Jubiläum: 800 Jahre Karlsschrein im Aachener Dom

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
10428652.jpg
Die Giebelseite des Aachener Karlsschreins zeigt thronend Karl den Großen. Zu seiner Rechten steht Papst Leo III., zur Linken Erzbischof Turpin von Reims. Über Karl in einem Medaillon erscheint als Halbfigur Christus. Foto: Harald Krömer
10428660.jpg
Die rechte Langseite des Karlsschreins mit den Dachreliefs „Reiterschlacht“, „Karls Traum“, „Handschuhwunder“ und „Widmungsrelief“. In den Nischen thronen Kaiser und Könige.
10429298.jpg
Rückwärtige Giebelseite: Madonna mit Christus zwischen den Erzengeln Michael und Gabriel, über ihnen als Halbfiguren Glaube, Hoffnung und Liebe.

Region. Er ist ein goldglänzendes Plädoyer für die umstrittene Heiligkeit dieses Monarchen, ein kostbares Bilderbuch der Geschichte, das bis heute ein paar Rätsel birgt. Karl der Große hält Hof. Sein Hofstaat ist feuervergoldet, und Gottesmutter Maria nimmt Platz neben prominenten Herrschern.

Am 27. Juli 1215 wurden die Gebeine Karls des Großen von König Friedrich II. feierlich in den eigens hierfür geschaffenen Schrein gebettet – zunächst in das Gehäuse aus Eichenholz, dann mit diesem in die hochwertig gearbeitete Umhüllung. Friedrich persönlich schlug den letzten Nagel ein.

In der kommenden Woche feiert das Domkapitel mit einem abwechslungsreichen Programm „800 Jahre Karlsschrein – Karl so nah wie nie“. Vom 23. bis zum 27. Juli wird das kostbare Stück in den Vordergrund gerückt, denn für diese Zeit kehrt der Schrein dorthin zurück, wo er einst stand: ins Ostjoch des Sechzehnecks und damit in den Dombereich mit der größten Ausstrahlung. Hier hat der Karlsschrein bis 1414 gestanden. Als die gotische Chorhalle fertig war, wanderte er mit dem damaligen Petrusaltar in die Chorapsis. „Das Sechzehneck ist ein besonderer Ort“, nickt Dombaumeister Helmut Maintz. „Damit steht der Schrein räumlich wieder einmal vor dem Marienschrein, über 30 Jahre lang, bis 1239, war er ja der einzige Schrein im Dom.“ 1165 hatte Kaiser Friedrich I. Barbarossa die Gebeine aus dem Grab genommen und in den Proserpina-Sarkophag gelegt. Im selben Jahr stimmte Paschalis II., ein Gegenpapst, der Heiligsprechung durch Bischof Alexander II. von Lüttich zu, in dessen Diözese Aachen lag.

Das Team der Dombauhütte wird den Schrein Anfang der Woche vorsichtig bewegen. „Er steht in seiner Vitrine auf einer Art Schublade, die wir auf einen Spezialwagen ziehen können“, erklärt der Dombaumeister. Die Stufen des Altarraums werden mit dem Spezialgefährt so überwunden, dass das Kunstwerk immer in waagerechter Position bleibt.

Für Maintz ist der Schrein, der jährlich routinemäßig zur Kontrolle geöffnet wird, weit mehr als ein religiös und kunsthandwerklich geprägtes Objekt. „Ich denke oft an die großartigen Goldschmiede, an das Handwerk, das in unserer Zeit nach und nach verloren geht, an die Leute, die den harten karolingischen Mörtel mischen konnten oder die das geniale Ringankersystem erfunden haben.“ Sein Blick wandert über die reich verzierten, glänzenden Flächen des Schreins. „Ja, ich glaube, dass im Schrein wirklich die Gebeine Karls des Großen liegen, er ist quasi mein Arbeitgeber, ohne ihn kein Dom und kein Dombaumeister. Den Dom hat er nicht für sich gebaut, sondern zur Ehre Gottes, für die Ewigkeit.“

