Junge Flüchtlinge filmen, „um zu leben“

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
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Ein Film als eine Art Aufarbeitungsprozess: Miriam Pucitta (2. v.r.) und Michael Chauvistré (vorne 2.v.l.) mit der Crew des Films „Um zu leben“.
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Szenen einer Flucht: Ein verlassenes Kasernengelände diente in vielen Szenen als Kulisse. Hekmattulah (u.r.) aus Afghanistan hat einen Großteil seiner Flucht mit einem anderen Flüchtling im Kofferraum eines überladenen Autos verbracht. Am Steuer saß sein Schleuser. Foto: Happy Endings, Harald Krömer

Aachen. Irgendwann musste Julio einsehen, dass es nicht mehr geht. Seit Monaten war der Jugendliche aus Kamerun mit seinem Bruder Patrick auf der Flucht. Über Nigeria, Niger, Mali und Algerien hatten sie sich bis zur marokkanischen Grenze durchgeschlagen.

Sie sind gelaufen, haben gehungert, sich versteckt, ihr Leben Schleuserbanden anvertraut – und dabei doch Tag für Tag ihrem Ziel Europa ein Stück näher gekommen. Bis zu dem Tag, an dem Patrick an der Grenze zu Marokko stürzt und sich so schwer am Fuß verletzt, dass er nicht mehr gehen kann.

Julio stützt seinen Bruder, trägt ihn zeitweise. Doch irgendwann geht es nicht mehr. „Geh! Vielleicht schaffst du es alleine!“, sagt Patrick, und Julio lässt seinen Bruder zurück – ohne zu wissen, ob er ihn je wiedersehen wird.

Alles noch einmal durchlebt

Julio hat es tatsächlich nach Europa geschafft. Seit eineinhalb Jahren lebt er in Aachen. Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling – so werden Menschen wie Julio im Amtsdeutsch genannt – hat er Anspruch auf besonderen Schutz und darauf, in einer Wohneinrichtung untergebracht zu werden.

Für den Film „Um zu leben“, den die Aachener Filmemacher Michael Chauvistré und Miriam Pucitta mit 14 ausländischen und deutschen Jugendlichen gedreht haben, haben Julio und andere Jugendliche ihre Flucht noch einmal durchlebt – auch wenn dieses erneute Erleben der eigenen Flucht im Film belastend war.

„Es gibt viele Dinge, die ich einfach nur vergessen will“, sagt Julio bei der Pressevorstellung des Films im Internationalen Zeitungsmuseum. Man merkt ihm deutlich an, dass es ihm schwer fällt, über diese einschneidende Zeit in seinem Leben zu reden. Dennoch: Der Film habe ihm geholfen. „Ich habe mich anfangs immer sehr einsam hier gefühlt. Dieses Gefühl habe ich während des Projekts verloren. Es war immer jemand für uns da.“

Doch nicht nur Julios Flucht ist im Film zu sehen. Da ist auch Hekmattulah aus Afghanistan, den sein Onkel in ein Ausbildungscamp der Taliban schicken will und der einen Großteil seiner Flucht eingezwängt im Kofferraum eines von den Schleusern vollkommen überladenen Autos verbringt. Oder Abdulaja aus Guinea, den die Bundespolizisten am Grenzübergang Lichtenbusch aus einem Auto holen.

In einem Waldstück in der Nähe der belgischen Grenze, auf einem verlassenen Kasernengelände und dem Grenzübergang werden diese Szenen einer Flucht noch einmal lebendig. In großen Teilen wirkt der 22-minütige Kurzfilm wie eine Dokumentation. Schließlich waren hier nicht Drehbuchautoren am Werk, die ihrer Fantasie freien Lauf gelassen haben, sondern Jugendliche, von denen die meisten diese Dinge selbst erlebt hat.

Es ist dieser Aspekt, der den Film so einzigartig macht, der die Arbeit aber gleichzeitig auch erschwert hat: „Viele der Jugendlichen waren erst wenige Monate hier, als wir mit den Dreharbeiten begonnen haben“, sagt Filmemacherin Pucitta. „Unsere Arbeit hat natürlich an seelische Wunden gerührt.“ Es sei ein ständiges Abwägen gewesen. Nehmen wir das mit hinein oder doch nicht? Was ist zu privat, zu persönlich, und was kann man auch dem Publikum einfach nicht mehr zumuten? Am Ende habe die Entscheidung stets bei den Jugendlichen gelegen.

Pucitta und Chauvistré haben Erfahrung in der Arbeit mit jungen Flüchtlingen. Nach „Wie geht Deutschland?“ und „Eine Banane für Mathe“ ist „Um zu leben“ ihr dritter Film innerhalb von nur eineinhalb Jahren, der sich mit der Thematik auseinandersetzt. Nachdem Pucitta und Chauvistré bei den vorherigen Filmen mit der Jugendhilfeeinrichtung Maria im Tann kooperiert haben, haben sie dieses Mal mit der Reformpädagogischen Sekundarschule am Dreiländereck gearbeitet. Rund 100 der 240 Schüler dort sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Eigentlich hatten Chauvistré und Pucitta für den gemeinsamen Film das Thema „Der Tag, an dem ich erwachsen wurde“ vorgesehen. Ein offen gefasstes Thema zu dem sicher alle etwas sagen können, dachten die Filmemacher. Und während ihnen vor dem ersten Gespräch mit den Jugendlichen noch Themen wie der Führerschein oder die erste Liebe durch den Kopf gingen, war danach klar: Der Tag der Flucht war für alle das einschneidende Erlebnis, das Kindheit und Jugend schlagartig beendet hat.

Ihren Film sehen Pucitta und Chauvistré zum einen als „eine Art Sensibilisierungsarbeit“, da viele Menschen nicht ahnen würden, was junge Flüchtlinge auf ihrem Weg durchmachen. Und sie begreifen ihre Arbeit als Aufarbeitungsprozess. „Wir wollten den Jugendlichen so auch vermitteln: Sie sind jetzt hier angekommen. Sie haben es geschafft!“

Langsam beginnt auch Julio dies zu realisieren. „Hier habe ich ein neues Leben gefunden“, sagt er. Seit einigen Monaten ist dieses Leben noch ein Stück besser. Da hat er seinen Bruder, den er auf der Flucht zurücklassen musste, in Aachen wiedergetroffen. Auch Patrick hat es geschafft. Doch er wird noch etwas brauchen, bis er das realisiert hat.

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