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Jahrmarkt: Die guten alten Zeiten locken

Von: Ines Kubat
Letzte Aktualisierung:
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Wie früher: Kostümierte beim „Jahrmarkt anno dazumal“ auf dem historischen Pferdekarussell von Schausteller Dirk Rosenzweig. Foto: Hans-Theo Gerhards/LVR
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Blick in alte Zeiten: Besucher vor einem Guckkasten-Panoptikum beim „Jahrmarkt anno dazumal“ im Freilichtmuseum in Kommern. Foto: Hans-Theo Gerhards/LVR
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Ein Paradebeispiel der alten Jahrmarkt- und Gauklertradition: Gilbert. Foto: Hans-Theo Gerhards
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Ist auch in diesem Jahr wieder in Kommern dabei: Schausteller Dirk Rosenzweig vor dem Wohnwagen seiner Mutter, den er vor einigen Jahren dem LVR-Freilichtmuseum übergeben hat. Foto: Michael Faber/LVR

Region. Heutige Jahrmärkte sind häufig eine einzige Reizüberflutung: Von hier tönt das Hupen und Knallen des Autoscooters, von dort die laute Popmusik des Breakdancers. Es blinkt, es blitzt, es leuchtet. Viele Menschen suchen deshalb Alternativen, sehnen sich nach dem Überschaubaren, dem Ruhigeren, wie Michael Faber sagt.

Er ist stellvertretender Leiter des Historischen Freilichtmuseums in Kommern und dort für sämtliche Veranstaltungen zuständig. Vor 22 Jahren ist er auf die Idee gekommen, die „guten alten Zeiten“ der Jahrmarkt-Kultur wieder aufleben zu lassen. Jetzt, mehr als zwei Jahrzehnte später, zieht der „Jahrmarkt anno dazumal“ jährlich durchschnittlich 32.000 Menschen aus dem Rheinland und dem Raum Aachen/Maastricht an.

„Vorhang auf und Bühne frei“ heißt es wieder am Karsamstag, 26. März. Bis zum 3. April können die Besucher dann neun Tage lang über das große Gelände schlendern und bei insgesamt 90 Artisten, Schaubuden und Fahrgeschäften in Nos-talgie schwelgen.

Von der „Arena der Sensationen“ bis hin zur „Schau der Kuriositäten“ – trockene und langweilige Ankündigungen gibt es beim „Jahrmarkt anno dazumal“ nicht. „Wir machen alles so, wie es früher gemacht wurde“, sagt der Veranstalter. Dazu gehört eben auch eine sehr enthusiastische Ankündigung. Dieses Jahr gibt es in Kommern unter anderem Varieté der Goldenen 20er Jahre, Till, den Messerwerfer, und eine Schlangenfrau am Trapez, um nur einige Beispiele zu nennen.

„Eine echte Seltenheit“

Auch Dirk Rosenzweig ist in diesem Jahr wieder in Kommern. Seit Jahren begeistert er die Besucher mit seinen historischen Karussells. Sammlerwert haben sie zwar nicht, einen sentimentalen Wert aber sehr wohl. Denn Rosenzweig stammt aus einer alten Schaustellerfamilie, schon sein Urgroßvater ist mit Fahrgeschäften durch die Lande gezogen.

Aus dem Jahr 1850 ist das alte Springpferde-Karussell, bei dem sich die Pferdchen noch auf und ab bewegen, während sie ihre Runden unter dem festlichen Baldachin drehen.

„Eine echte Seltenheit“ sei dieses liebevoll bemalte Schmuckstück, sagt Rosenzweig. Denn in den 1960er Jahren sind viele solcher Karussells ihren Besitzern zum Opfer gefallen, die die Fahrgeschäfte aus Frust verkauften oder zerstörten, weil sich kaum noch Geld damit verdienen ließ. Die Rosenzweigs blieben beharrlich dabei und pflegten auch den „Flieger“ von 1946 weiter, ein Kettenkarussell, bei dem große weiße Schwäne zwischen den Sitzen mitfliegen.

