Junge Flüchtlinge in der Traumaambulanz: Der Krieg lässt sie nicht los

Von: Patrick Nowicki
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Scheinbar unbeschwert – und doch mit seelischem Rucksack beladen: Minderjährige Flüchtlinge können die Geschehnisse nur schwer hinter sich lassen. Sie benötigen Hilfe. Foto: stock/Robert Michael/Patrick Novicki
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Dr. Michael Simons ist Leitender Psychologe in der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Klinikum Aachen. Foto: stock/Robert Michael/Patrick Nowicki

Region. Etwas abseits des großen Klinikgebäudes in Aachen-Melaten gelangt man zur Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche. Dort behandelt ein Team von Psychologen, Ärzten und Pflegern auch minderjährige Flüchtlinge, die von Krieg und Gewalt traumatisiert sind.

Der Leitende Psychologe Dr. Michael Simons berichtet, wie man den jungen Menschen den Weg in den Alltag ebnen will.

Wie gelangen junge Flüchtlinge zu Ihnen?

Michael Simons: Die meisten kommen aus Unterbringungseinrichtungen. Es sind die Betreuer oder der Vormund, die die Not erkennen. Wir sehen nicht alle minderjährigen Flüchtlinge, aber einen großen Teil.

Wo ist aus Ihrer Sicht der Punkt erreicht, wo die Betreuung in einer Einrichtung nicht mehr ausreicht?

Simons: Dort, wo ein deutliches psychisches Leiden besteht. Viele Flüchtlinge haben erhebliche Schlafstörungen. Sie sagen: Ich schlafe nur drei Stunden in der Nacht. Immer wenn sie sich hinlegen, kommen die Bilder und Sachen, die sie erlebt haben, in den Kopf. Sie kämpfen dagegen an, werden die Bilder aber nicht los. Wenn sie am nächsten Tag in die Schule gehen, haben sie wenige Stunden geschlafen.

Wie äußert sich das?

Simons: Sie sind unkonzentriert. Sie haben Angst. Zum Beispiel, wenn sie der Polizei begegnen, weil sie in ihrem Heimatland Polizei als gefährlich erlebt haben. Die Jugendlichen denken auch viel nach, haben Alpträume. Sie werden immer wieder aus dem Alltag herausgerissen und stecken in einem inneren Film, einem Kopfkino.

Ihre Erlebnisse werden Flüchtlinge wohl nie vergessen – wie können Sie helfen?

Simons: Am Anfang steht eine ausführliche Diagnostik und Einschätzung. Wenn es Richtung Behandlung geht, überlegen wir, was ist realistisch. Man kann die traumatischen Ereignisse vielleicht nicht vergessen, aber es gibt Methoden zu lernen, dass man nicht ständig daran denken muss. Oder die Zeit, in der man sich mit den Geschehnissen auseinandersetzt, wird reduziert. Bei Moslems bringe ich gerne das Beispiel: Es bestehen Zeiten, in denen man betet. Und so kann man Zeiten wählen, in dem man sich mit den Geschehnissen auseinandersetzt. Das ist nicht leicht und muss geübt werden.

Wie wichtig sind feste Bezugspersonen und Kontinuität für Jugendlichen?

Simons: Es ist sehr wichtig für die Flüchtlinge anzukommen. Auch Bezugspersonen haben eine große Bedeutung. Deswegen finde ich es sehr wichtig, dass Geschwisterkinder zusammenbleiben. Häufig beobachten wir auch, dass Jugendliche in den Einrichtungen zu einem Betreuer einen sehr guten Draht haben. Wenn die Betreuer in Urlaub sind, geht es denen schlechter. Viele der unbegleiteten Jugendlichen haben ihre Familie verloren, entweder ist sie weit weg oder alle sind gestorben, und sie sagen dann: Ich brauche eine Familie! Wenn man so entwurzelt ist wie diese Flüchtlinge, ist das Bindungsbedürfnis noch ausgeprägter.

Können traumatische Erlebnisse nicht auch zu Aggression führen?

Simons: Das ist eine seltenere Form der Traumabewältigung. Meist belasten Ängste, Depression, Schlafstörungen und Unkonzentriertheit.

Worin besteht der Unterschied zwischen traumatisierten Flüchtlingen und ihren sonstigen jugendlichen Patienten?

Simons: Bei den Kindern, deren Familien hier leben, kann ich daran arbeiten, dass die Familie ein sicherer Ort ist oder sie kann gut unterstützt werden, die Kinder aufzufangen. Dieser sichere Rahmen fehlt bei Flüchtlingen. Sie sind auf sich alleine gestellt. Sie haben zwar eine Einrichtung, aber das ist keine Familie. Das Dilemma ist, ich kann schlecht sagen: Du bist in Deutschland, du bist sicher, wenn das Asylverfahren nicht abgeschlossen ist. Je länger sie hier sind, desto mehr spielen solche Faktoren eine Rolle, wie es ihnen geht. Die Idee, das Verfahren sei in ein paar Monaten gelaufen, bestätigt sich oft nicht. Für sie ist es eine existenzielle Not, ob sie bleiben können.

