Josef Buschmann wird 90: Frank Elstner stieg bei ihm in den Keller

Von: Susanne Schramm
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Am Klavier fühlt er sich auch heute noch wohl: Der Kölner Josef Buschmann hat mit seinen Lokalgründungen Geschichte geschrieben. Jetzt, im Alter von 90 Jahren, kann er eine Menge aus dieser Zeit erzählen. Foto: Susanne Schramm

Köln. Im August 1963 fährt ein hoch gewachsener, elegant gekleideter Kölner nach Aachen. Der 38-Jährige ist unterwegs in geheimer Mission. Sein Ziel: das Haus am Dahmengraben 16. Dort hat vier Jahre zuvor, als Erweiterung des Restaurants und Tanzlokals „Scotch Club“, die „Jockey-Tanz-Bar“ aufgemacht.

Mit einem für die damalige Zeit komplett neuen Konzept. Statt die Gäste mit Live-Musik zum Tanzen zu animieren, wurden Schallplatten aufgelegt, die von so genannten „Disk-Jockeys“ angesagt und kommentiert wurden. Deutschlands vermutlich erste Diskothek interessiert den Kölner brennend. So etwas, findet er, fehlt noch in seiner Stadt.

Stets die Nase vorn

Der Gastronom und Musiker Josef Buschmann hatte immer die Nase vorn. Als gebürtiger Wattenscheider, der als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Köln kam und am Gymnasium in Rheinbach bei Bonn sein Abitur machte, gründete er nicht nur Deutschlands ältestes Jazz-Lokal mit täglicher Live-Musik, sondern auch Kölns älteste Diskothek.

Als inzwischen 90-Jähriger kann er auf eine Zeit zurückblicken, in der ihn sein richtiger Riecher stets zum Erfolg führte. Mit einer Ausnahme vielleicht: „Als ich die Disco 1964 eröffnet habe, stand dort ein Orchestrion, ein mechanisches Musikinstrument, das war fast drei Meter hoch und von 1903. Ein Riesenteil, das ein komplettes Orchester imitieren konnte und das Schlager aus früheren Jahren spielte. Danach war die Disco benannt, sie hieß „Orchestrion“. „Meine Idee war, dass sich die Gäste zwischen den Schallplatteneinspielungen etwas aus dem Repertoire des Orchestrions aussuchen sollten. Aber das kam gar nicht gut an.“

Das Orchestrion wurde verkauft, der Name blieb. Und noch etwas: Buschmann entwickelte eine Leidenschaft für historische, mechanische Musikinstrumente, die bis heute zu einer beachtlichen Sammlung geführt hat. Nach dem Vorbild der „Jockey-Tanz-Bar“, die ihrerseits die Schallplatten so präsentierte, wie man es von Radio Luxemburg kannte, avancierte das „Orchestrion“ schnell zur neuen In-Adresse der Stadt: „Die Electrola schickte uns regelmäßig ihre Stars vorbei.“ Neben der jungen Gitte, Graham Bonney oder Howard Carpendale tummelten sich im Keller der Hahnentorburg am Rudolfplatz auch zahlreiche andere Promis: Schauspieler wie Günther Ungeheuer, Bandleader wie Paul Kuhn oder kölsche Urgesteine wie Willi Millowitsch, Sänger Horst Muys oder die Krekel-Schwestern Lotti und Hilde.

„Am Anfang haben wir die DJs aus Aachen importiert“, verrät Buschmann. Doch zum Zuge in der Schallplatten-Kabine des „Orchestrions“ kam auch ein gewisser Frank Elstner, der dort seine Feuertaufe in der Öffentlichkeit erlebte, Bastei-Redakteur Ray Miller alias Rainer Müller verdiente sich erste DJ-Sporen, und in allerbester Erinnerung ist Buschmann jener „kölsche Jung“ geblieben, der ursprünglich Fußballer war und eigentlich Horst Nußbaum hieß, sich aber, in ironischer Anspielung auf Roy Black, Jack White nannte: „Das war ein ganz feiner und zurückhaltender Mensch.“ Aus ihm wurde ein überaus erfolgreicher Komponist und Musikproduzent.

„Ich hatte eigentlich keine andere Wahl“, sagt Buschmann heute rückblickend. Schon sein Vater, der wie er Josef hieß, war Gastronom. Erst in Wattenscheid, dann in Recklinghausen, später in Köln, wo er das renommierte „Haus Siechen am Dom“ führte, in einem Haus, das aus dem Jahr 1692 stammte, aber 1942 von Bomben komplett zerstört wurde.

Bei Buschmanns wurde viel gesungen und musiziert. Als Siebenjähriger begann der kleine Josef mit dem Klavierspielen. Später studierte er Musik: „Aber damit war ja kein Geld zu machen.“ Lieber fasste er in seines Vaters Fußstapfen im Nachkriegs-Köln Fuß, führte erst eine Imbissgaststätte.

Inmitten der Trümmer am Hauptbahnhof machte 1956 das Hotel „Regina“ auf und baute dessen Bar später zum verruchten „Gaslicht“ aus, einem Club, der mit dem Slogan warb: „Hier kann man sich unmöglich wie zu Hause fühlen“, komplett von richtigem Gaslicht beleuchtet wurde („Dafür die Genehmigung zu bekommen, war nicht einfach!“) und als Attraktionen die „Gaslight Girls“ und „Sexcabaret“ anpries. Womit, im Sprachverständnis der damaligen Zeit, nichts anderes als Striptease gemeint war.

1974 – nachdem er das „Orchestrion“ abgegeben hatte – gründete Buschmann, der damals seinen Spitznamen längst weghatte, im ehemaligen Vereinsquartier der Roten Funken in der Altstadt Papa Joe‘s Jazzlokal „Em Streckstrump“. Und besaß einmal mehr das richtige Gespür: „Wir haben damals den ganzen Laden in Eigenleistung renoviert und etwas mit familiärer Atmosphäre geschaffen, was es in der Form bisher in Deutschland noch nicht gab.“

Söhne führen die Betriebe

Zwei Jahre später folgte mit Papa Joe‘s Biersalon „Klimperkasten“ am Alter Markt der nächste Knüller – ein nostalgisches Lokal mit Kopfsteinpflaster, alten Fotografien und historischen mechanischen Musikinstrumenten. Allesamt voll funktionstüchtig und Schmuckstücke aus der früh begonnen Sammlung.

Buschmanns Söhne Hanns (57) und Marcus (52) haben inzwischen den Betrieb übernommen. Etwas lässt sich der Senior bis heute nicht nehmen: „Ein bis zweimal im Monat stehe ich noch im Klimperkasten auf der Bühne. Mein ältester Sohn Michael spielt Schlagzeug, der Hanns singt, und ich, ich sitze am Klavier.“

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