Juli 1914: Wie aus guten Nachbarn Feinde wurden

Von: Joachim Zinsen
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Herbert Ruland: Noch bis Ende Juli 1914 fühlen sich die Menschen auch im Grenzland von den politischen Ereignissen in Europa kaum betroffen. Erst unmittelbar vor Kriegsbeginn wird plötzlich alles anders. Foto: Marco Rose
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„Auf nach Paris“ – Die Propagandapostkarte zeigt einen Kriegsfreiwilligen des Infanterie-Regiments 25 (Lützow) aus Aachen, das am 4. August die Grenze nach Belgien überschreitet. Foto: Archiv Ruland

Aachen/Eupen. Von einer heilen Welt kann zwar nicht die Rede sein. Dafür war vor hundert Jahren auch im Grenzland der Alltag großer Teile der Bevölkerung zu hart und zu beschwerlich. Doch eines kannten die meisten Menschen in Aachen, Eupen, Vaals oder Welkenraedt offenbar nicht: Ressentiments gegenüber den Nachbarn, die im damaligen Vierländereck jenseits der Grenze lebten.

Das änderte sich schlagartig mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs und dem Überfall deutscher Truppen auf Belgien. Herbert Ruland, wissenschaftlicher Leiter der Grenzgeschichte an der Autonomen Hochschule der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien, wirft einen Blick auf den Sommer 1914. Der 62-jährige gebürtige Dürener hat sich wie kaum ein anderer mit der Sozialgeschichte des Grenzlandes beschäftigt.

Deutschland, Belgien, die Niederlande und Neutral-Moresnet – politisch war das Aachener Grenzland 1914 ein Vierländereck. Herr Ruland, welche Rolle spielten die Grenzen damals im Alltagsleben der Menschen?

Ruland: Eine völlig untergeordnete. In den Köpfen der meisten Menschen existierten diese Grenzen nicht. Sie wurden kaum wahrgenommen.

Woran lag das?

Ruland: Die Menschen fühlten sich über die Landesgrenzen hinweg eng miteinander verbunden – allein schon, weil weite Teile der Bevölkerung mit dem Grenzland-Platt eine gemeinsame Sprache hatten. Es war völlig normal, untereinander zu heiraten, gemeinsam zu feiern oder als Katholik zu Wallfahrtsorten in den Nachbarländern zu pilgern.

War es auch selbstverständlich, im anderen Land zu arbeiten?

Ruland: Natürlich. Die Leute arbeiteten dort, wo es Arbeit gab. In Südlimburg gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast keine Industriearbeitsplätze. Es heißt, dass Tausende niederländische Arbeiter aus dem Raum Heerlen, Kerkrade und Vaals deshalb täglich nach Aachen und Umgebung zogen – vor allem, nachdem Vaals und Herzogenrath durch Straßenbahnlinien mit Aachen verbunden waren. Auf der anderen Seite verlegten deutsche Arbeiter aus Eupen schon weit vor 1914 ihren Wohnort häufig ins angrenzende belgische Membach, weil dort die Lebenshaltungskosten niedriger lagen. Sie arbeiteten aber natürlich weiter in Eupen. Zur gleichen Zeit setzten Fabrikbesitzer in Eupen gerne Streikbrecher aus dem Nachbarland ein, weil diese sich mit niedrigeren Löhnen zufrieden gaben. In Vaals wiederum waren die meisten Arbeiter in den deutschen christlichen Gewerkschaften organisiert. Sie hatten dort wie selbstverständlich eine eigene Ortsgruppe.

War Vaals schon damals eine Art Vorort von Aachen?

Ruland: In Vaals wurde bis in den Sommer 1914 hinein fast ausschließlich mit deutschem Geld bezahlt. Nur auf der Post und für das Begleichen der Steuerschuld nutzte man niederländisches Geld. Viele Vaalser gingen zum Einkauf nach Aachen. Sehr beliebt war das Kaufhaus Tietz am Markt – solch ein großes Warenhaus existierte nahe gelegen auf niederländischer Seite nicht. Im Gegenzug wurden viele Aachener Märkte von Bauern aus Süd-Limburg versorgt. Es gab einen ausgesprochen intensiven Warenverkehr über die Grenzen hinweg. Unsere Gegend war damals schon sozusagen miniglobalisiert.

Wurde an den Grenzen nicht kon­trolliert?

