Aachen - Justizforum: Das falsche Klischee der laschen Gefängnisse

Justizforum: Das falsche Klischee der laschen Gefängnisse

Von: Rolf Hohl
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Wie geht es wirklich in den Gefängnissen zu? Das von Manfred Kutsch moderierte Justizforum unserer Zeitung bot neue, zum Teil auch überraschende Einblicke in den nordrhein-westfälischen Strafvollzug. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Der Strafvollzug ist eine Welt für sich, die meist nur dann in das öffentliche Interesse rückt, wenn etwas schief gelaufen ist. Ob bei einem rückfällig gewordenen ehemaligen Insassen oder bei vermeintlich zu niedrigen Strafen, schnell ist vom Scheitern und Versagen des Justizsystems die Rede.

Zu Unrecht, wie sich bei näherer Betrachtung zeigt. Beim Justizforum im Aachener Justizzentrum rückten Juristen und Experten aus der Praxis einige schiefe Behauptungen wieder gerade. Die Bilanz des nordrhein-westfälischen Strafvollzugs, so betonte der Strafrechtsprofessor Michael Kubink, kann sich nämlich durchaus sehen lassen.

„In Gefängnissen muss man mit problematischen Menschen unter problematischen Umständen arbeiten. Dennoch müssen über 80 Prozent der entlassenen Häftlinge nicht zurück hinter Gitter und werden höchstens wegen kleinerer Delikte wieder auffällig“, sagte er. Die Idee, die viele Leute in der Bevölkerung hätten, dass Gefangene möglichst vollständig von der Gesellschaft abzuschirmen seien, würde die Resozialisierung lediglich auf die Zeit nach dem Vollzug verschieben und damit erheblich erschweren.

Gerade beim Prozess der Wiedereingliederung in die Gesellschaft außerhalb der Gitterstäbe geht der Vollzug auch ein gewisses Risiko ein. Eines aber, das sich lohnt, wie Torsten Verrel sagte, der Direktor des Kriminologischen Seminars an der Universität Bonn. Denn auch wenn es bei begleiteten Freigängen manchmal zu Straftaten kommt, so seien diese Delikte in der absoluten Mehrheit geringfügig und selbst entflohene Häftlinge in der Regel nach kürzester Zeit wieder hinter Gittern. Die mediale Aufbereitung verbreite hingegen oft ein desaströses Bild von einem laschen Vollzug, der den Gefangenen zu viel Freiheit lasse.

Wenn es um die Gefahr von Rückfällen geht, muss sich die Justiz auf entsprechende Prognosen verlassen. Das gilt in besonderer Weise etwa für die Aussetzung von Sicherungsverwahrungen, die am Aachener Landgericht in der Strafvollstreckungskammer unter dem Vorsitz des Richters Holger Brantin geschieht. In rund 1000 Fällen pro Jahr müsse seine Kammer darüber entscheiden, wer seine Zeit weiterhin in einem Gefängnis oder einer psychiatrischen Anstalt zubringt – im Zweifel für den Rest seines Lebens.

„Die landläufige Meinung, dass spätestens nach 15 Jahren jeder entlassen werde, ist falsch. Tatsächlich wird die Verlängerung oder Aussetzung solcher einschneidender Maßnahmen ständig durch Gutachten neu beurteilt“, sagte er. So hat sich nicht nur das Justizwesen weiterentwickelt, auch gesellschaftliche Veränderungen kommen letztlich in den Gefängnissen an.

Die Herausforderungen erlebt der Leiter der Justizvollzugsanstalt Rheinbach, Heinz-Jürgen Binnenbruck, aus nächster Nähe: Suchtmittelabhängigkeit sei derzeit ein großes Thema und die wachsende Zahl ausländischer Gefangener. Hier werde mit Sprach- und Integrationskursen und berufsbildenden Maßnahmen entgegengewirkt: „Wir lassen die Leute nicht in Ruhe und gehen immer wieder auf sie zu“, betonte er.

Zu wichtig ist der Erfolg solcher Angebote für die Sicherheit der gesamten Gesellschaft. Und noch etwas beschäftigt nicht nur die Anstalt Rheinbach zusehends: die Gefangenen werden immer älter. Von den rund 16 500 Insassen in den 36 Strafanstalten in NRW sind derzeit mehr als 500 über 60 Jahre alt.

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