Junges Ehepaar aus Aachen unter den Anschlagsopfern

Von: red/dpa/gego
Letzte Aktualisierung:
Brüssel razzia
Nach den Anschlägen sucht die Polizei nach einem flüchtigen Terrorverdächtigen und möglichen Hintermännern. Foto: dpa
Brahim El Bakraoui (L) Khalid El Bakraoui
Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw bestätigte auf einer Pressekonferenz in Brüssel, dass es sich bei den Selbstmord-Attentätern um das Bruderpaar Ibrahim und Khalid El Bakraoui (rechts) handelt. Foto: EPA/INTERPOL

Brüssel/Lüttich/Aachen. Unter den Opfern der Terrorserie von Brüssel ist auch ein junges Ehepaar aus Aachen. Nach Informationen unserer Zeitung ist der 30-jährige Ehemann schwer verletzt in ein belgisches Krankenhaus eingeliefert worden, seine ein Jahr jüngere Frau gilt als vermisst. Während die drei Selbstmordattentäter mittlerweile identifiziert sind, wächst der Druck auf die belgischen Sicherheitsbehörden.

In sozialen Netzwerken verbreitete sich bis zum Donnerstag die Information, dass es sich bei den Aachenern um Lars und Jenny W. handele. Die Polizei Aachen bestätigte am Mittwochabend lediglich, dass ein Paar aus Aachen betroffen war, machte aber keine Angaben zum Zustand der beiden. Es ist nicht auszuschließen, dass die Frau unter den mindestens 31 Toten der Bombenanschläge ist.

Mittlerweile sind drei Selbstmordattentäter identifiziert. Alle sind in Belgien geboren und hatten Verbindungen zu den islamistischen Drahtziehern der Anschläge von Paris. Es handelt sich um die Brüder Ibrahim (29) und Khalid (27) El Bakraoui und Medienberichten zufolge um den 24-jährigen Najim Laachraoui.

Noch gefahndet wird nach einem Komplizen, der vom Flughafen geflüchtet sein soll. Die Terrorserie in Brüssel geht auf das Konto des islamistischen Bruderpaars, das auch Verbindungen zu den Attentätern von Paris hatte. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sprengte sich einer der Brüder auf dem Flughafen in die Luft. Kurze Zeit später zündete der andere dann eine Bombe in der U-Bahn.

Belgischen Medienberichten zufolge konnte am Mittwochabend nun auch der seit Tagen gesuchte Terrorverdächtige Najim Laachraoui identifiziert werden. Er sei einer der Selbstmordattentäter gewesen, die sich auf dem Brüsseler Flughafen in die Luft gesprengt hatten, berichtete der Sender RTBF.

Der 24-Jährige stammt aus dem Brüsseler Stadtteil Schaerbeek, wo auch ein mutmaßlicher Unterschlupf der Attentäter ausgehoben wurde. Der mutmaßliche Dschihadist soll im Februar 2013 nach Syrien gereist sein. Laachraouis DNA soll auf Sprengstoff gefunden worden sein, der bei den Anschlägen in Paris verwendet wurde.

Einer der Attentäter sei nach Angaben des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan im vergangenen Jahr aus der Türkei ausgewiesen worden. Doch trotz des Hinweises, dass der Mann ein „ausländischer terroristischer Kämpfer” sei, sei er von den belgischen Behörden freigelassen worden.

Der belgische Justizminister Koen Geens hat den Vorwurf der Türkei zurückgewiesen, den Brüsseler Selbstmordattentäter Ibrahim El Bakraoui fahrlässig auf freiem Fuß gelassen zu haben. El Bakraoui habe in Belgien keine terroristischen Straftaten begangen, sagte Geens am Mittwochabend dem Sender VRT.

Als El Bakraoui von der Türkei ausgewiesen wurde, sei er lediglich als normaler Straftäter auf Bewährung bekannt gewesen. Seinem Wissen nach sei El Bakraoui auch nicht nach Belgien, sondern in die Niederlande abgeschoben worden, ergänzte Geens.

Der CDU-Innenexperte Armin Schuster hat Belgiens Bewertung von Terrorhinweisen aus der Türkei kritisiert. In Deutschland seien die Hinweise anders eingeschätzt worden als von belgischen Behörden, sagte Schuster am Donnerstag im Deutschlandfunk.

