Journalismus: Neue Herausforderungen und die Bewältigung

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Die Berichterstattung von Medien wird heute häufig kritisiert und verunglimpft. Die Kölner Journalistik-Professorin Marlis Prinzing sagt dazu: „Es gibt keine absolute Wahrheit. Es gibt nur Fairness und handwerklich solide Recherche.“ Foto: Daniel Naupold/dpa
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„Journalisten sollten auch mal denen Gehör geben, die sonst nie gehört werden“, sagt Journalistik-Professorin Marlis Prinzing. Foto: Martin Jepp

Aachen. „Journalisten sind für eine vitale demokratische Gesellschaft so wichtig wie Ärzte für die Volksgesundheit.“ Für die aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft brauche es professionelle Journalisten mit Rückgrat, die relevante und auch brisante Themen anpacken, meint Marlis Prinzing, Journalistikprofessorin in Köln.

Mit unserer Redakteurin Angela Delonge hat sie darüber gesprochen, warum Transparenz in der Berichterstattung und der Dialog mit den Lesern heute wichtiger denn je sind, warum gerade jetzt Journalisten und Medien einen ethischen Kompass brauchen und warum die gedruckte Zeitung immer noch einen Wert hat.

Terroranschläge, Flüchtlingsproblematik, Rechtspopulisten: Unsere Gesellschaft steht vor vielen neuen Herausforderungen. Das gilt auch für Journalisten und Redaktionen. Wie schlagen sie sich bei der Berichterstattung über diese brisanten Themen?

Prinzing: Wir sehen jeweils differenzierte Berichterstattung ebenso wie oberflächliche – sowie einen Trend: Ich habe den Eindruck, dass bei vielen Journalisten seit einiger Zeit ein sensibleres Bewusstsein für die Grautöne in der Berichterstattung gewachsen ist und dafür, wie vielschichtig die aktuellen Herausforderungen sind, wie wichtig es ist, auch Betroffene zu Wort kommen zu lassen, die Perspektive der Opfer zu sehen und sich Fragen nach der Verantwortung zu stellen. All dies belegt, wie wichtig es ist, dass gerade Journalisten einem ethischen Kompass folgen.

Was zeigt ein solcher Kompass an, und wie kann er im Umgang mit brisanten Themen helfen?

Prinzing: Er gibt die Richtung vor, den Kurs, warum, wann und wie sich etwas verantwortungsbewusst veröffentlichen lässt, und lenkt vorab den Blick auf mögliche Folgen des Veröffentlichens und auf Gründe, die verpflichten, auch Zumutungen öffentlich zu machen. Ein ethischer Kompass bewahrt Redakteure vor schnellen Bauchentscheidungen. Für Journalisten gibt es mit dem Pressekodex eine Handreichung für medienethisch ausgerichtetes Publizieren.

Dieser Kodex enthält keineswegs Befehle, wie das mitunter selbst von manchen Journalisten fehlinterpretiert wird. Er ist vielmehr ein Katalog von Handlungsempfehlungen, eine Entscheidungsgrundlage für Redaktionen, wie sie ein Thema anpacken können und wie sie dies ihren Lesern gegenüber begründen und nachvollziehbar machen können. Es gibt da kein Richtig oder Falsch, die Ethik fragt nach dem am ehesten Gebotenen.

Warum sollten Journalisten ihre Arbeit begründen?

Prinzing: Wenn sie transparent machen, wie in Redaktionskonferenzen diskutiert und entschieden wird, verringert das den Eindruck, da werde irgendetwas gedreht, gebogen und manipuliert oder auch, Journalisten gingen recht gedankenlos vor. Das Publikum reagiert dank der Digitalisierung ja auch direkt auf die Berichterstattung und zwingt Redaktionen zu viel größerer Transparenz denn je. Das strengt an, aber bereichert auch und stärkt die Wahrhaftigkeit. Auch Fehler und Fehlleistungen sollten heute gegenüber den Lesern möglichst rasch transparent gemacht – und korrigiert werden.