Zu ganz besonderen Gelegenheiten bringt der Schausteller auch mal die Schiffsschaukel mit, die sein Großvater und Urgroßvater gemeinsam gebaut haben. Es ist ein echtes Unikat. Und wie es mit so speziellen Stücken ist, sind sie nicht ganz leicht in der Pflege: „Vier Mann braucht es, um das Gerät zu bedienen.“

Obwohl Rosenzweig nur ein einziges modernes Fahrgeschäft in seinem Repertoire hat, guckt er sich gerne neue Karussells an – mit dem kritischen Blick eines Fachmanns: Manche seien „nicht so schön bemalt, bei anderen stimmen die Beleuchtung oder die Musik nicht.“ Denn für Rosenzweig ist ein Karussell ein Gesamtkunstwerk: Zu manchen passe eben die Kirmesorgelmusik besser, zu anderen Rock’n’Roll – das hänge ganz vom Fahrgeschäft ab. Jedes Jahr aufs Neue kommt er mit seinen Fahrgeschäften nach Kommern, denn „es ist schön, dass sich heute noch Leute dafür interessieren“.

Und der Markt deckt viele Interessen ab, weil er auch viele Jahrzehnte abdeckt, erklärt Michael Faber. Es gibt Geschäfte und Artisten, wie sie im 19. Jahrhundert existierten, aber auch Attraktionen von vor dem Ersten Weltkrieg wie das Guckkasten-Panoptikum.

Auch die Zeit nach dem Weltkrieg sei noch beim „Jahrmarkt anno dazumal“ abgedeckt, sagt Faber. Zum geschichtlichen Potpourri tragen auch viele Besucher bei, die in historischen Gewändern kommen. Faber erinnert sich zum Beispiel an eine Familie, die Kleidung aus der Kaiserzeit trug: Die Frau kam im pompösen Kleid, der Mann trug einen steifen weißen Kragen und der Sohnemann einen Matrosenanzug.

Schöne und vor allem historisch authentische Kostüme bekämen freien Eintritt, sagt der Museumsmitarbeiter; billige Karnevalskostüme sehen die Veranstalter hingegen nicht so gern.

Auch eine neue Gruppierung, die Steampunks, hätten die historischen Jahrmärkte für sich entdeckt, erklärt Gaukler Gilbert. Steampunks repräsentieren einen Retro-Techniklook auf Basis der Viktorianischen Zeit. Gilbert hat einige Vertreter von ihnen nach Kommern eingeladen.

Der Jahrmarkt-Gaukler, der sich selbst als „ehrlichen Scharlatan“ bezeichnet, ist vom historischen Markt in Kommern kaum wegzudenken. Jedes Jahr reist er mit seinem roten Lkw an. In einem kleinen Koffer hat er alles dabei, was er braucht, „um zwei Stunden Spaß zu machen“: angefangen bei seiner Begleitung, der Flohdame Fifine, bis hin zu seinen Kartentricks und Feuerspuck-Utensilien.

Doch er steht nicht nur selbst auf der Bühne, sondern „moderiert auch theatralisch“ – in französischen Dialekt und mit lausbübischem Grinsen.

Gilbert ist ein Paradebeispiel der alten Jahrmarkt- und Gauklertradition. Der 63–Jährige wuchs in Brüssel auf. Aber er habe schon immer seine Probleme damit gehabt, sesshaft zu sein, sagt er. „Ich wollte nicht in die Schule gehen und bin immer von zu Hause ausgerissen.“ Als 13-jähriger Junge traf er schließlich in Paris eine Gruppe, die sein weiteres Leben prägte: „Die Artisten und vor allem die star- ken Männer haben mich beeindruckt.“

So sehr, dass er sich zum Pantomimen ausbilden ließ und eine eigene Nummer entwickelte: den „Automatenmensch“. Damit trat er am Centre Pompidou in Paris auf, war ein gefeierter Artist. Auch heute noch müssten ihn die Leute aus Aachen kennen, weil er häufig in der Innenstadt aufgetreten sei, nachdem er nach Deutschland gezogen war und in Monschau und Würselen lebte.

Lockere Atmosphäre

Noch heute lebt der sympathische „Scharlatan“ im seinem Lkw – richtig sesshaft werden? Das kann er sich noch immer nicht vorstellen. „Ich mache eigentlich nur noch Dummheiten“, fasst Gilbert sein Programm zusammen.

Es sind Schausteller wie er und die kleinen Details, mit denen die Veranstalter eine lockere und humorvolle Atmosphäre auf dem Jahrmarkt schaffen möchten. Der kleine, nicht ganz ernst gemeinte Zusatz im Kleingedruckten des Programms ist der beste Beweis dafür: „Ruhe ist die oberste Bürgerpflicht“.

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