Jülicher Wissenschaftler: Abfallberater für die Ewigkeit

Von: Ulrich Simons
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Seit 50 Jahren nach Wegen forschen Wissenschaftler am Forschungszentrum zur sicheren Entsorgung radioaktiven Mülls. Foto: imago/imagebroker

Aachen. Die Rückschau fällt bei einem 50. Geburtstag in der Regel umfangreicher aus als der Ausblick auf die noch verbleibenden Jahre. Es sei denn, die Wissenschaftler aus dem Forschungszen­trum Jülich versammeln sich zur Feier. Dann kann der Blick in die Zukunft auch schon mal mehrere Hunderttausend Jahre umfassen. Strahlend wird sie auf jeden Fall.

„50 Jahre Forschung für die sichere Entsorgung radioaktiver Abfälle“ galt es am Montag im SuperC der RWTH zu feiern, wo Rektor Ernst Schmachtenberg als Hausherr die rund 200 Festgäste begrüßte und die griechische Mythologie bemühte: „Die nukleare Entsorgung ist Teil unseres Energiekonzeptes. Denn die Büchse der Pandora ist längst geöffnet.“ (Besagtes Behältnis enthielt alle der Menschheit bis dahin unbekannten Übel wie Arbeit, Krankheit und Tod.

Sie entwichen in die Welt, als Pandora gegen alle Warnungen die Büchse öffnete.) Fakt ist: Nukleare Überreste, auch aus Bereichen wie der Medizin, wo ihr Nutzen unbestritten ist, werden uns noch Jahrtausende lang beschäftigen.

„Lösungen jetzt entwickeln“

„Deutschland muss seine radioaktiven Abfälle sicher entsorgen und die Lösungen jetzt entwickeln“, forderte Institutsdirektor Dirk Bosbach. „Das können wir nicht künftigen Generationen überlassen.“

Daher suchten die Jülicher schon in jenen Zeiten, als sie noch unter dem Namen „Kernforschungsanlage Jülich“ firmierten, zunächst nach Verfahren zur Wiederaufbereitung, seit Mitte der 80er Jahre nach Möglichkeiten zur dauerhaften und sicheren Unterbringung der strahlenden Abfälle.

Aktueller Standard: Radioaktiver Müll wird sicher eingeschlossen und isoliert in Tiefen von mehr als 500 Metern in stabile geologische Formationen gebracht, meist aufgegebene Salzstöcke. Eines der wichtigen Kriterien: Die Sicherheit muss über mehrere Hunderttausend Jahre gewährleistet sein.

Dirk Bosbach: „Eine Region wie die Eifel, wo vor 10.000 Jahren die bisher letzten Vulkanausbrüche stattfanden, scheidet damit aus.“

Um eine Grundlage für die Beurteilung von Endlagern zu schaffen, untersuchen die Jülicher Wissenschaftler konkrete Szenarien: Welche Auswirkungen hat eine Eiszeit? Was passiert, wenn Wasser eindringt und mit den Abfällen in Kontakt kommt? Darüber hinaus entwickeln die Forscher Keramiken, die sich für die dauerhafte Einlagerung radioaktiver Substanzen besonders eignen.

Gastrednerin Diana Gallego Carrera vom Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (Zirius) der Uni Stuttgart beleuchtete den gesellschaftlichen Aspekt des Themas anhand umfangreichen Zahlenmaterials der EU-Kommission.

Danach verläuft in Deutschland die Linie zwischen Kernkraft-Gegnern und -Befürworten bei ziemlich genau 50 Prozent. Die größten Ängste bei einem Endlager in der Nähe betreffen die Gefahr eines Lecks und allgemeine Gesundheitsrisiken. Daher möchten 68 Prozent mitreden, wenn es um den Standort geht.

Ein Manko ihres Vortrages: Die Zahlen stammten aus den Jahren 2005 und 2008. Da war Tschernobyl (1986) lange her und Fuku­shima (2011) noch am Netz. Begründung: Nach Fukushima habe kein EU-Barometer mehr stattgefunden. Ein Trend aus anderen Umfragen sei aber, dass sich die positiven Werte um rund 25 Prozent ins Negative verschoben hätten.

Die Ursache ihrer Ansicht nach: „Die Wissenschaft verliert ihre Orientierungsfunktion, weil ihre Vertreter sich uneinig sind bei der Risikobewertung.“

Zudem stecke die Politik in einem Dilemma: Ständig wechseln Zuständigkeiten, und immer mehr Menschen wollen mitreden. Dennoch plädierte sie für mehr Bürgerbeteiligung: „Erst durch Teilhabe werden sachlich richtige Entscheidungen auch sozial richtig.“

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