Nach einem israelischen Zeitungsbericht soll der belgische Geheimdienst konkrete Warnungen vor den Anschlägen in Brüssel bekommen haben. Auch andere westliche Geheimdienste seien im Bilde gewesen, schrieb die Zeitung „Haaretz”, nannte allerdings keine Quellen. Der israelische Geheimdienstminister Israel Katz hatte bereits am Mittwoch erklärt: „Wenn sie in Belgien weiter Schokolade essen und das Leben genießen (...) und nicht klar feststellen, dass ein Teil der Muslime, die dort leben, Terror organisieren, dann können sie sie auch nicht bekämpfen.”

Die Suche nach weiteren Tätern dauerte derweil an. Aus Sorge vor weiteren Anschlägen galt in Belgien weiter die höchste Terror-Warnstufe. Auch in vielen anderen europäischen Ländern waren die Sicherheitsbehörden alarmiert.

Insgesamt starben bei der Terrorserie in der Europa-Stadt am Dienstag nach neuen Angaben mindestens 31 Menschen. Mehr als 270 wurden verletzt. Befürchtet wird, dass sich die Zahl der Todesopfer in den nächsten Tagen noch erhöht.

Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw bestätigte auf einer Pressekonferenz in Brüssel, dass es sich bei den Selbstmord-Attentätern um das Bruderpaar Ibrahim und Khalid El Bakraoui handelt. Beide waren belgische Staatsbürger. Die Brüder waren wegen verschiedener Taten der Polizei bekannt, standen aber nicht unter Terrorverdacht.

Nach Angaben der Behörden wird nach einer ganzen „Reihe von Personen” noch gesucht. Aus ermittlungstaktischen Gründen wollte Leeuw aber keine weitere Auskunft geben.

Nach belgischen Medienberichten richtet sich der Verdacht insbesondere gegen den mutmaßlichen Dschihadisten Najim Laachraoui, einen der mutmaßlichen Drahtzieher der Attentate von Paris, wo im November 130 Menschen getötet wurden. Berichte, wonach der 24-Jährige in Brüssel festgenommen wurde, stellten sich als falsch heraus.

Zugverkehr rollt wieder an

Als Folge der Attentate in Brüssel bleibt der dortige Flughafen Zaventem bis einschließlich Freitag weitgehend geschlossen. Passagierflüge sollten weiterhin nicht stattfinden, teilte der Flughafen am Mittwoch mit. Ein eingeschränkter Betrieb für Frachtflüge und bestimmte Privatflüge sollte hingegen schon am Mittwochabend wieder beginnen. Mitarbeiter wollten am Abend der Opfer der tödlichen Anschläge gedenken.

Züge waren am Mittwoch wieder Richtung Belgien unterwegs, allerdings fielen auch noch einzelne Verbindungen aus. So sei am Morgen ein Thalys-Schnellzug nach Paris gestrichen worden, stellte eine dpa-Reporterin am zentralen Bahnhof Gare du Midi fest.

Der Hochgeschwindigkeitszug nach Köln verkehrte hingegen. Reisende hätten viel Geduld aufbringen müssen. Wie an anderen Brüsseler Bahnhöfen war nur ein Eingang geöffnet. Die Polizei war stark präsent. Auch die Deutsche Bahn wollte ihre Züge zwischen Frankfurt und Brüssel wieder regulär fahren lassen, wie eine Sprecherin sagte.

Grenzkontrollen bei Aachen

Die Kontrolle am deutsch-belgischen Grenzübergang Aachen-Lichtenbusch bleibt „mindestens während der nächsten Tage“ in Kraft. Das bestätigte ein Sprecher der Aachener Bundespolizei am Mittwochmorgen auf Anfrage unserer Zeitung.

Zwischen 20 Uhr am Dienstag und 6 Uhr am Mittwochmorgen wurden laut Bundespolizei bei den Kontrollen 16 Menschen ausfindig gemacht, die zur Fahndung ausgeschrieben waren. Ein Mann, gegen den wegen Betruges ermittelt wird, wurde verhaftet. Ein weiterer Mann, der „wegen Terrorismusverdachts“ gesucht wurde, sei „verhört und danach wieder freigelassen worden“, teilte die Bundespolizei weiter mit.

Die Sicherheitsvorkehrungen rund um die belgischen Atomkraftwerke Tihange und Doel blieben auch am Mittwoch noch erhöht. „Wir führen weiter strenge Kontrollen am Eingang durch“, sagte Anne-Sophie Hugé, Sprecherin des Betreibers Electrabel auf Anfrage unserer Zeitung. Am Dienstag waren die Zentralen teilweise evakuiert worden. Alle Mitarbeiter des Betreibers Electrabel, die nicht für den Grundbetrieb der Meiler oder für die Sicherheit notwendig sind, waren abgezogen worden. Am Mittwoch konnten die Mitarbeiter von Electrabel wieder normal arbeiten.

