Junge Ukrainer in Aachen: „Die Krim zurück zu wollen, ist völlig falsch“

Von: Valerie Barsig
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Ohne Chance: Mitglieder der tatarischen Minderheit demonstrieren in der Stadt Bachtschissarai für den Verbleib der Krim in der Ukraine. Die prorussische Krim-Regierung hat am Sonntag in einem Referendum über den Beitritt zur Russischen Föderation abstimmen lassen. Foto: dpa
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Nicht immer einer Meinung: Viktor Kripak und Liudmyla Goncharenko. Dass die Krim der Ukraine gehört, ist für beide aber ganz klar. Foto: Valerie Barsig

Aachen. Er stand im Dezember mit auf dem Maidan in Kiew und hat protestiert: Viktor Kripak ist 24 Jahre alt, lebt in Aachen und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Eisenhüttenkunde. Seine Heimatstadt ist Dnjepropetrowsk in der Ukraine, einige hundert Kilometer nördlich der Halbinsel Krim.

„So eine Stimmung wie damals habe ich in der Ukraine noch nie erlebt“, erzählt er. „Die Menschen haben alles geteilt: Decken, Medizin, Holz.“ Zum Test habe er in den zwei Tagen, die er an den Protesten teilnahm, die Menschen auf Russisch angesprochen. „Es hat keinen Unterschied gemacht. Wir sind ein Volk und das hat man auf dem Maidan gemerkt.“

Ein Gemeinsamkeitsgefühl sei in der Ukraine seit den Protesten auf dem Maidan entstanden; das habe es vorher nicht gegeben, erzählt auch Liudmyla Goncharenko. Sie ist 27 Jahre alt, hat in der Ukraine Englische Philologie studiert und kam 2009 nach Aachen, um zunächst als Au-pair zu arbeiten. „Aachen hat mir so gut gefallen, dass ich nach einem Jahr beschlossen habe, hier noch einen Master in Europastudien zu beginnen“, erzählt sie. Liudmyla kommt ursprünglich aus dem Osten der Ukraine, aus Charkow, der zweitgrößten Stadt des Landes, direkt an der Grenze zu Russland. Sie und Viktor sprechen beide Russisch und Ukrainisch fließend. Russisch haben sie zu Hause gelernt, Ukrainisch in der Schule. „Unter jungen Leuten spricht man bei uns Ukrainisch“, erzählt Viktor. Beide Sprachen gehörten zu ihrer Identität.

Der nun entstandene Konflikt sei keiner, in dem sich Russen und Ukrainer gegenüberstehen, sagen Liudmyla und Viktor. Es sei ganz klar ein Konflikt, in dem sich Putin gegen die ukrainische Bevölkerung stelle – und die bestehe sowohl aus Ukrainern als auch aus Russen. „Die Spaltung in Russen und Ukrainer, von der alle sprechen, gibt es nicht“, sagt Liudmyla. „Wir haben keine verschiedenen Weltanschauungen im Land. Die angebliche Pro-Russland- und Pro-EU-Haltung wurde künstlich herbeigeführt, um das Land zu destabilisieren.“ Früher habe es keine solchen Proteste gegeben. „Viktor Janukowitsch hat die Spaltung zwischen den Leuten künstlich herbeigeführt“, sagt Liudmyla.

Worum es Putin geht

Liudmylas Mutter ist Russin. Sie kam mit 15 Jahren nach Charkow. Ihren Kindern habe sie beigebracht, dem Land, in dem sie leben, mit Respekt gegenüberzustehen. Eine solche Haltung habe sich auch in der Ukrainisierung des Landes in den 90er Jahren nach der Unabhängigkeit durchgesetzt. Janukowitsch habe das bei einigen Menschen wieder zerstört. Viktor spricht von einem ukrainischen Gen, das sich aber seit der Unabhängigkeit des Landes stetig weiterentwickelt habe. „Die Gesellschaft hat sich stabilisiert und endlich verstanden, was Heimat bedeutet“, sagt er. Dieses Gefühl sei aber noch fragil, gerade deshalb sei Putin auch so gefährlich.

