Jugendliche treffen Kandidaten beim „Politischen Speed-Dating”

Von: Saskia Zimmer und Mischa Wyboris
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Politischer Plausch im Eilverfahren: Die Schülerinnen Milena, Flora und Catalina (Dreiergruppe in der Mitte, von links) nehmen Marika Jungblut (l.) von der Linkspartei ins zehn Minuten kurze Kreuzverhör. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Milena, Flora und Catalina haben ihr Kreuzchen schon gemacht. Dass sie mit ihren 15, 16 und 15 Jahren alle noch zu jung sind und gar nicht wählen dürfen, interessiert sie herzlich wenig.

Sie haben ihre Wahl trotzdem schon getroffen - und das darf man getrost wörtlich nehmen. Beim „Politischen Speed-Dating” im Schülercafé des Aachen-Fensters haben sich die Schülerinnen des St.-Ursula-Gymnasiums und andere Jugendliche reihum Landtagskandidaten der fünf großen Parteien zur Brust genommen - mit einem Zeitlimit, aber ohne zu wissen, wen sie im konkreten Fall vor sich haben.

Fünf Stehtische, fünf Politiker, 20 Jugendliche - viel mehr braucht es zum Speed-Dating der besonderen Art im Aachen-Fenster am Büchel nicht, das der Regionalvorstand des BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) Stadt Aachen auf die Beine gestellt hat. Die Idee hinter der Veranstaltung gut zehn Tage vor der NRW-Landtagswahl am 9. Mai: „Wir wollen Jugendlichen, vor allem Erstwählern, die Möglichkeit geben, sich im direkten Gespräch einen Eindruck von den Politikern und ihren Einstellungen zu machen”, sagt Jan Thiekötter (23) vom BDKJ.

Kein normales Gespräch

Eine klassische Podiumsdiskussion war den Ehrenamtlern zu dröge, zu unpersönlich. Aber auch ein „normales” Gespräch reichte den Ehrenamtlern nicht. Für den parteipolitischen Sprint gelten verschärfte Bedingungen: Gerade mal zehn Minuten sind den Politikern vergönnt, um die Stimme der Jugendlichen für sich zu gewinnen. Ein Gongschlag beendet die jeweilige Runde, dann müssen die Politiker weiterziehen, auf zum nächsten Stehtisch. „Wenn´s gongt, dann gongt´s”, erklärt Yana Heinisch vom BDKJ die Spielregeln spartanisch.

Das Speed-Dating ist zugleich auch ein Blind-Date. Claudia Walther (SPD), Rolf Einmahl (CDU), Reiner Priggen (Grüne), Philipp Rohde (FDP) und Marika Jungblut (Die Linke) müssen - ganz untypisch für die heiße Phase des Wahlkampfes - sowohl ihren Namen als auch ihre Partei verborgen halten. Die Auflösung gibt´s erst zum Schluss.

So haben Milena, Flora und Catalina keinen blassen Schimmer, wer da im grauen Anzug als Erster an ihren Stehtisch tritt. Vor ihnen liegt die ganze Wahrheit: Kindergeld, Jugendarbeit, Ganztagsschule, G8, Amokläufe - diese landespolitischen Themenschlagworte, notiert auf einer Ansammlung von Pappkarten, sollen helfen, falls der Gesprächsfluss stoppt.

Neugierde und Ehrgeiz

Die 15-jährige Milena braucht diese Hilfe allerdings ganz und gar nicht. Sie packt die Gelegenheit beim Schopfe und konfrontiert Rolf Einmahl - so viel sei an dieser Stelle verraten - mit einem Thema, das sie und ihre Freundinnen besonders beschäftigt. „Fangen Sie doch direkt mal an: Was halten Sie von Atomkraft?” Es wird diskutiert und debattiert; die politische Neugierde vermischt sich mit dem sportlichen Ehrgeiz, durch strategisches Fragen der Identität der Parteipersonen auf die Schliche zu kommen. „Im persönlichen Gespräch kann man jeden viel besser nachvollziehen”, findet Flora, und Milena weiß nicht erst seit dem Speed-Dating: „Das Schlimmste ist politisches Desinteresse.”

Damit ist Linus wahrhaftig nicht geschlagen. Einen Tisch weiter gestikuliert der 13-Jährige im Stile eines erfahrenen Staatsmannes. Im Gespräch über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr argumentiert er sein „Blind-Date”, von dem er längst weiß, wer es ist, beinahe an die Wand. „Es ist dumm, sich als junger Mensch nicht mit Politik zu befassen und erst mit 18 oder 20 damit anzufangen”, sagt der Schüler vom Pius-Gymnasium.

Bis Linus sein Kreuzchen - zumindest bei einer „richtigen” Wahl - machen darf, dauert es natürlich noch etwas. Aber hier im „Wahlbüro” Aachen-Fenster darf er schon an die Urne schreiten. Denn zum Abschluss dürfen die Jugendlichen entscheiden, welcher Kandidat beim Speed-Dating am überzeugendsten war. Das Wahl-Ergebnis ist zwar spannend - Reiner Priggen von den Grünen gewinnt mit über 50 Prozent -, aber natürlich keineswegs repräsentativ. Entscheidend ist: Milena, Flora und Catalina haben debattiert, ihre Meinung vertreten, die Menschen vom Plakat mal „in Echt” getroffen, und - das Wichtigste: Sie haben ihre Stimme abgegeben.
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