Welche Fehler machen Journalisten?

Prinzing: Häufig entstehen Fehlleistungen dann, wenn Journalisten sich ohne ethischen Kompass bewegen und drauflosberichten statt zuerst zu reflektieren, was sie damit auslösen können. Sich an einem ethischen Kompass auszurichten, verschafft Handlungssicherheit und ist übrigens nichts, was viel Zeit in Anspruch nimmt, sondern führt schneller und sicherer zu einer professionellen Berichterstattung – ähnlich wie ein Kapitän auf Kurs auch schneller ans Ziel kommt, als wenn er irgendwie vor sich hin navigiert. Auch mangelnde Sorgfalt und schlicht Versehen führen zu Fehlern. Wenn das geschieht, ist das ärgerlich, doch überall, wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht. Entscheidend ist, aus ihnen zu lernen und sie auch den Lesern gegenüber einzugestehen; das fördert das Vertrauen in Medien.

Das ist für viele Journalisten eine neue Herausforderung.

Prinzing: Diesen Dialog zu ermöglichen, gehörte immer zu den zentralen Funktionen von Journalismus in einer demokratischen Gesellschaft neben jenen, zu informieren, kritisieren, kontrollieren, integrieren oder unterhalten. Doch sie gewinnt durch die Digitalisierung sozusagen als Community-Funktion immens an Bedeutung. Das digital publizierende und interagierende Publikum bewirkte, dass diese Funktion zu den ganz zentralen Aufgaben von Redaktionen wurde. Die Community kann man längst nicht mehr so nebenbei bedienen. Ich sehe im systematischen Publikumsdialog einen großen Vorteil für Redaktionen.

Die Community führt diesen Dialog aber leider nicht immer fair.

Prinzing: Stimmt. Leider gibt es immer Leser, die kein Benehmen haben, die einen Ton anschlagen, der uns härter erscheinen mag als früher, und sehr verletzen. Das sollten Redaktionen auch nicht einfach hinnehmen, das Recht auf freie Meinungsäußerung bedeutet nicht das Recht auf freie Äußerung von Hass und Verleumdung. Äußerungen, die strafrechtlich relevant sind, sollten Redaktion sogar möglichst konsequent zur Anzeige bringen und hier Kante zeigen. Die vielen übrigen Leser hingegen, die einfach nur ihre Sorge äußern, die Anregungen machen oder eine eigene Expertise haben, sind durchaus eine Bereicherung für eine Redaktion. Denn sie tragen mit dazu bei, dass auf neue Weise eine Leserbindung entsteht, die wiederum Glaubwürdigkeit erzeugt.

Wie können Leser über den direkten Dialog hinaus einbezogen werden?

Prinzing: Eine Redaktion kann ein Diskursforum anbieten über die Themen, die eine Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit umtreiben, den Dialog mit ihren Lesern moderieren, selbst mitdiskutieren und besonders gelungene Leserbeiträge hervorheben. Es gibt sogar Studien, die ganz klar beweisen, dass Redaktionen, die systematisch einen Dialog mit ihrem Publikum führen, auch ökonomisch profitieren. Das rechnet sich also doppelt, sowohl in der Qualität des Verhältnisses zum Publikum als auch in der Qualität des Diskurses. Eine so strukturierte Debatte wäre oft zielführender als die endlos langen Kommentarschleifen, die im Anschluss an eine Berichterstattung über kontroverse Themen oft produziert werden.

Was können Redaktionen tun?