Hinweis von Taxifahrer

Der Staatsanwaltschaft zufolge sprengte sich Ibrahim El Bakraoui am Dienstag um 07.58 Uhr am Flughafen in die Luft. Auf dem Foto einer Flughafen-Überwachungskamera, das drei Verdächtige zeigt, wurde er als Mann in der Mitte identifiziert. Belgischen Medienberichten zufolge ist nun auch der seit Tagen gesuchte Terrorverdächtige Najim Laachraoui identifiziert. Der dritte Mann werde noch gesucht.

Nach dem Hinweis eines Taxifahrers wurde im Brüsseler Schaerbeek ein Laptop mit Bakraouis Testament gefunden. In einer nahelegenen Wohnung wurden weitere 15 Kilogramm Sprengstoff und anderes Material zum Bau von Bomben entdeckt. Dort fand sich auch eine Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die sich zu den Anschlägen bekannt hat.

Etwa eine Stunde nach dem Anschlag auf dem Flughafen zündete Khalid El Bakraoui dann die Bombe in der U-Bahn-Station Maelbeek, mitten im Europaviertel der belgischen Hauptstadt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde er anhand der Fingerabdrücke identifiziert.

Der jüngere der beiden Brüder soll unter falschem Namen eine Wohnung angemietet haben, die zur Vorbereitung der Anschläge von Paris genutzt wurde. Gleiches gilt für eine Wohnung im Brüsseler Stadtteil Forest, wo es bereits vor einer Woche bei einer Hausdurchsuchung zu einer Schießerei mit der Polizei kam. Ein mutmaßlicher Terrorist kam dabei ums Leben, zwei Verdächtige flüchteten.

Dreitägige Staatstrauer

In Belgien gilt noch bis Karfreitag eine dreitägige Staatstrauer. Belgien will am Donnerstag um 14.30 Uhr mit einer landesweiten Schweigeminute der Opfer der Terroranschläge gedenken. Das kündigte die Regierung am Mittwoch an, wie die belgische Nachrichtenagentur Belga berichtete. Am Mittwochmittag hatte es bereits eine Schweigeminute in der Hauptstadt Brüssel gegeben, bei der unter anderem das Königspaar teilnahm.

Aus Solidarität wurden die Wahrzeichen vieler anderer Metropolen in den Nationalfarben Belgiens angeleuchtet. Dazu gehörten auch das Brandenburger Tor in Berlin und der Eiffelturm in Paris.

In ganz Europa herrscht seit den Anschlägen Terrorangst. Vielerorts wurden Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Die US-Regierung warnte ihre Bürger angesichts der jüngsten Anschläge vor Gefahren bei Reisen nach Europa. Mögliche Ziele von Attentätern seien etwa Touristenattraktionen oder Sportveranstaltungen.

Auf die Spur nach Schaerbeek führte die Ermittler einem Medienbericht zufolge ein Taxifahrer. Der Mann habe dort drei Männer von einer Wohnung abgeholt und zum Flughafen gefahren, berichtete der Sender VRT. Dabei sei ihm aufgefallen, dass die Fahrgäste sich nicht mit dem Gepäck helfen lassen wollten. Angeblich beschwerten sie sich auch, dass sie eigentlich ein größeres Taxi bestellt hatten.

Örtlichen Behörden zufolge zeigen Bilder der Videoüberwachung auch, wie einer der Verdächtigen einen Gepäckwagen in der Ankunftshalle plötzlich stehen lässt und wegläuft. Das Trio hatte sich demnach kurz nach seiner Ankunft am Flughafen getrennt und in der Abflughalle verteilt. Am Mittwoch wurde der Flughafen von schwerbewaffnetem Militär gesichert. Der Flugverkehr soll frühestens am Freitag wieder aufgenommen werden können. Etwa 1500 gestrandete Passagiere mussten die Nacht in Turnhallen verbringen.

Die Staatsanwaltschaft äußerte sich zunächst zurückhaltend über eine Verbindung zu den Terroranschlägen von Paris. Erst am Freitag war in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek Salah Abdeslam festgenommen worden, einer der mutmaßliche Drahtzieher.

Leserkommentare

Leserkommentare (30)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.