Ruland: Sicher standen dort immer ein paar Zöllner herum. Aber ihre Kontrollen waren äußerst leger. Zudem hielten die Menschen sich meist nicht an die offiziellen Grenzübergänge. Schmuggel war etwas Selbstverständliches.

Das ändert sich 1914?

Ruland: Der Sommer 1914 wird zur tiefen Zäsur für das Zusammenleben im Grenzland. Die Stimmung ändert sich schlagartig. Zunächst berichten alle Zeitungen über den Mord am österreichischen Thronfolger und dass es möglicherweise einen Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien geben könnte. Aber das scheint weit weg zu sein und beunruhigt nur wenige. Noch bis Ende Juli fühlen sich die Menschen auch im Grenzland von den politischen Ereignissen in Europa kaum betroffen, leben ihr normales Leben. Erst unmittelbar vor Kriegsbeginn wird plötzlich alles anders. Auf allen Seiten der Grenzen schnellen ab Ende Juli von heute auf morgen die Preise für Lebensmittel in die Höhe. Die Menschen fangen an Vorräte zu horten. Das Silbergeld verschwindet. Vor allem aber beginnen mit der Mobilmachung in Deutschland, Belgien und den Niederlanden die großen Requirierungen durch das Militär. Allein im belgischen Kanton Aubel mit seinen rund 13 000 Einwohnern werden vom 1. bis zum 3. August massenhaft Pferde, 3500 Rindviecher, 1200 Schweine und riesige Mengen Stroh beschlagnahmt. Ebenso Autos, Fahrräder und Schuhe. Anderswo werden vom belgischen Militär Bäume gefällt und Häuser abgerissen, um freies Schussfeld zu haben. Ebenso werden Straßen und Eisenbahnverbindungen Richtung Deutschland zerstört. Die belgischen Zeitungen berichten darüber völlig offen.

Und auf deutscher Seite?

Ruland: In Aachen und Eupen gibt es natürlich auch Kriegsvorbereitungen. Über die politischen und militärischen Geschehnisse, Einberufungen, Meldung der Freiwilligen wird in den Zeitungen berichtet. Aber kaum oder nur versteckt über die sozialen Folgen. So ist beispielsweise erwähnt, dass Bauern aus dem Raum Kerkrade, die auf dem Weg zum Markt in Aachen sind, an der Grenze vom niederländischen Militär die Pferde abgenommen werden.

Anfang August werden die Grenzen geschlossen. Am 4. August, einem Dienstag, beginnt der deutsche Überfall. Im Raum Aachen-Eupen-Malmedy marschieren sechs Brigaden über die Grenze nach Belgien ein. Sind damit aus guten Nachbarn tatsächlich plötzlich Feinde geworden?

Ruland: Ich glaube, zunächst einmal gab es in der Bevölkerung nur eine große Angst. Zumindest war das auf belgischer Seite so. Aber dann kommt es schon in den ersten Kriegstagen zu Morden von deutschen Soldaten an belgischen Zivilisten. Das erzeugt natürlich Hass. Der Blick auf den Nachbarn beginnt sich völlig zu ändern.

In den zeitgenössischen Zeitungen und später auch in historischen Darstellungen der ersten Augusttage ist viel von der großen Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich zu lesen. Gab es sie auch im Grenzland?

Ruland: Carl Christoph Hartig hat auf Lithographien die Stimmung in Aachen zwischen dem 31. Juli und dem 4. August festgehalten. Auf ihnen sind nur jubelnde Menschen zu sehen. Aber ob das repräsentativ ist und ob die gesamte Aachener Bevölkerung kriegsbegeistert war, lässt sich nur schwer beurteilen.

Wie sah es auf belgischer Seite aus?

Ruland: Dort ist von Kriegsbegeisterung überhaupt nichts zu spüren. In Verviers findet zum Beispiel am 31. Juli, dem Tag der belgischen Mobilmachung, unter dem Motto „Kein Krieg“ eine von der „Jungen sozialistischen Garde“ organisierte Demonstration statt, an der mehr als tausend Menschen teilnehmen. Für Aachen und Umgebung sind mir vergleichbare Proteste nicht bekannt.

Wie reagierten die grenznahen Niederländer auf den deutschen Einmarsch in Belgien?

