Jülicher Castoren erhalten Besuch aus den USA

Von: Amien Idries
Letzte Aktualisierung:
8597481.jpg
Genehmigung abgelaufen: Derzeit lagert der Atommüll nur auf der Basis einer atomrechtlichen Anordnung. Die NRW-Atomaufsicht hat laut Forschungszentrum auch die Sicherheitsauflagen für das Lager verschärft. Deshalb dürfen derzeit keine Fotos gemacht werden. Foto: dpa

Jülich. Wollte man das zentrale Dilemma der Atomenergie auf eine Szene verdichten, könnte man sich wohl kaum ein besseres Hauptdarstellerduo als Günter Mank und Tom Clements wünschen. Und auch der Ort ist perfekt gewählt.

In etwas zu großen Schutzkitteln mit unförmigen Plastiküberstreifern an den Füßen, stehen die beiden im Jülicher Castorenlager und der eine erklärt dem anderen, wie die knapp 290.000 Atomkugeln in 152 Castoren hier gelagert werden.

Der eine ist Mank, Diplom-Physiker am Forschungszentrum Jülich (FZJ), der den hoch radioaktiven Müll schnell loswerden muss. Der andere ist Clements, US-Umweltaktivist aus South Carolina, der die Kugeln aus dem stillgelegten Jülicher AVR-Reaktor partout nicht haben will. Die über allem stehende Frage bei Manks mit Fachtermini angereichertem Stegreif-Referat über die Sicherheit der Castoren und den Grad der Urananreicherung ist dabei eigentlich eine ganz simple: Wohin nur mit dem Vermächtnis der Atomenergie? Wohin nur mit dem strahlenden Müll? Eine Frage, die wohl noch Generationen beschäftigen wird.

Arbeitsplatz für 10.000 Menschen

Bei den Kugeln, die seit mehr als zwei Jahrzehnten in Jülich lagern, muss es nun aber ganz schnell gehen. Die Betriebsgenehmigung für das Lager ist abgelaufen. Es entspricht nicht mehr den Anforderungen vor allem im Hinblick auf den Erdbebenschutz. Derzeit lagert der Müll in den signalgelben Castoren nur auf der Basis einer atomrechtlichen Anordnung dort. Die NRW-Atomaufsicht hat zudem angeordnet, den Müll so schnell wie möglich zu entfernen.

Derzeit werden drei Möglichkeiten diskutiert. Variante eins wäre ein Transport in das Zwischenlager im münsterländischen Ahaus. Dagegen steht unter anderem der rot-grüne Koalitionsvertrag in NRW, in dem die Landesregierung festschreibt, dass die Kugeln nur noch einmal transportiert werden sollen, nämlich in ein sicheres Endlager. Das allerdings existiert noch nicht. Variante zwei wäre der Bau eines sicheren Zwischenlagers in Jülich, wozu derzeit aber wohl der politische Wille vor allem auf Bundesebene fehlt.

Mit Hochdruck wird derzeit deshalb an Variante drei gearbeitet: ein Transport in die USA, aus denen die 900 Kilogramm Uran stammen, die in den Jülicher Brennelementekugeln stecken. Rechtliche Basis ist ein Programm, mit dem die USA hochangereicherte Brennstoffe im Rahmen ihrer Nichtverbreitungspolitik („Non-Proliferation“) zurücknehmen. Ende März wurde eine entsprechende Absichtserklärung vom US-Energieministerium einerseits und dem Bundesforschungs- sowie dem NRW-Wissenschaftsministerium andererseits unterschrieben. Darin steht auch das Ziel eines möglichen Transports: die 800 Quadratkilometer große Nuklear-Einrichtung „Savannah River Site“ (SRS) im US-Bundesstaat South Carolina. In den 50er Jahren gegründet, wurde dort während des Kalten Krieges in fünf Reaktoren waffenfähiges Nuklearmaterial hergestellt. Derzeit arbeiten in der Einrichtung, die dem US-Energieministerium gehört, aber teilweise von privaten Unternehmen betrieben wird, etwa 10 000 Menschen vor allem an der Entsorgung der Altlasten.

