Schleiden - Jubiläum im Nationalpark: Erste Erfolge, viel Kritik

Jubiläum im Nationalpark: Erste Erfolge, viel Kritik

Von: Marlon Gego
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Am liebsten schön: Der Nationalpark Eifel ist der kleinste und der jüngste Nationalpark Deutschlands, aber andererseits auch der, an dem am meisten Kritik geübt wird. Foto: dpa, Nationalpark Eifel
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„Heute will auch Roetgen Eifel sein, nicht mehr nur Voreifel“: Henning Walter, Leiter des Nationalpark-Forstamtes in Schleiden-Gemünd.

Schleiden. Der Nationalpark Eifel wird am Mittwoch zehn Jahre alt, am 1. Januar 2004 war die Eröffnung. Von Beginn hatte der Nationalpark das Problem, dass er viele Erwartungen zu erfüllen hatte: Die Umweltverbände versprachen sich ein ökologisches Vorzeigeprojekt, die Touristiker volle Hotels, und die Kommunalpolitiker Gewerbesteuereinnahmen und Arbeitsplätze. Und jetzt, zehn Jahre später?

Das Gezerre ist nach ersten Erfolgen weniger geworden, aber es ist noch da. Der Moderator dieses Gezerres heißt Henning Walter, er ist der Leiter des Nationalpark-Forstamtes in Schleiden. Eine spannende Aufgabe habe er, sagt Walter, ohne dass ihn jemand auf diese Aufgabe vorbereitet hätte. Doch ausgerechnet der geistige Vater und Erfinder der Idee Nationalpark Eifel, BUND-Aktivist Volker Hoffmann aus Dahlem, hat für Walters Arbeit seit längerem kaum ein gutes Wort übrig.

Herr Walter, der Vater des Nationalpark Eifel, Volker Hoffmann, wünscht sich zum zehnten Geburtstag, dass dem Nationalpark das Nationalpark-Siegel aberkannt wird. Überrascht?

Walter: Nein, das bin ich nicht. Ich habe ein kritisches Verhältnis zu Herrn Hoffmann, obwohl ich ihn und seine Beharrlichkeit sehr schätze. Ich schätze es weniger, dass er sich aus dem Projekt Nationalpark zurückgezogen hat. Dass er sich aber wünscht, dem Nationalpark möge das Siegel aberkannt werden, kann ich überhaupt nicht verstehen. Wenn man die Mehrheit der Menschen in der Region zum Maßstab nimmt, dann ist die Arbeit, die wir gemeinsam mit zahlreichen Partnern seit etwa 2002 geleistet haben, gut gewesen. Dies wird auch bundesweit anerkannt und mit einer kürzlich erstellten Evaluierung gewürdigt.

Hoffmann sagt, die Evaluierung von „Europarc“, dem Zusammenschluss von 400 Naturschutzgebieten in Europa, sei wertlos, weil keine Umweltverbände befragt wurden.

Walter: Natürlich sind sie befragt worden. Die Nationalparkverwaltung pflegt intensiven Kontakt zu Umweltverbänden. Alles, was wir im Nationalpark machen, ist vorher mit den Umweltverbänden besprochen worden, wir wollen ja nicht im eigenen Saft schmoren. Was natürlich nicht bedeutet, dass wir in allem einer Meinung sind, obwohl wir in weiten Teilen Zustimmung erfahren. Wenn Herr Hoffmann den Nationalpark leiten würde . . .

. . . dann müsste auch er lernen, Kompromisse zu schließen?

Walter: So ist es, er macht es sich schon sehr leicht. Er vertritt eine Meinung, die er vor niemandem rechtfertigen muss. So leicht können wir es uns aber nicht machen.

Auf der anderen Seite fragen sich aber auch andere Menschen als Herr Hoffmann, wie es sein kann, dass Sie in einem streng naturgeschützten Gebiet mit tonnenschwerem Gerät hektarweise Kahlschlag produzieren, am Wüstebach oder am Forsthaus Rothe Kreuz.

