darauf, dass jeder für sein eigenes Handeln die Verantwortung übernimmt und den Werterahmen einhält. Wir Deutsche mussten nach der Nazidiktatur mühsam lernen, diese Grundwerte mit Leben zu füllen. Heute dürfen wir uns zu einem sehr großen Teil als gefestigte Demokraten bezeichnen. Diesen Lernprozess – und die dafür nötige Zeit – müssen wir auch Flüchtlingen zugestehen, die aus Ländern mit einer völlig anderen Werteordnung zu uns kommen.

Was bedeutet eigentlich „Multi-kulti“?

„Multikulti“ bedeutet, dass wir alle – Einheimische und Zugewanderte – in Deutschland keine einheitliche deutsche Kultur leben, sondern vielmehr von mehreren Kulturen beeinflusst werden und sie in unser Alltagshandeln aufgenommen haben. Dazu gehören Speisen und Getränke, Theater, Tanz, Musik, aber auch die Art, wie wir Hochzeiten feiern oder religiöse Rituale praktizieren. Diese Unterschiedlichkeit verstehen wir als Bereicherung.

Was ist der Unterschied zwischen Werten und Kultur?

Wie jemand heiratet, was jemand isst und trinkt, welche Musik er hört etc. – all das gehört zur Kultur und mag fremd erscheinen, wir müssen es jedoch akzeptieren, und letztlich bereichert es uns alle. Ein Problem kann beispielsweise entstehen, wenn jemand angibt, der Umgang der Geschlechter in seiner Heimat – keine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau – gehöre zur Kultur, und diese Kultur wolle er auch hier leben. Wir müssten ihn darauf hinweisen, dass es sich dabei nicht um eine kulturelle Frage, sondern um ein Wertethema handelt und dass gemäß des Grundgesetzes die Gleichberechtigung der Geschlechter Basis des Zusammenlebens ist. Daran muss sich auch jeder Flüchtling halten, der in Deutschland leben will.

Was bedeutet das für Kopftuch und Ganzkörperverschleierung?

Schwieriger ist die Auseinandersetzung mit Bekleidungsfragen. Beispiel: Ein Kopftuch zu tragen, gehört zu den selbstverständlichen individuellen Freiheiten, wenn es freiwillig getragen wird. Wenn Zwang ausgeübt wird, ist das Kopftuch Ausdruck einer Werteordnung, die nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Der Unterschied ist kaum von außen feststellbar. In einigen Ländern ist das Tragen einer Ganzkörperverschleierung verboten. Dass diese Anforderung Menschen in Probleme und Konflikte stürzen kann, ist nachvollziehbar, und es ist sehr sinnvoll, ihnen bei solchen Konflikten Hilfestellungen anzubieten, zum Beispiel über ein Patensystem.

Wie können wir Menschen dazu anhalten, unsere Sprache zu lernen und Werte zu akzeptieren?

Es lohnt sich aus mehreren Gründen, sich intensiv mit den Werten des Grundgesetzes zu beschäftigen. Zum einen können wir nur dadurch den Flüchtlingen unsere Werteordnung deutlich machen, die auch Basis für ihr Handeln werden muss. Zum anderen hilft es uns selbst in der Auseinandersetzung mit der erstarkenden Rechten, dass wir uns unserer Wertebasis vergewissern und sie offensiv vertreten, wenn beispielsweise gefordert wird, auf Flüchtlinge zu schießen, oder wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe angegriffen werden. Aus unserer Sicht stellen menschenverachtende Äußerungen, etwa der AfD, eine tatsächliche Gefahr für unsere Demokratie dar, während die Integration von Flüchtlingen eine Herausforderung ist, die wir bewältigen werden, wenn alle guten Willens sind.

Norbert Greuel ist Co-Autor des Grundrechtepapiers der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen

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