Jülich präsentiert drei Neubauten beim „Tag der Architektur“

Von: Guido Jansen
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Jülich. An diesem Wochenende findet auch in unserer Region wieder der „Tag der Architektur“ statt. Interessenten wird die Gelegenheit gegeben, neue und erneuerte Architektur in Augenschein zu nehmen. Das Forschungszentrum Jülich (FZJ) ist diesmal gleich mit drei Neubauprojekten vertreten.

 

Wenn im FZJ gebaut wird, dann gelten oft andere Regeln. „Baurechtlich sind das alles Sonderbauten“, sagt Architektin Sigrun Schmücker, die mit ihrem Team Neubauprojekte im FZJ den „Tag der Architektur“ koordiniert. „Das passt ganz gut, denn jedes Gebäude bei uns ist etwas Besonderes.“

Die Wissenschaft hat ihre eigenen Anforderungen an die Neubauten. Sicherheitsstandards sind höher als bei den meisten Bauvorhaben außerhalb des größten Forschungszentrums Deutschlands, die Gebäude sind größer oder die Kombination der Baumaterialien ist schlicht ungewöhnlich. Dazu kommt ein neuer Anspruch, den die Wissenschaftler an ihr Arbeitsumfeld stellen.

Identitätsstiftende Wirkung

„Früher ging es den Institutsleitern meistens darum, möglichst viele Quadratmeter für ihre Labore zu gewinnen“, erklärt Jens Kuchenbecker, der leitende Architekt am FZJ. „Heute ist es ihnen auch wichtig, dass der Arbeitsplatz eine identitätsstiftende Wirkung hat, indem er beispielsweise Treffpunkte bietet.“ Der Spannungsbogen, den die Architekten schaffen müssen, erstreckt sich zwischen Hochtechnologie und Wohlfühlatmosphäre.

Im Moment beziehen Wissenschaftler drei neue Gebäude, die gerade fertig geworden sind. 16,3 Millionen hat das Forschungszentrum für die drei Bauprojekte ausgeben. Bevor die Forschung in den Neubauten beginnt, öffnet das FJZ an diesem Sonntag zum vierten Mal beim „Tag der Architektur“ sein Tor und zeigt, wie die Architekten den Spannungsbogen geschafft haben.

Ein wenig erzählen die Gebäude alleine schon mit ihrer Außenansicht. So wie die neue Heimat für die Nuklearchemie, die für 9,4 Millionen Euro nach einem Entwurf des Dortmunder Architekten-Büros Assmann gebaut wurde. „Form follows function“ heißt die Formel auf Englisch, die besagt, dass das Äußere sich nach der Aufgabe richtet, die das Gebäude erfüllen soll. Im rechten Winkel stehen das dreigeschossige Bürogebäude und der Labortrakt zueinander. Verbunden sind sie mit einem gläsernen Übergangsbereich.

„Wir haben Büro und Labor hier strikt getrennt“, sagt Kuchenbecker. In der Nuklearchemie gelten hohe Sicherheitsvorschriften. Das muss so sein, wenn radiomarkierte Moleküle erzeugt werden, die bildgebende Verfahren für die Medizin verbessern sollen. Die Labore befinden sich hinter einer Sicherheitsschleuse, dürfen nur mit Schutzanzügen betreten werden. Essen und Trinken ist verboten.

Die zwei Gebäudeteile vermitteln den Unterschied zwischen Büro und Labor und zeigen gleichzeitig, dass sie untrennbar zusammengehören. Hier die Büros mit einer Fassade aus Einzelfenstern, da der Labortrakt mit großen, durchgängigen Fensterfronten; vereint von dem gläsernen Übergang und der gemeinsamen Farbgestaltung. „Das Gebäude ist wie ein Chamäleon“, sagt Sigrun Schmücker. Die mit einer Art Metallic-Lackierung überzogenen Aluminium-Elemente an der Fassade von Labor- und Bürotrakt strahlen das Umgebungslicht ab. Es ist Ton in Ton mit einem blauen Himmel. Strahlt die Sonne warmes Licht ab, wenn sie untergeht, dann schimmert das Gebäude in Goldtönen.