Walter: Ein international besetzter Workshop hat uns 2006 Empfehlungen gegeben, wie wir als Entwicklungsnationalpark mit den mehr als 40 Quadratkilometer Nadelwald umgehen sollen, um sie in Richtung Buchen-Nationalpark zu entwickeln. So sollen etwa im Bereich Kermeter die Nadelholzentnahmen im Winter 2014/15 beendet sein.

Die Fichten, die dort noch stehen, sollen anders als im Süden des Nationalparks stehenbleiben?

Walter: Ja, genau, im Kermeter stehen noch mehr als fünf Quadratkilometer Fichten, die wie die Laubwälder dort bereits seit 2002 der natürlichen Entwicklung überlassen werden. Im Süden aber ist die Situation anders: Dort sind überall nach dem Zweiten Weltkrieg Fichten aufgeforstet worden, nicht nur im heutigen Nationalpark. Wir müssen dort eine aktive Waldentwicklung betreiben, weil vom Nationalpark, so hat es der Landtag festgelegt, kein Schaden für angrenzende Wirtschaftswälder ausgehen darf. Stichwort Borkenkäfer, den interessiert die Grenze des Nationalparks nicht.

Die Frage ist aber doch, ob man das mit Geräten tun muss, die so schwer sind wie Panzer. Ihre gewaltigen Fichtenrodungen vermitteln den Eindruck, Sie müssten die Holzlieferschwierigkeiten des Landes NRW im Alleingang lösen.

Walter: Langsam, wir müssen zwei Dinge auseinanderhalten: Maschinen und Holzlieferung. Zu den Maschinen: Wir haben uns ein enges Zeitfenster gesetzt, von September bis spätestens März, lieber bis Weihnachten, um die Nadelwälder aktiv zu entwickeln. Dann sind keine Brut- und Aufzuchtzeiten und der Boden ist am trockensten. Weil die Menge Holz nicht mit Pferden gezogen werden kann, nehmen wir Maschinen, die die bestandpfleglichsten sind, die es auf dem Markt gibt.

25 Tonnen schwere Harvester?

Walter: Ein Pferd bringt pro Quadratzentimeter mehr Druck auf den Boden als ein Harvester.

Das ist natürlich schnell mal dahinbehauptet.

Walter: Diese Maschinen haben breite Reifen mit Niederdruck und fahren immer auf einem Reisigbett, so dass der Druck weiter minimiert wird. Am Wüs­tebach sehen Sie zum Teil die Spuren der Maschinen vom September nicht mehr. Dass an einigen Stellen Drücke entstehen, die für uns nur schwer erträglich sind, hängt aber auch damit zusammen, dass wir heute keine neuen Wege mehr bauen. Wegeschäden werden aber weitest möglich beigezogen, und das sind immer Rückelinien, die vorher schon mit solchen Maschinen befahren worden sind. Niemand fährt auf neuen Linien.

Und die Holzlieferungen?

Walter: Alles Holz, was im Nationalpark Eifel geschlagen wird, geht an regionale Holzverarbeitungsbetriebe und nicht nach Österreich. Das garantiere ich Ihnen.

Diesen gewaltigen Aufwand betreiben Sie, um Urwald zu produzieren, das ist der Sinn des Nationalparks.

Walter: Wir produzieren keinen Urwald, denn Urwald ist ein Stück Land, auf dem der Mensch nie eingegriffen hat.

Auf diesen Widerspruch wollte ich hinaus.

Walter: Wir entwickeln einen Wald, der von uns aus auf den Weg zum Naturwald gebracht wird, wir geben nur Anstöße. Im Süden des Nationalparks, in Wahlerscheid, müssen wir eben mehr Anstöße geben als anderswo. Politisch könnten wir es nicht durchhalten, wenn der Borkenkäfer vom Nationalpark aus auf die umliegenden Wälder überspringen würde, das wäre für das Land der Super-GAU.

Wenn wir auf die positiven Seiten der Bilanz schauen, dann stellen wir fest: Der touristische Zuspruch ist so, wie es sich die Politik vor der Eröffnung versprochen hat. Freuen Sie sich, wenn die Politik sich freut?

