Jugend debattiert: Wenn Reden Gold bedeuten könnte

Von: Angela Delonge und Simone Thelen
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Zwei im Finale: Veronika Stockem vom Gymnasium St. Leonhard in Aachen und Andreas Plum vom Gymnasium St. Ursula Geilenkirchen vertreten am Freitag und Samstag das Land Nordrhein-Westfalen beim Wettbewerb von Jugend debattiert in Berlin. Fotos: Michael Jaspers, Simone Thelen
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Zwei im Finale: Veronika Stockem vom Gymnasium St. Leonhard in Aachen und Andreas Plum vom Gymnasium St. Ursula Geilenkirchen vertreten am Freitag und Samstag das Land Nordrhein-Westfalen beim Wettbewerb von Jugend debattiert in Berlin. Fotos: Michael Jaspers, Simone Thelen

Aachen/Geilenkirchen. Worüber würden Sie lieber diskutieren, wenn Sie die Wahl hätten? Über die Fragen, ob in der öffentlichen Kommunikation soziale Bots eingesetzt werden sollen, ob in Deutschland ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden soll oder ob die Optionspflicht für Mehrfachstaatsangehörige wieder eingeführt werden soll?

Anspruchsvolle Themen, eins wie das andere, aber wählen dürfen Veronika Stockem (17) und Andreas Plum (18) leider nicht. Die beiden Schüler aus Aachen und Geilenkirchen, die als einzige das Land Nordrhein-Westfalen am kommenden Wochenende beim Bundesfinale von Jugend debattiert in Berlin vertreten, müssen bei allen drei Fragenstellungen so sattelfest sein, dass sie sowohl das Für als auch das Wider argumentativ vertreten können. So verlangen es die Statuten.

Fast 30.000 Konkurrenten aus ganz Nordrhein-Westfalen haben Veronika und Andreas in den vergangenen Monaten hinter sich gelassen, Veronika belegte im Landesfinale Platz 1, Andreas Platz 2. Nun befinden sich beide auf der Zielgeraden nach Berlin, wo die Konkurrenz wesentlich kleiner aber auch viel schwerer zu schlagen ist. 32 Landessieger treten pro Altersgruppe gegeneinander an, zunächst in der Qualifikationsrunde.

Wer diese Hürde geschafft hat, darf sich fast schon Sieger nennen. Denn danach sind es nur noch vier Debattanten, die jeweils zu zweit gegeneinander antreten. Am Ende gibt es vier Platzierungen nach Punktwertung. Ob Veronika und Andreas dabei sein werden? Das ist völlig offen, sagen beide übereinstimmend, so richtig üben könne man nicht, man könne sich nur auf alle drei Fragestellungen sehr, sehr intensiv vorbereiten.

Genau das tun Veronika und Andreas zurzeit. Ab Freitag sind die beiden gefragt, erst in der Qualifikation – am Samstag dann vielleicht, hoffentlich, noch im Finale. Die Themen gefallen den beiden NRW-Vertretern ganz gut, insgesamt merke man jedoch eine gewaltige Steigerung der Komplexität gegenüber den Themen in den vorigen Runden.

Veronika sagt: „Die Mehrfachstaatsangehörigkeit und das bedingungslose Grundeinkommen sind aktuell relevante Themen, bei denen es auf beiden Seiten gute Argumente gibt.“ Andreas hat am Thema „soziale Bots“ am meisten Spaß. Das Thema werfe viele Fragen auf. „Die Algorithmen, die in sozialen Netzwerken menschliche Verhaltensmuster simulieren, haben bei der US-Präsidentschaftswahl schon eine große Rolle gespielt“, sagt Andreas.

Alle Finalteilnehmer haben sich Ende Mai beim Vorbereitungs-Workshop kennengelernt. Und keine Frage, die Konkurrenz ist groß: „Alle sind wirklich sehr gut“, sagt Andreas, „die härtesten Gegner werden wohl die Teilnehmer aus Sachsen sein.“ Trotzdem ist hier in kürzester Zeit auch eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten entstanden.

Das schätzt besonders Veronika. „Egal, wer gewinnt, wir haben einen ganz tollen Austausch untereinander.“ Normalerweise treffe man Leute, die entweder gut in der Schule sind oder sonst ein besonders Talent haben, sagt sie. Bei den Finalisten von Jugend debattiert sei das anders. „Das sind Leute, die jede Menge Hobbys haben, Jugendparlamente aufgebaut haben, in Parteien aktiv sind und trotzdem mindestens einen Notenschnitt von 1,0 haben.“ Das findet die 17-Jährige faszinierend.

Wobei sich ihre eigenen Hobbys auch sehen lassen können: Veronika läuft täglich und tanzt im Verein Turniere. Mit der Jazz- und Moderndance-Formation „Akzente“ des Aachener Tanzsportclubs Grün-Weiß Aquisgrana hat sie sich zuletzt sogar in die Oberliga getanzt.

Das Diskutieren ist für Veronika aber viel mehr als ein Hobby, es ist eine Leidenschaft. „Ich habe schon immer gerne geredet, und diskutiere supergerne“, sagt sie. Wenn sie eine andere Meinung habe, wolle sie die auch gerne durchsetzen. Dabei geht es ihr nicht ums Rechthaben sondern eher um sachliche Genauigkeit. Mit dieser Einstellung dürfte sie in Berlin gute Karten haben, denn genau darum geht es dort: Sachkenntnis, Ausdrucksvermögen, Gesprächsfertigkeit und Überzeugungskraft.

Doch Veronika weiß auch, wo ihre Schwächen sind. „Ich mache zu wenig Pausen beim Sprechen“, sagt sie zum Beispiel. An ihrem Körpergefühl beim Sprechen müsse sie auch noch arbeiten. „Du musst dich fühlen wie ein großer schwerer Riese. Dann stehst du stabil und bist entspannt“, haben die Rhetoriktrainer ihr gesagt. Ein guter Tipp, findet Veronika, den sie auf jeden Fall beherzigen wird.

In ihrer Schule, wo die AG „Jugend debattiert“ ab der achten Klasse belegt werden kann, sei Veronika ziemlich schnell aufgefallen. „Die hat Potenzial“, dachte Michael Turner, der Lehrer für Sozialwissenschaften und Französisch am Aachener St.-Leonhard-Gymnasium, als er die gerade einmal 13 Jahre alte Veronika in der Diskussion erlebte. Seitdem ist Turner Veronikas Mentor.

Für ihn ist das Format von Jugend debattiert ein „formidables Training für das Leben“. Auch Schulleiter Stefan Menzel findet die „ergebnisoffene Debatte von Problematiken aus der Lebenswirklichkeit eine schöne Form von gelebter Demokratie“ für seine Schüler, die er nach Kräften unterstützt.

Am Anfang von Veronikas Redekarriere – beim ersten Regionalwettbewerb – reichte es gerade mal für die Qualifikation. Für die damals 14-Jährige kein Rückschlag sondern Ansporn, weiterzukommen. „Ich habe damals gedacht, dass ich schon viel kann, aber dann gemerkt, dass die anderen viel besser waren als ich“, sagt Veronika. Das habe sie enorm motiviert, so gut wollte sie auch werden.

Das hat sie schon mehr als geschafft. Und das will sie immer noch. Wir drücken die Daumen!

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