Jüngere Demente: bisher zu wenig beachtet

Von: Sabine Rother
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Sie sind beim Kartoffelschälen schnell und geschickt: Rolf und Andi (von rechts) mit Christa Lardinoix, Leiterin des Tagespflegehauses der Diakonie, und Ergotherapeutin Almut Groß-Klussmann. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Sie genießen einen Ausflug zum Trimm-dich-Pfad im Park, besuchen das Aachener Reitturnier oder ein Orgelkonzert: „Unsere Gäste haben zwar eine dementielle Erkrankung, aber viele von ihnen sind deutlich unter 60 Jahre alt und noch sehr fit“, betont Christa Lardinoix, Leiterin des Tagespflegehauses der Diakonie in Aachen – eine der ersten Einrichtungen dieser Art in der Region.

Gemeinsam mit dem Demenznetz Aachen, vertreten durch die Ärztin Lotta Hülsmeier und die Ergotherapeutin Almut Groß-Klussmann, entwickelt man hier ein speziell auf die Bedürfnisse jüngerer Demenzkranker ausgerichtetes Konzept der Betreuung und Begleitung. Finanziert wird das Projekt durch die Pflegekasse.

16 Frauen und Männer im Alter zwischen 58 und 71 Jahren kommen inzwischen täglich außer sonntags in das gemütliche Haus, um gemeinsam zu frühstücken, Mittagessen zu kochen, zu essen, zu erzählen und zu spielen. Wer mag, kann sich auch in einem der bequemen Ohrensessel ausruhen.

Aber nicht nur das. „Ganz wichtig ist Bewegung“, betont Almut Groß-Klussmann. Sie hat bereits damit begonnen, neue Ideen zu entwickeln. „Wir sind oft im Freien und werden im nächsten Jahr einen großen Garten bearbeiten, wo wir den Rasen mähen, umgraben, pflanzen und ernten“, verrät sie.

Menschen, die frühzeitig an Demenz erkranken, sind körperlich zwar fit, doch Sprachvermögen und Sprachverständnis nehmen relativ schnell ab. „Artikulationsprobleme sind extrem frustrierend“, sagt Psychologin Annika Jagusch, die gleichfalls für die neue Tagespflege im Einsatz ist.

„Eine Demenz in jüngeren Jahren verläuft ganz anders als eine Altersdemenz.“ Selbst das sonst bei alten Demenz-Patienten übliche Beschäftigungsangebot muss verändert werden. Da werden weniger die Volkslieder vom „Wandersmann“ oder der „klappernden Mühle“ gesungen, sondern Reinhard Mey und Hits der Stones.

Auch Mobiltelefon und Tablet sind vertrauter als das normale Telefon. „Neulich habe ich ein Buch über die politischen Ereignisse der 70er Jahre mitgebracht“, erzählt Christa Lardinoix. „Da hätte ich bei einem 85-Jährigen nicht viel erreicht. Bei dieser Gruppe funktionierte das Erinnern gut.“

Bei der Tagespflege wird nicht nur an das Wohl der Demenzkranken gedacht, sondern gleichfalls an die Entlastung der oft überforderten Angehörigen. Gar nicht selten versuchen sie längere Zeit, die sich abzeichnende Demenz zu vertuschen.

„Das sind ja Menschen, die oft noch im Beruf aktiv waren, bei denen Kinder studieren und das Haus nicht abbezahlt ist“, erläutert Christa Lardinoix und beschreibt einen Fall, wo ein Ehemann klagte, er komme überhaupt nicht mehr mit dem Computer und speziell dem Excel-Programm klar. In Wirklichkeit war es der Beginn der Krankheit.

Die Entscheidung, einen Platz in der Tagespflege zu nutzen, fällt besonders Ehepartnern schwer. „Viele haben das Gefühl, ein einmal geleistetes Treueversprechen nicht zu halten, sie leiden unter einem schlechten Gewissen und lassen erst Hilfe zu, wenn sie unter der Last zusammenbrechen“, weiß Annika Jagusch. Dem will man vorbeugen.

Wenn Christa Lardinoix von den Nutzern des Tagespflegehauses berichtet, spricht sie stets respektvoll von „Gästen“ und betont: „Die Menschen werden nicht verwahrt, sie kommen, um so zu sein, wie sie sind.“ Unermüdlich ist sie im Einsatz für einen offeneren Umgang mit Demenz. So gibt es in der Malmedyer Straße keine verriegelten Türen. Eine Erfahrung der Betreuer: Wer hinaus will, der kommt auch hinaus. Geschieht das, wird ein Suchtrupp ausgeschickt und im Extremfall die Polizei alarmiert.

Dabei staunt das Team gar nicht so selten über die Fähigkeiten der dementen Menschen. „Als wir beim CHIO waren, verschwand plötzlich ein Mann aus der Gruppe“, erinnert sich die Leiterin des Hauses. „Als man seine Frau zu Hause anrief, klingelte er dort gerade an der Tür.“

Lardinoix fordert mehr Gelassenheit. „Ist es denn so schlimm, wenn jemand Brötchen kaufen will und in der Bäckerei statt Geld ein paar Schrauben aus der Tasche zieht?“ meint sie. „Das kann man doch regeln.“

Mit einem Betreuungsschlüssel, bei dem eine Pflegekraft vier Patienten begleitet, stößt die Arbeit mit jüngeren dementiell veränderten Menschen an Grenzen. „Da gehen beim Ausflug vier Leute in vier Richtungen“, seufzt die Ergotherapeutin. Dennoch: Die Besichtigung des Aachener Hauptbahnhofs ist fest eingeplant.

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