Jugendliche in Haft: Gewalt ist Teil des Alltags

Von: Marlon Gego
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Knast
74 Prozent aller jugendlichen Häftlinge sind psychischer Gewalt ausgesetzt. Foto: dpa

Heinsberg/Köln. Der Alltag in deutschen Jugendgefängnissen ist derart gewalttätig, dass selbst die Mitarbeiter der Gefängnisse über das Ausmaß erstaunt sind. Das ist das Zwischenergebnis einer Studie des Kölner Kriminologen Frank Neubacher, das gerade in einer Fachzeitschrift veröffentlicht worden ist.

Demnach sind es weniger als fünf Prozent der männlichen Jugendstraftäter, die nicht regelmäßig verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt sind. Der Jugendstrafvollzug spiele sich den Ergebnissen der Studie zufolge „in einer Kulisse der Gewalt“ ab.

Nach dem Mord in der damals völlig überfüllten Jugendstrafvollzugsanstalt (JVA) Siegburg 2006 wurde viel getan, um solche Exzesse zu verhindern und die Gewalt in den Jugendgefängnissen in den Griff zu bekommen. Personal wurde aufgestockt, 2007 ein neues Jugendstrafvollzugsgesetz verabschiedet. Genutzt hat es wenig, das Zwischenergebnis lässt den alptraumhaften Alltag in den Gefängnissen erahnen. Neubacher erklärte am Dienstag im Gespräch mit unserer Zeitung, dass das Zwischenergebnis seiner Studie nicht dazu tauge, daraus persönliches Fehlverhalten von Ministern oder Anstaltspersonal abzuleiten.

Neubachers Studie stützt sich auf umfangreiche Datenerhebungen in den Jugendgefängnissen Heinsberg, Herford und Ichtershausen in Thüringen. Das Zwischenergebnis ist als repräsentativ für die Bundesrepublik anzusehen, sagte Neubacher. Demzufolge sind 74 Prozent aller jugendlichen Häftlinge psychischer Gewalt ausgesetzt, 50 Prozent körperlicher, 36 Prozent materieller und knapp zwei Prozent sexueller Gewalt. Auch Zwang und Erpressung spielen eine Rolle (17 Prozent).

69 Prozent der Inhaftierten, heißt es im Zwischenergebnis, seien bereits im familiären Umfeld Opfer von Gewalt geworden, mehr als die Hälfte sitzen wegen Gewaltdelikten in Haft. Die Gewalt innerhalb der Gefängnisse dient in erster Linie der Selbstpositionierung und der Hierarchiebildung. Erstaunlich ist, dass dies meist vom Personal nicht wahrgenommen wird, obwohl, wie die Leiterin der JVA Heinsberg, Ingrid Lambertz, sagte, „die JVA-Mitarbeiter seit Siegburg für die Gewaltproblematik besonders sensibilisiert sind“. Der Studie zufolge kommen auf eine aktenkundig gewordene Gewalttat vier bis fünf, die vom Personal unbemerkt bleiben.

Zwar sei es noch zu früh, konkrete Verbesserungsvorschläge aus der Studie abzuleiten, sagte Neubacher, jedoch sei bereits jetzt erkennbar, dass die Gewalt desto öfter auftrete, je größer das Gefängnis sei. Neubacher regte an, auf Haftstrafen zu verzichten, „wo immer es vertretbar ist“, denn: „Gefängnisse sind nicht der Ort, um junge Männer auf den richtigen Weg zu bringen.“

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