Prinzing: Den journalistischen Handwerkskasten noch besser nutzen. Es gibt zum Beispiel sehr interessante, aber recht wenig angewendete Journalismus-Konzepte, die je nach Thema neue Blickwinkel ermöglichen. Bei manchen Themen bietet sich an, nicht nur die Probleme, sondern bewusst auch beispielhafte Lösungen zu zeigen; oder Wege, wie Bürger auf ihre Sorgen öffentlich aufmerksam machen können. Ein anwaltschaftliches Konzept kann etwa dann nützen, wenn Benachteiligte oder Schwache medial zu kurz oder nie zu Wort kommen; wenn sich Journalisten in solchen Fällen zu deren Anwalt machen und ihnen Gehör geben, wirken sie auch ausgleichend in einer Gesellschaft und sorgen für ein vollständigeres Bild von Wirklichkeit. Und sie können sich selbst nützen: In einer Studie darüber, wie deutsche Printmedien über Familien berichten, haben wir festgestellt, dass Mütter recht selten selbst zu ihrer Situation befragt wurden, und gerade auch deswegen wenig von Medienberichterstattung halten.

Widerspricht das nicht dem Prinzip der objektiven Berichterstattung?

Prinzing: Eben nicht. Indem jenen, die sonst keine Stimme hätten, auch Aufmerksamkeit zuteil wird, erfüllen Medien eine weitere wichtige journalistische Funktion: die soziale, die zur Integration vielfältiger Gruppierungen in der Gesellschaft beiträgt. Sie tragen also dazu bei, ein realistischeres Bild unserer Gesellschaft zu zeigen.

Zurück zu den brisanten Themen: Wenn es um Flüchtlingsthemen geht, gibt es oft besonders heftige Reaktionen von Lesern. Journalisten haben hier oft das Gefühl, es niemandem recht machen zu können.

Prinzing: Bei diesem Thema gibt es generell ein hohes Misstrauen und auch Angst in der Bevölkerung. Besonders deutlich wird das, wenn die Themenfelder Geflüchtete und Kriminalität aufeinandertreffen; hier sind in manchen Kreisen Ängste verbreitet, von Flüchtlingen gehe besonders hohe Gefahr aus. Und das wiederum ist auch ethisch eine spezielle Herausforderung.

Das müssen Sie erklären.

Prinzing: Zum einen steckt dahinter die Mechanik der Nachrichtenwerttheorie. Je mehr Nachrichtenfaktoren einer Information innewohnen, umso höher ist ihr Nachrichtenwert und umso mehr ist dies berichtenswert. Die Nachrichtenfaktoren ergeben sich aus den Fragen, die sich Journalisten für ihre Berichterstattung stellen: Ist die Information neu, spielt ein Ereignis in der Nähe, hat es eine Tragweite für die Gesellschaft, sind Prominente betroffen, ist es emotional, ist es kurios, droht Schaden? Weil das Flüchtlingsthema auf vielen Ebenen – politisch, rechtlich, gesellschaftlich, ethisch moralisch – aktuell und brisant ist, wurde „der Flüchtling“ zu einem erheblichen Nachrichtenfaktor, auch in der Kriminalberichterstattung. Zum anderen rät der Pressekodex zu Zurückhaltung, bei Straftaten die Nationalität von Tätern zu nennen.

Stellen Medien hier zu häufig Mutmaßungen an?

Prinzing: Ja, und da ist höchste Zeit für ein neues Bewusstsein: Es ist weit besser, klar zu benennen, was man weiß und was nicht, – also beispielsweise statt zu vermuten, welcher Herkunft ein Täter sein könnte, besser schreiben, die Herkunft der Täter sei nicht bekannt oder die Polizei hat dazu keine Angaben gemacht. Damit zeigt eine Redaktion auch, dass sie ihre Arbeit gemacht und nachgefragt hat.

Viele Redaktionen tun sich mit der Auslegung des Presskodex‘ schwer.

Prinzing: Sie spielen auf die häufig diskutierte Richtlinie 12.1 des Pressekodex an. Sie hat lange Zeit dazu geraten, bei Straftaten nur dann die Nationalität zu nennen, wenn ein Zusammenhang zur Tat besteht. Nun wurde sie so modifiziert, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit von Verdächtigen oder Tätern zu einer ethischen, religiösen oder anderen Minderheit nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung führen darf, aber dann angeraten wird, wenn bestimmte Kriterien ein begründetes öffentliches Interesse belegen.