Ruland: Zunächst mit Angst, dann mit Erleichterung. Schauen wir nach Vaals. Die Menschen dort haben plötzlich ein großes Problem. Seit dem 1. August ist die Grenze nach Deutschland geschlossen, viele sind von ihren Arbeitsplätzen abgeschnitten, ihr deutsches Geld wird nicht mehr angenommen. Zu Hunderten lungern sie auf der Straße herum und sehen, wie in den frühen Morgenstunden des 4. August deutsche Soldaten Richtung Vierländerpunkt marschieren. Man ist äußerst nervös, weil niemand weiß, ob die Deutschen auch in die Niederlande einfallen. Als den Vaalsern klar wird, dass dies nicht der Fall ist, setzt ein großes Aufatmen ein. Ähnlich sieht es im Raum Herzogenrath aus. Hier ziehen am 4. August deutschen Truppen über die Neustraße Richtung Aachen und Belgien. Die Niederländer in Kerkrade sind darüber so erleichtert, dass sie Eiswasser-Kübel mit Weinflaschen an den Rand dieser Grenzstraße stellen. Auf dass sich die kaiserlichen Truppen erfrischen. Eine deutsche Militärkapelle bedanken sich dafür wenige Tage später mit einem Platzkonzert an der Grenze in Bleyerheide. Zur gleichen Zeit ermorden deutsche Soldaten einige Dutzend Kilometer entfernt bereits belgische Zivilisten.

Blieb die niederländisch-deutsche Grenze die ganze Kriegszeit über geschlossen?

Ruland: Nein, sie wurde 14 Tage nach Kriegsbeginn wieder geöffnet. Die Niederländer konnten zurück an ihre Arbeitsplätze in Deutschland. Davon profitierten übrigens viele Aachener, vor allem, nachdem im Laufe des Krieges die Versorgungslage immer schlechter wurde. Offiziell durfte nämlich jeder Wochenarbeiter zunächst noch fünf Kilogramm Brot, zwei Kilo Speck, Fett, Margarine, Schweineschmalz und Wurst ins zunehmend hungernde Reich als „Eigenproviant“ einführen.

Hat das deutsch-niederländische Verhältnis durch den Ersten Weltkrieg gelitten?

Ruland: Eigentlich nicht. Viele Niederländer, aber auch die deutschen Grenzbewohner, haben ja unter anderem vom Schmuggel profitiert! Für das deutsch-niederländische Verhältnis war auch im Grenzland erst der Zweite Weltkrieg und da insbesondere der Hungerwinter 1944/45 die große Zäsur.

Wie sieht es mit dem deutsch-belgischen Verhältnis aus?

Ruland: Im Bewusstsein der meisten Belgier gilt der Erste Weltkrieg bis heute als „der Große Krieg“, als die große Katastrophe. Er hat das deutsch-belgische Verhältnis für lange Zeit nachhaltig gestört. Selbst die deutsche Besatzungszeit während des Zweiten Weltkriegs wurde subjektiv als weniger schlimm empfunden. Dafür waren vor allem die zahlreichen Massaker der Deutschen an der belgischen Zivilbevölkerung mit mehreren tausend Toten verantwortlich. Ich habe viel mit belgischen Zeitzeugen zum Zweiten Weltkrieg gearbeitet. Wenn wir über die Nazi-Verbrechen sprachen, bekam ich immer wieder den Satz zu hören: „Es waren nicht die Nazis, es waren die Deutschen.“ Diese Sichtweise war eine direkte Folge aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges. Plötzlich gab es in Belgien einen tiefen Hass gegenüber allen, die deutsch sprachen. Es war auch die Zeit, in der ein belgisches Nationalbewusstsein, ein belgischer Nationalismus entstand. Da Belgien ein 1830 zusammengestückelter Staat war, gab es ihn bis 1914 nicht. Erst die Deutschen haben ihn regelrecht in das Land hinein geprügelt.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs liegt hundert Jahre zurück. Inzwischen spielen die Grenzen im Raum Aachen kaum noch eine Rolle, ähnlich wie in der Zeit vor 1914. Hat der Große Krieg trotzdem immer noch Auswirkungen auf das deutsch-belgische Verhältnis?

Ruland: Gerade bei älteren Menschen gibt es insbesondere im frankophonen Belgien auch heute noch einen unglaublich starken Patriotismus. Der drückt sich nicht selten in einer kritischen bis feindseligen Haltung gegenüber Deutschen aus.

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