2010 für den Senat kandidiert

Das Transportziel rief Tom Clements auf den Plan. Der Forstwirt beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren unter anderem bei Greenpeace mit dem Thema Atomenergie. Er ist Direktor der Umweltschutzorganisation „SRS-Watch“ und ein entschiedener Gegner eines Transports der Jülicher Kugeln in die USA. Deshalb hat er mit deutscher Hilfe, unter anderem des Aktionsbündnisses Stop Westcastor sowie des grünen Bundestagsabgeordneten Oliver Krischer, eine Deutschlandreise organisiert. Neben Stationen in Ahaus, Hamburg und Berlin steht auch Jülich auf dem Programm.

Und so steht der nüchterne 64-Jährige, der 2010 als Senatskandidat für die Grünen im konservativen South Carolina immerhin knapp zehn Prozent der Wählerstimmen ergattern konnte, mit sorgenvoller Miene vor den Castoren, die demnächst in seiner Nachbarschaft stehen könnten. Er lauscht den Ausführungen von Mank, der pikanterweise im Forschungszentrum die Arbeitsgruppe leitet, die einen Transport in die USA vorbereiten soll. Der Physiker legt detailliert die „100-prozentige“ Sicherheit der Castoren dar, beantwortet jede noch so kleine Nachfrage und zeigt sich überzeugt davon, dass die US-Kollegen in der SRS den Atommüll in kurzer Zeit wiederaufbereiten werden. Er sei selbst vor Ort gewesen, berichtet er.

All die freundlich und fundiert vorgetragenen technischen Erklärungen haben jedoch keinen Einfluss auf die Sorgenfalten auf Clements' Stirn. Er kennt die SRS und zeichnet ein düsteres Bild von der Einrichtung. Dort lagere hoch radioaktives Material aus der Atomwaffenproduktion in altersschwachen Fässern, erzählt er. In der Bevölkerung kippe die Stimmung. „Die SRS wird grundsätzlich unterstützt, weil sie ein großer Wirtschaftsfaktor ist“, sagt Clements im Gespräch mit unserer Zeitung (siehe Interview). Der Jülicher Atommüll aber werde sehr negativ gesehen, weil er einen Präzedenzfall schaffe. Damit käme erstmals Atommüll aus einem kommerziellen Reaktor in die SRS.

Damit spricht Clements den Hauptstreitpunkt in Sachen USA-Transport an. Der ist nämlich laut deutschem Atomgesetz nur für Material aus Forschungsreaktoren zulässig. Während die zuständigen Bundes- und Landesministerien sowie das FZJ den AVR als einen solchen klassifizieren, haben Greenpeace und der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Rechtsgutachten vorgelegt, die einen Transport als nicht vereinbar mit dem Atomgesetz sehen. Der BUND hat eine Klage angekündigt. Auch Clements sieht in dem AVR einen kommerziellen Reaktor, vor allem, weil er Strom in das öffentliche Netz gespeist hat. „In der SRS wurde zwar bereits Atommüll aus Deutschland aufgenommen, dabei handelt es sich aber um solchen aus Forschungsreaktoren. Der Jülicher Müll wäre der erste aus einem kommerziellen Reaktor und würde so einen Präzedenzfall schaffen“, sagt Clements.

„SRS ist eine Blackbox“

Er hält das Nichtverbreitungs-Argument für vorgeschoben. Den privaten Betreibern gehe es ums Geldverdienen und darum, sich durch die Aufnahme kommerziellen Mülls ein neues Geschäftsfeld zu erschließen. Die US-Seite könne noch so viele Zusagen machen, dass das Material aufgearbeitet werde, es gebe keine unabhängige Kontrollinstanz, die den Verbleib des Atommülls prüfen könne. Die SRS sei eine Blackbox, eine Atomsackgasse. „Wir haben Angst, dass unsere Region zu einem Atommüllplatz wird.“

Dennoch ist bei dem Besuch von Clements keine Feindseligkeit zu spüren. Clements ist nett, die Offiziellen des Forschungszentrums ebenso. „Ich verstehe das Dilemma der Menschen hier im Forschungszentrum“, sagt Clements zum Schluss. „Egal wohin sie sich wenden, um das Problem zu lösen, es treten immer wieder neue Probleme auf. Es gibt für dieses atomare Dilemma keine richtige Lösung. Der Transport in die USA aber wäre die schlechteste von allen.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert