Justizforum: Auch Ärzte können Fehler machen

Von: Marlon Gego
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„Wir haben in der Medizin in Deutschland keine Fehlerkultur“, sagte die Ärztin Ursula Fabry am Donnerstagabend beim Justizform unserer Zeitung und des Landgerichts im Aachener Justizzentrum. Foto: Stephan Rauh

Aachen. Der entscheidende Satz fiel kurz vor dem Ende der Veranstaltung, und er erklärt vielleicht am besten, warum es in Deutschland immer noch verhältnismäßig schwierig ist, einen Arzt wegen eines Behandlungsfehlers zu belangen. „Wir haben in der Medizin in Deutschland keine Fehlerkultur“, sagte die Ärztin Ursula Fabry.

Denn obwohl jeder weiß, dass alle Menschen Fehler machen, auch berufliche, werden Ärzten weder Fehler zugestanden, noch gestehen Ärzte Fehler gerne ein. Das hat viel mit der Stellung des Krankenhausarztes innerhalb der Gesellschaft als Beschäftigter im Staatsdienst zu tun, aber vielleicht noch mehr mit den Erwartungen, die Patienten an die Ärzte haben: Bloß keine Fehler machen, nicht bei mir.

Das von Manfred Kutsch moderierte Justizforum, eine Kooperation von Landgericht Aachen und unserer Zeitung, hat am Donnerstagabend im Justizzentrum versucht zu skizzieren, wann und wie Patienten gegen Behandlungsfehler von Ärzten vorgehen können. Um es vorwegzunehmen: Es ist schwierig.

133 Prozesse pro Jahr

Die Aachener Rechtsanwältin Christiane Willms legte dar, dass der Patient selbst dem Arzt nachweisen muss, dass er einen Behandlungsfehler begangen oder ihn vor einem Eingriff falsch aufgeklärt hat. Heinz-Dieter Carduck, der über solche Fälle am Aachener Landgericht entscheidet, erklärte, dass die Aussicht auf Erfolg eher gering, ein Prozess langwierig und überdies noch teuer ist. Mehr als die Hälfte der Fälle, die vor Gericht enden, gewinnen die Ärzte. Dass ein Gericht einem prozessierenden Patienten mehr als 50 Prozent seiner geltend gemachten Ansprüche zuerkennt, sei am Landgericht Aachen seit 2010 in nur 16 Prozent aller Fälle geschehen.

Natürlich liegt das nicht an Heinz-Dieter Carduck, sondern an den geltenden Gesetzen, die, man muss es so sagen, es dem Patienten schwer machen, gegen Ärzte vorzugehen. Und es liegt auch an den ärztlichen Gutachtern, die in den Prozessen vor Gericht eine entscheidende Rolle spielen: Es müssen schon einigermaßen schwere Fehler begangen worden sein, damit der gutachtende Arzt dem beklagten Arzt attestiert, falsch gehandelt zu haben.

Carduck erklärte, dass im Landgerichtsbezirk, der die Region Heinsberg, Düren, Aachen und Schleiden einschließt, durchschnittlich etwa 133 Patienten pro Jahr gegen Ärzte prozessieren würden. In einem Gebiet, in dem es etwa 5500 Krankenhausbetten und 4500 niedergelassene Ärzte gibt, „ist das wirklich nicht viel“, sagte Carduck.

Der Orthopäde Markus Tingart, Chefarzt am Klinikum, verdeutlichte die zentrale Bedeutung des Aufklärungsgesprächs vor einer Operation. Für den Arzt sei dies Routine, für den Patienten in der Regel eine Ausnahmesituation. Keine guten Voraussetzungen für das optimale Gelingen eines solchen Gesprächs.

Deswegen betonte Tingart, dass sich Patienten immer auch über die nach einer Operation erforderlichen Nachbehandlungen ins Benehmen setzen lassen und gut zuhören sollen, damit sie nach dem Krankenhausaufenthalt nicht von längeren Reha-Behandlungen überrascht würden. Und, ganz wichtig: Immer auch mit dem Arzt darüber sprechen, welchen Verlauf eine Krankheit voraussichtlich nimmt, wenn auf eine Operation verzichtet wird.

Eine wichtige Anlaufstelle für Patienten, die glauben, von Ärzten falsch behandelt worden zu sein, ist die Gutachterkommission für ärztliche Behandlungsfehler in Düsseldorf (www.aekno.de). Christiane Willms erklärte, dass dort aufgrund der Aktenlage eingeschätzt werde, ob im jeweiligen Fall ein Behandlungsfehler vorliegt oder nicht. Positiv: Die Kommission arbeitet kostenlos. Negativ: Sie braucht für jeden Fall etwa ein bis anderthalb Jahre. Und die Verjährungsfrist für ärztliche Behandlungsfehler beträgt: drei Jahre, sagte Willms.

Ursula Fabry, die am Klinikum die Stabsstelle für medizinisches Controlling und Qualitätsmanagement leitet, erklärte, dass sie die Ärzte in ihrem beruflichen Alltag dazu motivieren muss, begangene Fehler intern zu melden, es gebe Verbesserungsbedarf. Aber andererseits: Es gibt auch Hoffnung. Fabry berichtete von einem Arzt, der während einer Operation begonnen hatte, einen gesunden Finger aufzuschneiden.

Als er merkte, dass es in dem Finger nichts zu operieren gab, ließ er erneut ein Röntgenbild anfertigen um herauszufinden, in welchem Finger nun der Bruch sei. Er fand ihn und operierte ihn. Später stellte sich heraus, dass das Röntgenbild, das bei der Einlieferung des Patienten im Klinikum gemacht worden war, falsch beschriftet wurde. Kann passieren, sollte aber nicht.

Als der operierte Patient aus der Narkose erwachte und der Arzt zur Visite kam, erklärte er dem Patienten ehrlich, dass er einen Fehler begangen habe, und wie es dazu gekommen war. Der Patient hatte Verständnis – und verzichtete auf eine Klage, obwohl sie wohl Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.

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