In tausend Teilen

Emotionen und Professionalität prägen auch bei der Kunsthistorikerin Dr. Herta Lepie, bis 2003 Leiterin der Abteilung Goldschmiedekunst am Aachener Dom, die Beziehung zum Schrein. „Er hat mich in Aachen vom ersten Tag an begleitet“, erzählt sie, die zuvor bereits beim Rheinischen Museumsamt des Landschaftsverbandes Rheinland eine Schadensdokumentation für den Karlsschrein betreute. „Ich habe die rund tausend Einzelteile alle in der Hand gehabt“, erinnert sie sich an die sechs Jahre – von 1983 bis 1988 – der Sanierung und Bestandssicherung. „Noch nie wurde in einer Restaurierungswerkstatt so umsichtig gearbeitet“, versichert sie. Sie hat zusammen mit den Goldschmieden Gerhard Thewis und Peter Bolg bundesweit anerkannte Richtlinien für die Sanierung erarbeitet.

Als die Aachener Arbeiten abgeschlossen waren, hatte sie gemeinsam mit Georg Minkenberg, Leiter der Domschatzkammer, den „Hasenstoff“, eine kostbare Seidendecke, mit der einst Friedrich II. 1215 die Gebeine zugedeckt und die man 1949 entnommen hatte, über die Gebeine gelegt. Zusätzlich kam der „Elefantenstoff“, das byzantinische Grabtuch des Franken, hinein, das Otto III. bei der Graböffnung im Jahre 1000 über den Franken gebreitet hatte. „Ein großer Moment“, sagt Herta Lepie. Der Karlsschrein hat viel durchgemacht. Vier Mal war das drei Zentner schwere Objekt ausgelagert, während der Religionskriege des 16. Jahrhunderts kam er nach Jülich und Lüttich, zur Zeit der Französischen Revolution nach Paderborn. Er hat auch beide Weltkriege ausgelagert überstanden.

Wie schätzt ihn die Spezialistin für mittelalterliche Goldschmiedekunst ein? „Eine wunderbare rheinisch-maasländische Arbeit, man nennt ja die Region auch das Land der Schreine. Das haben Goldschmiede in Aachen geschaffen, man kann ihn in Beziehung zum Servatiusschrein in Maastricht und zum Dreikönigenschrein in Köln setzen.“ Nicht nur silbervergoldete Figuren und Reliefs, Emailarbeiten, Edelsteine und filigrane Verzierungen machen für sie die Bedeutung des Karlsschreins aus, sondern auch sein gut zwei Meter langes Herzstück aus schlichter Eiche, gefällt Ende des 12. Jahrhunderts. Beim Holzgehäuse wurde offensichtlich im späten 13. Jahrhundert die Dachfläche durchschnitten, um eine Tür einzusetzen. „Man hat Reliquien entnommen, Karlsbüste und Karlsreliquiar sind ja damals entstanden“, erläutert Herta Lepie. „Und die langen Knochen konnte man schließlich nicht um die Ecke bewegen.“

Im Rahmen der Feier „800 Jahre Karlsschrein“ wird sie von der Restaurierung berichten, bei der es unter anderem galt, die Dachflächen mit ihren je vier Reliefs zu sichern, zusammen mit den Kaisern und Königen, die in kleinen Logen an den Längsseiten sitzen und vom Aachener Historiker Max Kerner als „königliche Stifter und Schenker der Aachener Marienkirche“ identifiziert wurden.