Das ist aber eigentlich nur eine sprachliche Präzisierung, so zu argumentieren war schon immer möglich, indem man die Antidiskriminierungsrichtlinie und die Richtlinie 1 gegeneinander abwog: Die fordert eine wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit. Neu hingegen ist, dass speziell gegenüber Flüchtlingen viele klischeebeladene Vorannahmen in der Gesellschaft kursieren und Medien bei diesem Thema besonders wenig geglaubt wird. Gerade deshalb ist es hier sogar verantwortungsbewusst, die Herkunft zu thematisieren, sobald die Vermutung im Raum schwebt, die Täter einer Straftat könnten Flüchtlinge gewesen sein..

Wie können Medien glaubhaft berichten, ohne sich dem Vorwurf der „Lügenpresse“ auszusetzen oder anders gefragt, gibt es überhaupt eine Wahrheit in der Berichterstattung?

Prinzing: Es gibt keine absolute Wahrheit. Aber es gibt Fairness und handwerklich solide Recherche. Und es stellen sich Fragen nach den Blickwinkeln, aus denen sich ein Thema darstellen lässt, und nach Fakten, die nötig sind, damit sich Leser selber ein Bild machen können; etwa indem man den Anteil von Flüchtlingen bei einer bestimmten Art von Straftat recherchiert, um widerzuspiegeln, inwiefern es sich hierbei tatsächlich um ein spezielles Problem in dieser Bevölkerungsgruppe handelt. Indem Journalisten sich Fragen wie diesen stellen, bauen sie das Fundament für professionelle und sachgerechte Berichterstattung.

Je schneller Nachrichten online publiziert werden, desto größer ist der Raum für Spekulationen, weil zum Beispiel noch nicht alle Fakten bekannt sind. Was können Redaktionen tun, um solchen Spekulationen die Grundlage zu entziehen?

Prinzing: Im Kern verhält es sich gleich: Um vorzubeugen, dass in der Community Mutmaßungen nach dem Motto „Das war bestimmt ein Flüchtling“ angestellt werden, gilt auch hier, das zu benennen, was zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bekannt ist – und dies dann fortzuschreiben, wenn Weiteres bekannt wird. Ebenso das, was noch recherchiert werden muss. Redaktionen müssen sich nicht die eigene Glaubwürdigkeit kaputtmachen, indem sie mutmaßen. Viele Onlineredaktionen haben zum Beispiel in der Terror-Berichterstattung mit dem Format „Was wir bisher wissen“ eine gute Form der prozessualen Berichterstattung gefunden.

Gibt es Erkenntnisse über die unterschiedliche Wahrnehmung von Online- und Print-Lesern?

Prinzing: Die Grenzen verwischen mehr und mehr, die Standards professioneller Online-Berichterstattung sind jenen im Print sehr ähnlich geworden; einen Hauptunterschied sehe ich in der anderen Marken-Wahrnehmung: Wer etwas in einer gedruckten Zeitung gelesen hat, erinnert sich eher daran, in welcher Zeitung das war, als bei etwas, das man online aufgeschnappt hat. Das lässt sich auch belegen: Viele, die Nachrichten auf verschiedenen Portalen online lesen, erinnern sich nicht, von wo genau sie welche Nachricht bezogen haben, und sie wissen damit auch nur bedingt, ob die Quelle vertrauenswürdig war.

Wie sollten Redaktionen drauf reagieren?

Prinzing: Für Redaktionen kann es nur einen Ansatz geben: Die Marken-Wahrnehmung auch online stärken. Für uns alle muss der Ansatz lauten, Medienkompetenz stärken und damit auch das Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist, gerade in einer Zeit wie heute, in der Falschmeldungen massenhaft und rasant wie nie verbreitet werden können, zu wissen, aus welcher Quelle man sich informiert und ob man dieser wirklich trauen kann.

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