Den Putsch gegen Janukowitsch habe Putin ausgenutzt: „Er entschuldigt sein Verhalten jetzt damit, er müsse die Russen verteidigen“, ärgert sich Liudmyla. „Dabei ist die Ukraine als Puffer zwischen der EU und Russland und mit der Krim im Schwarzen Meer für ihn geopolitisch hochinteressant.“ Für sie sei Putin ein Mensch, dem es rein persönlich auf Macht ankomme. „Er als Person will einer der mächtigsten Menschen der Erde sein.“ Viktor widerspricht ihr: „Ich denke, Putin will eine neue Sowjetunion. Und die braucht er auch, wenn er so mächtig sein will.“

Medienlage ist unübersichtlich

Seit die Proteste auf dem Maidan begannen, verfolgen Liudmyla und Viktor die Entwicklungen in ihrer Heimat vor allem per Internet. Aufschlussreich seien Facebook- und Twitter-Posts von Politikern und Künstlern; beide lesen aber auch die Internetzeitung Ukrainskaja Prawda. In den letzten Wochen sei es aber immer schwieriger geworden, richtige und falsche Meldungen zu unterscheiden. Viktor hält viel von der Ukrainskaja Prawda, Liudmyla denkt, man könne sich nicht immer auf die Zeitung verlassen. Sie informiere sich vor allem über die ukrainische Nachrichtenagentur Unian oder den Sender TSN.

„Früher kämpfte man mit Schwertern, dann waren es Schusswaffen, dann Atomwaffen, und heute sind es die Medien“, sagt Viktor. „Sie haben eine große Kraft, Menschen zu beeinflussen, und das nutzen beide Seiten.“ Bemerkenswert sei allerdings, dass überhaupt so viel Meinungsaustausch entstanden sei. „Die Proteste auf dem Maidan begannen mit der Initiative junger Menschen. Die älteren hat das erstmal völlig überrascht“, sagt Viktor. Die treibende Kraft hinter den Protesten sei eine Generation, die ohne die Sowjetunion aufgewachsen sei. „Sie will, dass auch die Ukraine ein gutes Land wird, mit einem europäischen System und westlichen Standards“, sagt der junge Ukrainer. Er und Liudmyla sind sich einig: Alles ist besser als Janukowitsch und sein System, das zerfressen gewesen sei von Korruption, Separatismus und Repressionen.

Beide sprechen den politischen Entwicklungen im Land eine große Bedeutung zu. „Unser Gemeinsamkeitsgefühlhängt jetzt von den Politikern ab. Sie haben alle Werkzeuge in der Hand, das Richtige zu tun“, sagt Liudmyla. Der amtierende Regierungschef Arsenij Jazeniuk sei ein kompetenter Politiker, finden beide. „Trotzdem brauchen wir jetzt keine alte neue Regierung, sondern ein frisches Parlament und frische Leute im Ministerium“, sagt Viktor. Von Julia Timoschenko hält er nicht so viel. „Ich habe mir ihre Bewerbung auf den Posten der Präsidentin mit Respekt angeschaut, muss ihr aber leider absagen“, findet Viktor. Sie sei stark und erfahren, habe ihre Chance aber schon gehabt. „Vielleicht kann sie ja noch beraten oder so.“

Liudmyla ist anderer Meinung: „Ich denke, neue und alte Politiker müssen konstruktiv zusammenspielen, um das Land voran zu bringen.“ Sie favorisiert bei den Wahlen vor allem den Unternehmer und linksgerichteten Politiker Pjotr Poroschenko von der Solidaritäts-Partei der Ukraine. Ihm gehört die Schokoladenfabrik „Roshen“. Unter Präsident Viktor Juschtschenko war er 2005 neben Julia Timoschenko Anwärter auf das Amt des Premierministers.