Das Gewächshaus sieht aus wie eines, in denen Blumenhändler in hiesigen Breitengraden Pflanzen aus anderen Klimazonen züchten. Der Unterschied auf den ersten Blick: Mit 35 mal 53 Metern Grundfläche ist es ungewöhnlich groß. Und mit 4,1 Millionen Euro ungewöhnlich teuer. Gebaut wurde es nach einem Entwurf von Haas Architekten aus Berlin. „Das Spannende an diesem Gebäude ist, dass es nicht Hülle für eine Forschungsapparatur ist. Es selbst ist die Apparatur“, sagt Schmücker.

Die Jülicher Pflanzenforscher können in einer Kammer tropisches Klima simulieren und in einer anderen gemäßigtes. Zwei Kammern können verdunkelt und damit im Vergleich zur Umgebungstemperatur heruntergekühlt werden. „Das liegt an dem Spezialglas, das UV-Strahlung durchlässt, aber wenig Wärme“, erklärt Jens Kuchenbecker. Das Glas ist schwerer, deswegen wird das neue Gewächshaus von einer massiven Stahlkonstruktion getragen.

Sehr empfindlich

Im Neubau für NMR-Spektroskopie setzt das Institut für Strukturbiochemie seine Suche nach Medikamenten zur Bekämpfung von Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson fort. 2,8 Millionen Euro hat der Bau nach einem Entwurf von CRC Clean Room Consulting aus Freiburg gekostet. Die Biochemiker teilen sich das Gebäude künftig mit den Forschern der Agrosphere, die die Wechselwirkungen zwischen Boden und Wurzeln ergründen wollen.

Die Tätigkeitsfelder sind unterschiedlich, die Apparaturen nicht. Beide bedienen sich der Kernspinresonanzspektroskopie, um zu beobachten, wie sich Moleküle verhalten, wenn die Forscher sie beeinflussen. Das neue 1200-Mhz-NMR-Spektrometer ist das empfindlichste Gerät seiner Art weltweit. Bisher ist nur das massive Fundament im Boden der neuen Halle eingelassen, das Gerät wird gerade erst gebaut. Damit die Messungen später nicht von Magnetfeldern gestört werden, darf sich in einem Radius von 14 Metern um das Gerät herum nichts befinden, das magnetische Eigenschaften hat. Metall als Baumaterial scheidet also komplett aus. „Form follows function“ funktioniert auch hier.

Stoff und Kunststoff

Die Halle, in der die Spektrometer stehen, ist komplett aus Holz gebaut, die Versorgungskanäle bestehen aus Stoff oder Kunststoff. „Im Zusammenspiel mit dem Massivkörper, in dem sich die Büro- und Kontrollräume befinden, wirkt der Bau wie eine Collage mit verschiedenen Gebäudeteilen unterschiedlicher Konstruktion und Fassaden“, sagt Schmücker. Dafür sind die Architekten vom für das FZJ typischen rechten Winkel abgewichen.

Der Hallentrakt, in dem das neue Spektrometer später steht, wirkt wie ein verlängerter Anbau und weicht im 45-Grad-Winkel vom Rest des Baus ab. So werden die 14 Meter Abstand zu den Kontrollräumen eingehalten. Durch eine große Glasfensterfront ist die gesamte Halle von den Kontrollräumen aus einsehbar. Der Neubau ist das dritte Gebäude des Biomolekularen NMR-Zentrums. Erstmals enthält es eine Besucherplattform in der ersten Etage oberhalb der Kontrollräume.

Die drei Neubauten bilden die Schwerpunkte beim „Tag der Architektur“ im FZJ. Trotzdem geht es nicht nur um Beton, Stahl und Holz. „Wir bieten den Besuchern einen echten Mehrwert“, sagt Kuchenbecker. „Wir zeigen nicht nur, warum die Architektur der neuen Gebäude so spannend ist. Die Wissenschaftler, die in Zukunft in ihnen arbeiten, erklären auch, was sie dort machen.“

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