Die Figuren

Die meisten dieser Herrscher haben in Aachen ihre Krone empfangen. „Es sind quasi die Sponsoren“, sagt Kerner. „Ich habe mich oft gefragt, warum Friedrich Barbarossa nicht dabei ist, dafür aber Zwentibold, der lediglich das Teilkönigtum Lotharingien regierte.“ Allerdings: Zwentibold war ein Spross aus karolingischem Adelshaus. Und eine der Figuren trägt im Baldachin keinen Namen – vielleicht ist es ja Barbarossa? Wie sicher ist die Zuordnung der Figuren? „Es kann sein, dass bei früheren Restaurierungsarbeiten Namen und Positionen vertauscht wurden“, weiß Kerner. Und forschende Kollegen beurteilten diese nicht gerade chronologische Herrscherabfolge als „geradezu enervierendes Durcheinander“.

An den beiden Giebelseiten findet man thronend Karl den Großen (vorn) und Maria (hinten). Auf dem Dach wird in dynamischen Bildern – fast wie in einem frommen Comic – erzählt, warum der Frankenherrscher als Heiliger verehrt werden sollte. Literarische Quelle für die acht Reliefplatten ist die legendäre Lebensgeschichte des Kaisers, die dessen göttliche Berufung nachhaltig untermauert. Die Szenenfolge stammt aus einer Handschrift des 12. Jahrhunderts, genannt „Pseudo-Turpin“, da sie einem Zeitgenossen Karls des Großen zugesprochen wurde – Bischof Turpin von Reims. Ein populäres Werk, das in Aachen Karls Heiligsprechung populär machte, das aber in der Renaissance als Fälschung entlarvt wurde – daher „Pseudo“. Eine Abschrift und damit Vorlage für die Gestalter des Bildprogramms lag für die am Schrein arbeitenden Goldschmiede bereit.

Während der Festtage im Juli können Dombesucher das Dach des tiefer als sonst positionierten Schreins genauer betrachten. Da sieht man einen reuigen Karl, der durch Gottes Gnade auf seinen Lebensweg geführt wird. Der heilige Jakobus ruft Karl auf, Pamplona zu erobern. Der Kaiser liegt träumend auf seinem Bett, gut zugedeckt mit einer fein ziselierten Bettdecke. Karls legendäre Taten in Spanien sind das große Thema. „Es wird allerdings etwas entworfen, was es um 800 nicht gegeben hat“, erklärt Kerner. „Denn in Spanien bei der Schlacht von Roncevalles haben die Franken eine mächtige Niederlage erfahren.“

Das Ganze lebt von bedeutungsschweren Bildern: ein schwebender Handschuh, grünende Lanzen und eine Dornenkrone, die Blüten treibt. Und da ist noch eine Todsünde Karls, die in eine lässliche Sünde verwandelt wird. Welche Todsünde? „Das weiß man nicht so genau, aber die Botschaft ist eindeutig“, meint Kerner. „Karl , der Sünder, wird im Glaubenskampf geläutert. Uns wird damit eine echte Heiligenlegende präsentiert.“

Karl, ein Heiliger, was sagt der Theologe? „Ja, Heilige sind aufrechte Sünder“, meint Professor Dieter Wynands, Direktor des Bischöflichen Diözesanarchivs. „Aber nach heutigen Maßstäben wäre Karl nicht heiliggesprochen worden.“ Für ihn war diese Heiligsprechung ein Politikum in Zeiten, als geistliche und weltliche Macht um den Vorrang kämpften.

Dennoch: Die starke mystische Ausstrahlung des Karlsschreins leugnet niemand. „Im Dom bilden Karlsthron, Marienschrein, Karlsschrein und Hauptaltar eine religiöse Achse“, beschreibt Dompropst Manfred von Holtum seine Sichtweise. Der Raum erhalte so eine „ungeheure Dichte“. Für ihn zeigt sich Karl als großer Reformer: „Er hat für die Einheit in der Liturgie gesorgt“, meint von Holtum. „Auch das signalisiert dieser Schrein.“ Aus den meisten Diözesankalendern wurde Karls Todestag inzwischen gestrichen. In Aachen feiert man am 28. Januar noch immer das „Karlsfest“ und bleibt seinem Heiligen treu.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert