Jülicher Forscher: Je begrenzter der Platz, desto weniger Gedränge

Von: Guido Jansen
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Ein Versuchsaufbau wie dieser lieferte 2013 unerwartete Ergebnisse: Wenn eine wartende Menschenmenge weniger Platz hat, weil sie in einem Korridor gelenkt wird, entsteht weniger Gedränge. Foto: Forschungszentrum/Ralf Eisenbach
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Beobachtet das Verhalten von Menschenmengen: Prof. Armin Seyfried Foto: Forschungszentrum/Ralf Eisenbach

Jülich. Armin Seyfried war mit seiner Physik am Ende. Der Physiker des Forschungszentrums Jülich versucht mit seinem Team herauszufinden, wie sich Menschenmengen verhalten, wenn der Platz eng wird und die Motivation jedes Einzelnen hoch ist, Erster zu sein.

Viele Ergebnisse hatten die Wissenschaftler erwartet. Aber die eine Erkenntnis, die sie 2013 bei ihrer Bewegungsstudie in einer Düsseldorfer Messehalle gewonnen haben, hatten sie vorher so nicht auf der Rechnung: Je begrenzter der Platz wird, desto weniger Gedränge gibt es in einer Menschenmenge. Dieses Verhaltensmuster haben die Jülicher Forscher in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Ruhr-Universität Bochum jetzt zum ersten Mal überhaupt in einer Fachzeitschrift beschrieben und erklärt.

„Wir hatten 270 jungen Menschen gesagt, dass sie sich vorstellen sollen, dass sie vor einem fast ausverkauften Rockkonzert stehen und unbedingt versuchen sollen, die letzten Karten zu bekommen“, erklärt Seyfried die Ausgangssituation. Die Karten gab es nur hinter einem Eingang. Der künstlich erzeugte mentale Druck war also groß, das Gedränge programmiert. Und dann gewannen die Jülicher Forscher diese Erkenntnis, die erstens paradox und überraschend klingt und zweitens erst Sinn ergibt, wenn man die Physik verlässt.

In der ersten Studie, in der es nur einen großen Raum und den einen Eingang gab, entstand mehr Gedränge, eine Menschentraube bildete sich, das Passieren des Eingangs dauerte länger als im zweiten Durchgang der Studie. Diesmal hatten die Wissenschaftler den Zugang zum Einlass mit Stellwänden stark verengt und eine Art Korridor geschaffen. „Das lässt sich mit Physik nicht erklären“, schildert Seyfried den Gedanken, der ihm kam, als er das Unerwartete sah.

Normalerweise nämlich passen viele Prinzipien der Physik gut auf Bewegungsstudien. Die Jülicher Forscher hatten angenommen, dass eine Art Trichterprinzip bei der Studie mit dem einen Eingang greift, hinter dem es die letzten Tickets gibt. So, als ob man kleine Kugeln in einen Trichter schüttet und eine nach der anderen hindurchrollt.

Das funktioniert auch bei Menschen, allerdings noch viel schneller und mit weniger Gedränge, wenn man den Trichter zu einem Korridor verengt. Sieht sich die Menge einem begrenzenden Zugang gegenüber, dann verhalten sich Menschen entspannter, weil sie weniger drängen als im großen Raum. Die Personenzahl pro Quadratmeter ging zurück von elf im freien Raum auf sechs im Korridor.

„Nachdem wir das in den Videoaufzeichnungen festgestellt hatten, war uns klar, dass es uns nicht gelingt, das Phänomen allein mit der Sprache eines Ingenieurs zu beschreiben. Und so haben wir begonnen, unsere Ergebnisse mit der Sprache der Sozialpsychologen in Einklang zu bringen“, sagt Sey-fried. So kam Anna Sieben vom Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie der Ruhr-Universität Bochum 2015 mit ins Boot. Zwei Jahre hat es gedauert, bis das Forscherteam seine Ergebnisse formuliert hat.

Eine „gefühlte“ Gerechtigkeit spielt laut Sieben eine Rolle für das Nachlassen des Gedränges. „Die meisten Menschen scheinen den Einlass durch den Korridor als gerechter einzuschätzen“, sagt Sieben. „Sie glauben: Wer sich dort zuerst anstellt, kommt auch zuerst rein. Die Frage, ob man drängelt oder nicht, hat also möglicherweise etwas mit dem Vertrauen in die Gerechtigkeit des Einlasssystems zu tun.“

Mit Blick auf die Studie zählt Seyfried weitere Faktoren auf, die außerhalb der Physik liegen und eine Rolle spielen. Beispielsweise der Druck, dem die Menschen sich ausgesetzt fühlen. Auch Lebenserfahrung spiele eine Rolle. „Bei einem André-Rieu-Konzert wird sicher nicht so stark gedrängelt wie beim neuesten Teenie-Schwarm“, sagt Seyfried.

Der Glaube an die Gerechtigkeit kann trügerisch sein, das haben Seyfried, Sieben und die anderen Forscher beobachtet. Das Gedränge im Korridor ist nicht so groß und bietet so überhaupt erst den Platz, sich nach vorne zu mogeln. „Das ist in der Traube ohne Korridor nicht möglich. Die hohe Dichte sorgt für mehr Gerechtigkeit“, erklärt Seyfried. Und für mehr Gefahr, die tödlich enden kann. Die Loveparade in Duisburg 2010 habe das gezeigt. Wichtig dabei sei, dass der Korridor lang genug sei, um der gesamten Menschenmenge Platz zu bieten. Ansonsten werde der Eingang, vor dem sich die Menschentraube anstaut, nur verschoben.

In der Praxis ist das Phänomen „weniger Platz, weniger Gedränge“ nicht neu. Es funktioniert beispielsweise in Freizeitparks, wenn der Besucherandrang vor den Hauptattraktionen mit Barrieren oder Korridoren reguliert wird. Ein sogenannter Crowd-Manager, also jemand, der dafür verantwortlich ist, dass Menschenmengen bei Großveranstaltungen geleitet werden, hatte die Forscher auf die Idee gebracht, Studien mit einem Korridor vorzunehmen.

Basigo heißt das Projekt, an dem Seyfrieds Jülicher Team mit neun weiteren Partnereinrichtungen in Deutschland gearbeitet hat. Beteiligt waren unter anderem die Bergische Universität Wuppertal, die Universität Siegen sowie die Feuerwehren aus Berlin und München. Basigo steht für „Bausteine für die Sicherheit von Großveranstaltungen“.

„Eines unserer Ziele ist, den Planern von Großveranstaltungen Begriffe und Kenngrößen an die Hand zu geben, mit denen sie die Veranstaltungen planen und sicher durchführen können.“ Wie schwer das manchmal sein kann, haben Seyfried und sein Team mit der Korridor-Studie festgestellt, an deren Ende es den Jülicher Forschern erstmals gelungen ist, Worte für das Phänomen zu finden.

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