Gute Chancen sehen beide für Vitali Klitschko, der bei den kommenden Wahlen kandidieren will. Er sei zwar kein guter Redner, dafür ein Macher, und das brauche die Ukraine. Seine Ideen und Werte seien die richtigen, gute Redner habe man in der Vergangenheit genug gehabt. „Er arbeitet im Team und hat einen guten Ruf in der Welt“, sagt Liudmyla. Erstmalig sehe sie in der Ukraine den Willen, wirklich etwas zu verändern.

Viktor denkt, das hänge damit zusammen, dass die Politiker plötzlich Rechenschaft ablegen müssten, sogar Angst vor dem Volk hätten. „Wenn einer in Zukunft wieder korrupt ist, wird jemand sagen: ‚Denk‘ daran, was sie mit Janukowitsch gemacht haben!‘ Dafür sind vier Millionen Menschen aufgestanden und haben ein Zeichen gesetzt.“

Die Mahnung des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, man müsse von Seiten Europas genau beobachten, was die Rechten in der Ukraine tun, können weder Liudmyla noch Viktor nachvollziehen. Die von Oleg Tjagnibok geführte rechtspopulistische Partei Swoboda (Freiheit) ist in der ukrainischen Regierung vertreten, die ul­tranationalistische Gruppe Prawy Sektor (Rechter Sektor) gilt als militanter Kern der Proteste gegen den entmachteten Präsidenten Viktor Janukowitsch. Sie ist offiziell kein Teil der Regierung. „Ja, die Swoboda ist jetzt im Parlament, aber sie haben zu wenig Unterstützung, um allein etwas durchzusetzen“, erklärt Liudmyla. Gesundes, nationales Selbstbewusstsein findet sie für die Ukraine sogar wichtig. „Ich denke, da besteht im Moment Bedarf.“ Dass es darüber hinaus gehen könnte, in einen Nationalismus, wie er in Ungarn praktiziert werde, das könne sie sich nicht vorstellen. Der Prawy Sektor habe sich lediglich zum Umsturz Janukowitschs gegründet. Der Leiter des Sektors, Dmitri Jarosch, sei allerdings ultrarechts, das gibt sie zu. Auf der anderen Seite habe der Prawy Sektor unheimlich viele Leute mobilisiert und beim Umsturz Janukowitschs geholfen; und das sei nicht zu verachten. Beunruhigend finde sie den Sektor nicht. „Er ist zwar eine Ansammlung verschiedener rechter Gruppierungen, aber ob er weiter existiert, ist fraglich, da die Gruppierungen nur lose organisiert sind.“

Wenn es hingegen um die Krim geht, ist Liudmyla beunruhigt. „Ja, ich habe manchmal Angst vor Krieg“, gibt sie zu. „Denn ich möchte nicht, dass Menschen getötet werden.“ In Russland würde man es auf Tote ankommen lassen, denkt sie. Die Ukraine hingegen verfolge eine weichere Politik.

Lösung liegt in Kommunikation

„Auf der Krim fühlen sich viele Menschen als Russen“, sagt Viktor. „Die Lösung liegt aber nicht bei Putin, sondern darin, mit den Menschen dort zu sprechen.“ Dass die Krim nicht einfach von Russland annektiert werden könne, das ist für die beiden jungen Ukrainer klar. Es sei völkerrechtlich entschieden worden, die Krim der Ukraine zu überlassen und das sei auch weltweit so anerkannt. „Die Krim zurück zu wollen, ist völlig falsch“, sagt Liudmyla. Auch das Referendum sei nicht zu akzeptieren, sagt Viktor. Wenn, dann müsse man schon die ganze Ukraine befragen.

Es sei klar, dass Putin den militärischen Vorteil habe. Politisch, als auch wirtschaftlich brauche die Ukraine die Unterstützung des Westens, denkt Liudmyla. „So einfach wird Putin die Krim nicht verlassen. Erst, wenn es wirtschaftlich richtig wehtut, wird er gehen.“ Bei einem sei sie sich sicher: „Dass es noch sehr lange dauern wird.“

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