Jetzt doch nicht zurück zu Mami laufen

Von: Axel Borrenkott
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Willkommener Protest: RWTH-Rek
Willkommener Protest: RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg (MItte) diskutiert mit Studenten während des Bildungsstreiks. Erst der „Druck der Straße” nötigte Politiker, Kritik an Bologna ernst zu nehmen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Ein schmackhafter Tafelwein mag für die meisten Gelegenheiten völlig ausreichen, nur für die gehobenen Anlässe sollte man doch lieber einen Prädikatswein vorhalten. Ernst Schmachtenberg, Rektor der RWTH Aachen, hat das zwar so nicht gesagt. Aber er wird damit leben müssen, dass man solche Assoziationen den Vertretern von Fachhochschulen nicht verdenken könnte.

Zu berichten ist von einer bemerkenswerten Podiumsdiskussion am Donnerstagabend, zu der der AStA der Hochschule anlässlich des Besuchs der neuen Wissenschaftsministerin Svenja Schulze in der TH geladen hatte.

„Baustelle Bologna”

Thema war die „Baustelle Bologna”, also die vielbeschriebenen Probleme bei der Umsetzung der Bachelor- und Masterstudiengänge. Und Schmachtenberg nutzte die Gelegenheit zu einer Abgrenzung der Unis von den FHs, die in dieser Deutlichkeit bislang unerhört war. Hier kommt der Wein ins Spiel: „Wir haben mit Bologna das Problem, dass Studiengänge an den Fachhochschulen und Studiengänge an den Universitäten zusammengerührt werden. Aber die gleiche Menge Wein muss nicht gleichwertig sein.”

Während der Kölner Bildungsphilosoph und Bologna-Nörgler Matthias Burchardt die Weinmetapher gerne aufgriff („Das Problem ist: Was ist in der Flasche und nicht wie viel”), legte Schmachtenberg nüchtern seine programmatische Absicht vor: „Wir brauchten ein Verhältnis von vier Fachhochschul-Ingenieuren zu einem Uni-Ingenieur. Tatsächlich sind wir etwa bei eins zu eins. Das ist ein grober Fehler.”

Nur ein geringer Teil, rund 20 Prozent der Ingenieure also, sollte „forschungsorientiert” an der Uni ausgebildet werden. „Wir brauchen die Differenzierung. Mit Bologna werden unterschiedliche Wertigkeiten durcheinandergeschmissen.”

Das läuft aber sowohl den politischen Absichten zuwider - mit Bologna sollen die Abschlüsse Bachelor/Master überall gleichwertig sein - wie auch dem Selbstverständnis der Fachhochschulen, sich als grundsätzlich ebenbürtig zu sehen und zunehmend ihre Leistungen in der Forschung herauszustellen.

Schmachtenberg hat gar nicht die Geringschätzung der FHs im Sinn. Für die allermeisten und eher praxisnahen Anforderungen seien sie weit besser geeignet als wissenschaftlich orientierte Ingenieure. „Es ist erneut an der Zeit”, schreibt er zum 111. Geburtstag des Dipl.-Ing. am kommenden Montag, „auf die gute Qualifikation deutscher Fachhochschulingenieure hinzuweisen.”

Versteht sich, dass der Uni-Ingenieur grundsätzlich und von vornherein das Vollstudium zum Master als Regelabschluss anstreben sollte. In der Tat geben auch die meisten Studenten an, genau das zu wollen. Da sei „die Grundphilosophie von Bologna” - nämlich zwei jeweils vollwertige Abschlüsse zu bieten und den Bachelor als Regelabschluss vorzuschreiben - „wohl nicht aufgegangen”, räumte die Wissenschaftsministerin ein. „Da müssen wir noch einmal genau hingucken.”

Diesen Satz sagte Svenja Schulze übrigens zu fast allem, was bei der Umsetzung von Bologna schiefgelaufen ist. Und versprach, bei einem „Bologna-TÜV” im Frühjahr mit allen Beteiligten und Betroffenen noch einmal alles auf den Prüfstand zu stellen. Nur nicht das System an sich: „Wir können jetzt nicht zu den Studenten sagen: „,Tschuldigung, wir haben uns vertan.’ Wir müssen das System weiterentwickeln. Das System hat Potenzial.”

Lieber zur Weinprobe

Als dann Burchardt mit seiner Lieblingsthese, dass wegen der Bologna-Reform „eine ganze Generation von Studenten schlechter studiert hat”, bei der Ministerin Anschluss suchte, fuhr ihm Schmachtenberg mächtig in die Parade und legte ein fundamentales Bekenntnis zu Bologna ab: „Keiner hat schlechter studiert. Und der Erlass der Politiker ist auch nicht so über uns gekommen. Wir akzeptieren das zweistufige System.” Das Ganze sei halt noch etwas ungeordnet.

„Wir müssen das System zum fliegen bringen, und dann sind wir auch in Europa besser aufgestellt. Es ergibt keinen Sinn, wieder zurück zu den alten Strukturen zu wollen.” Das wäre doch, auch da hat Schmachtenberg einen kräftigen Vergleich parat, wie „zurück zu Mami zu laufen”. Dann doch lieber zur Weinprobe.
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