Können Sie dabei überhaupt helfen?

Simons: Das ist die Aufgabe der Betreuungseinrichtung oder des Vormundes. In der Regel läuft das Verfahren ja schon, wenn die Patienten hierhin kommen. Es ist häufig so, dass ich in meinem Arztbrief zur Traumatisierung der Jugendlichen Stellung nehme und empfehle, dies bei der Anhörung im Bundesamt zu berücksichtigen. Darin versuche ich klarzumachen, was mit dem Jugendlichen passiert, wenn man ihn zurückschicken würde. Es ist eine juristische Klärung des Aufenthaltsstatus nötig. Man braucht ausreichend Plätze an Schulen, was im vergangenen Jahr ganz schlimm war.

Mit welchen Folgen?

Simons: Die Jugendlichen sitzen in Einrichtungen und machen sich Gedanken. Das bekommt man psychotherapeutisch nicht in den Griff. Sie müssen unterrichtet werden, um sich integrieren zu können.

Wie bewältigen Sie denn die steigende Zahl Patienten?

Simons: Wir haben schon die Taktung verändert, um mehr Termine bewältigen zu können. Wir merken, es ist schwer, dem gerecht zu werden. Wir haben auch eine längere Warteliste mit Flüchtlings-Patienten.

Zu der zeitlichen Belastung kommt die psychische für den Therapeuten. Wie nehmen Sie Erzählungen der Patienten wahr?

Simons: Wir haben jetzt nicht vermehrt Supervisionen. Aber es geht in der Tat darum, eine professionelle Haltung zu haben. Aber wir sind keine Roboter. Manche Geschichten sind entsetzlich und können einen traurig machen. Manchmal ist man auch ärgerlich, wenn man sieht, dass sich ein Verfahren hinzieht. Es gäbe viel weniger Probleme, wenn sich der Asylstatus schneller klären ließe. Für uns als Therapeuten ist es dann auch wichtig, alles hier in der Klinik zu lassen, um handlungsfähig zu bleiben. Man muss auch auf sich selbst dabei aufpassen.

Was empfinden Sie, wenn Sie sehen, wie Rechtsradikale auftreten?

Simons: Die haben überhaupt keine Ahnung von den Menschen, über die sie reden. Es ist erschütternd, so viel Dummheit und Hass zu sehen. Es macht mich aber hilflos, denn ich glaube, dass eine gut gemeinte Aufklärung bei diesen Menschen auf taube Ohren stoßen würde.

Welche positiven Aspekte nehmen Sie aus Ihrer Arbeit mit den Flüchtlingen mit?

Simons: Ich sehe häufig positive Verläufe. Einige Beispiele: Es kommt jemand nach einem Monat wieder und sein Deutsch hat sich verbessert. Oder sie setzen einige Sachen, die wir besprochen haben, erfolgreich um und sehen eine Perspektive. Das ist toll zu sehen. Viele der Patienten bringen Begabungen mit. Wenn es gelingt, diese Ressourcen zu wecken, dann ist das eine befriedigende Arbeit mit Flüchtlingen.

Die Jugendlichen sind also engagiert?

Simons: Die Flüchtlinge sind oft sehr motiviert. Manch einer möchte ein Praktikum absolvieren, die Schule besuchen und arbeiten. Gleichzeitig. Da muss man bremsen.

Spielt Religion in der Therapie eine Rolle?

Simons: Ganz eindeutig. Die religiöse Einbindung ist bei den Flüchtlingen oft stärker ausgeprägt als bei deutschen Patienten. Manche Jugendliche aus Afghanistan beten als Moslems fünf Mal am Tag. Im Sommer war es dann schwierig, beim Ramadan eine Regelmäßigkeit in den Tagesablauf zu bekommen. Die Kunst besteht darin, dort anzuknüpfen, wo Patienten stehen. Also zu schauen, ob beten hilft.

Wenn jemand zu Ihnen sagt, traumatisierte Jugendliche aus Kriegsgebieten sind tickende Zeitbomben, deren Probleme man nicht lösen kann – was entgegnen Sie?

Simons: Der Begriff „tickende Zeitbomben“ trifft nicht den Punkt. Die Jugendlichen sind traumatisiert, ja. Aber dies äußert sich nicht in Aggression. Wir haben in der Tat das Rüstzeug, ihnen zu helfen. Und sie nehmen die Hilfe dankbar an. Was die Sorge vor Terror betrifft – wir behandeln einige Flüchtlinge aus Afghanistan, deren Fluchtgrund eben war, nicht von den Taliban rekrutiert zu werden. Sie haben sich dem durch die Flucht entzogen. Wir behandeln nicht potenzielle Killer, sondern genau die, die das eben nicht wollen.

Kann Deutschland die Aufnahme der Flüchtlinge leisten?

Simons: Uneingeschränkt ja. Das erwarte ich auch von einer gut funktionierenden Gesellschaft.

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