Jeden Tag ein bisschen deutscher werden

Von: Katrin Fuhrmann
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Eine Patenschaft, die beiden Seiten Freue macht: Willi Bausch vom Projekt „Aachener Hände“ und der aus Afghanistan geflüchtete Naeem Ahmadzy treffen sich inzwischen regelmäßig. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“ - das ist das Motto von Naeem Ahmadzy. Dass der 18-Jährige überhaupt wieder ein Ziel vor Augen hat und an sich selbst glaubt, ist nahezu ein Wunder, denn der junge Mann hat eine besondere Geschichte. Eine Geschichte, die ihn prägt. Positiv wie negativ.

Rückblick: 2012 flüchtet Naeem Ahmadzy aus Afghanistan. Zehn Monate ist er unterwegs, Tag und Nacht, bei Wind und Wetter. Die Angst ist sein ständiger Begleiter. Die Einsamkeit sein größter Feind. Als er endlich in Aachen ankommt, ist er mit seiner Kraft am Ende. Seine Zukunft ist ungewiss. Zunächst landet der Jugendliche in einem Aachener Heim.„Ich habe auf meiner Flucht Erfahrungen gesammelt, die ich wahrscheinlich unter anderen Umständen niemals hätte sammeln können“, sagt Ahmadzy. „Ich hatte Glück im Unglück.“

Gemeinsam mit anderen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen beginnt er, die deutsche Sprache zu lernen, macht Praktika in verschiedenen Unternehmen und setzt sich mit der fremden deutschen Kultur auseinander. Dass das gar nicht so einfach ist, merkt Ahmadzy schnell.

In Afghanistan, so erzählt er, esse man zum Beispiel mit vielen Menschen zusammen. In Deutschland musste er erst einmal lernen, alleine zu essen. „Es gibt viele Verhaltensweisen, die hier als respektlos gelten, in Afghanistan aber selbstverständlich und sogar höflich sind. „Viele Situationen haben mich immer wieder überrascht. Ich bin ein neugieriger Mensch und deswegen stellte ich viele Fragen, die nicht immer positiv aufgenommen wurden“, erzählt Ahmadzy. Fragen wie „Wie viel wiegst du?“, „Wen hast du gewählt?“, „Wie viel verdienst du?“ stellt Ahmadzy mittlerweile nicht mehr.

Langsam lernt er, was man in Deutschland lieber sein lässt, und das hat er vor allem seinem Paten Willi Bausch zu verdanken, der ihm seit seinem 18. Geburtstag mit Rat und Tat zur Seite steht. „Ich wollte mich engagieren und etwas Gutes tun. Als ich erfahren habe, dass das Projekt ,Aachener Hände‘ Paten für junge Flüchtlinge sucht, war mir sofort klar, dass es genau diese Art von Hilfe ist, die ich leisten möchte“, erzählt Bausch.

Anfangs war es sowohl für Bausch als auch für Ahmadzy ein komisches Gefühl. Sie waren sich fremd und wussten nicht, wie sie miteinander umgehen sollen. „Das Gute war, dass Ahmadzy zu diesem Zeitpunkt schon sehr gut deutsch sprach“, sagt der Rentner. Ausflüge wie ein Besuch im Freibad oder eine Fahrradtour zum Indemann brachen das Eis.

Seit jener Zeit hat sich viel verändert. Längst haben Bausch und Ahmadzy ein freundschaftliches Verhältnis zueinander. Regelmäßige Treffen gehören zum Alltag der beiden. Zur Zeit besucht Ahmadzy die Realschule. Sein Deutsch wird von Tag zu Tag besser. Im kommenden Sommer wird er seinen Abschluss machen, und danach hat Ahmadzy große Pläne. Er will sein Abitur nachholen und anschließend studieren – am liebsten Politikwissenschaft.

„Als ich nach Deutschland kam, haben mich viele Leute gefragt, warum in Afghanistan Krieg ist, wer dafür verantwortlich ist und welche Ziele die Taliban verfolgen. Ich wusste auf viele Fragen keine Antwort, also habe ich angefangen, mich mit den Themen auseinanderzusetzen. Ich habe Radio gehört, die Tageszeitung gelesen und mir Fachliteratur besorgt.“

Betritt man Ahmadzys Zimmer, wird sein Interesse für Politik mit einem Schlag deutlich. An den Wänden hängen selbst gestaltete Plakate. Darunter Notizen über die unterschiedlichen deutschen Parteien, Fotos aller deutschen Bundeskanzler und Übersichten über politische Konflikte weltweit. „Jeden Monat beschäftige ich mich mit anderen politischen Themen“, erzählt Naeem Ahmadzy.

Während seine Freunde Fußball spielen, nach draußen gehen und Spaß haben, steckt Ahmadzy seinen Kopf in die Bücher und büffelt. Von nichts käme eben nichts, weiß der 18-Jährige.„Es ist erstaunlich, was Naeem leistet, damit er seinen Traum verwirklichen kann. Er ist wissbegierig und so aktiv“, sagt Bausch. Naeem lächelt. Er wirkt glücklich und zufrieden. Er fühlt sich in seiner neuen Heimat scheinbar wohl.

Doch sobald er von seiner Familie spricht, wird Ahmadzy traurig. Er lässt seinen Blick schweifen, sagt einen Moment lang nichts. Es fällt ihm schwer zu sprechen. Er vermisst seine Freunde und vor allem seine Geschwister „Meine Flucht hat mir bewiesen, dass die Heimat, die Familie, und die Freunde ein Teil des Herzens sind, ohne den man nur schwer leben kann“, sagt er.

Er möchte nicht darüber sprechen, warum genau er vor knapp drei Jahren aus seinem Heimatland geflohen ist. Verständlich. Die Situation in Afghanistan ist hinlänglich bekannt. „Vielleicht werde ich irgendwann verstehen, warum so viele Menschen aus ihren Heimatländern flüchten und warum Krieg an so vielen Orten der Welt Alltag ist“, sagt er und schaut dabei genau auf die Stelle an seiner Schlafzimmerwand, auf der ein großes Fragezeichen abgebildet ist.

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