Walter: Doch, ja, aber das ist nicht der einzige Antrieb, den wir haben. Wir leben in einem Bundesland mit großen Ballungsräumen, und viele Kinder aus diesen Ballungsräumen kennen Natur nicht mehr. Wir versuchen, junge Menschen an die Natur heranzuführen. Junge Menschen sind Multiplikatoren zu ihren Eltern und später zu ihren eigenen Kindern. Wer in seiner Jugend an die Natur herangeführt worden ist, gibt es an seine Kinder weiter. Wir sehen uns der Umweltbildung verpflichtet.

Und nicht dem Tourismus?

Walter: Doch, natürlich, aber auf diesem Gebiet sind wir nicht allein. Die verschiedenen Akteure aus dem Tourismus arbeiten untereinander, aber auch mit den Verwaltungen der Naturparks und des Nationalparks, ausgezeichnet zusammen. Über 50 Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen und Restaurants ließen sich zu Nationalpark-Gastgebern zertifizieren und entwickeln neue touristische Angebote. Das alles ist nicht selbstverständlich und in jeder Hinsicht ein bundesweites Erfolgsmodell.

Wie erklären Sie sich den verbindenden Charakter des Nationalparks?

Walter: Die Identität der Eifel ist in den vergangenen 100 Jahren verloren gegangen, sehr lange wollte niemand mehr Eifeler sein, die Eifel hatte kein positives Image. Doch das hat sich total geändert: Die Eifel hat endlich wieder eine Identität, heute will auch Roetgen Eifel sein, nicht mehr nur Voreifel.

Das liegt ja aber nicht nur am Nationalpark.

Walter: Bestimmt nicht, aber vielleicht ist der Nationalpark in dieser neuen Eifeler Identität ein zündender Funke gewesen.

Neben Eifelkrimis, Eifelsteig, Eifeler Milch und Eifeler Bier.

Walter: So. Der berühmt-berüchtigte Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes hat mal gesagt, und das habe ich nie vergessen: „In der Eifel ist der Gast eine Last“, und das stimmte lange auch. Es gibt immer noch viele Hotels, die mit ihren Gästen älter geworden sind, aber es werden weniger. Es werden auch noch Hotels schließen, aber die, die mitziehen, werden eine gute Zukunft haben.

Das große Problem der Eifel ist, dass sie zwar viele Tages-, aber nicht genügend Übernachtungsgäste hat. Auch Ihr Problem?

Walter: Nein, aber wir arbeiten mit daran, Tagesgäste zu Übernachtungsgästen zu machen und die Aufenthaltsdauer zu steigern. Beispielsweise haben wir das Wanderangebot „Wildnis-Trail“ initiiert und gemeinsam mit vielen Partnern entwickelt.

Womit sind Sie nach zehn Jahren Nationalpark besonders zufrieden?

Walter: Besonders zufrieden bin ich mit dem Thema Barrierefreiheit, denken Sie nur an unseren Erlebnisraum im Kermeter, der sucht in der Republik seinesgleichen. Und wir sind stolz darauf, den Nationalpark in seiner Waldentwicklung begleiten zu dürfen, auch wenn sie in Teilen umstritten ist.

Womit sind Sie nicht so zufrieden?

Walter: Manche Leute sagen, es sei die Kommunikation bezüglich der Waldentwicklungsmaßnahmen. Ich frage mich manchmal, ob wir uns in diesem Bereich noch verbessern könnten, oder ist es einfach so, dass wir manche Menschen gar nicht erreichen können? Ich denke öfters darüber nach.

Wollen Sie zum Abschluss wissen, was Volker Hoffmann Positives über die Nationalparkverwaltung gesagt hat?

Walter: Sagen Sie mal.

Er sagte, er könne hier und da erkennen, dass Sie sich bemühen, die Dinge zum Besseren zu wenden. Jetzt überrascht?

Walter: Fast ein Lob aus dem Munde von Herrn Hoffmann macht mich stolz, ich glaube, so ehrlich kann ich sein.

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