Jagd auf Temposünder mit Videokamera

Von: Carsten Rose
Letzte Aktualisierung:
15054865.jpg
110 PS, Höchstgeschwindigkeit 240 Kilometer pro Stunde: Volker Heinens sogenanntes Provida-Motorrad ist den Maschinen von etlichen Rasern technisch absolut unterlegen. Der Polizist nutzt etwas anderes, um waghalsige Zweiradfahrer einzufangen: seine Erfahrung. Foto: Carsten Rose
15054997.jpg
Eine Kamera über dem Vorderreifen liefert der Polizei die Beweise. Foto: Carsten Rose

Düren. Die nackten Zahlen sprechen gegen Volker Heinen: Er kann 110 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 240 Kilometern pro Stunde vorweisen. Seine „Gegner“, wie er sie einmal bewusst übertrieben nennt und unübersehbar Anführungszeichen in die Luft malt, hätten mitunter mehr als 200 PS unter dem Hintern, mit denen sie auf bis zu 300 Sachen beschleunigen können.

Heinens Vorteil gegenüber den technisch Überlegenen ist seine Erfahrung, er kennt jede Kurve, jeden Bremsweg. Wenn Ortsfremde vor ihm vom Gas gehen, macht er Boden gut. „Das ist der Grund, warum ich sie kriege. Nicht, weil ich ein Rennfahrer bin.“

Volker Heinen, 57, Polizist, ist derjenige, der mit zwei Rädern die Temposünder vornehmlich auf den bei Rasern beliebten Landstraßen im Süden des Kreises Düren verfolgt. Mit dem sogenannten Provida-Motorrad, einer BMW, die mit Kamera und Geschwindigkeitsmessung ausgestattet ist. Jeden Freitag bis Sonntag (bei gutem Wetter) ist er 600 Kilometer unterwegs, Mittwoch und Donnerstag wertet er aus. Provida steht für „Proof Video Data System“ und ist ein mobiles Verkehrsüberwachungssystem.

Bis zu sieben Verstöße täglich

Wen Heinen verfolgt, der ist nicht aus Unkonzentriertheit zu schnell unterwegs. „Mich interessieren nur die Fahrer, die mindestens 30 Kilometer pro Stunde zu schnell sind“, sagt Heinen, „denn das sind die gravierenden Verstöße. Diese Fahrer gefährden den Straßenverkehr.“

Liest man die Verkehrsstatistik und hört man Heinens langjährige Erfahrungen, dann klingen 30 Sachen zu schnell harmlos. 164 auf dem Tacho in der Tempo-50-Zone war das Schnellste. Bis zu sieben gravierende Verstöße notiere er täglich, es geht um Bußgelder von bis zu 1200 Euro. Eine Summe, betont Heinen, die auch niederländischen Fahrern wehtun würde.

Heinen erinnert sich, dass Raser aus dem Nachbarland die Verwarn- und Bußgelder oft förmlich schulterzuckend bezahlt hätten. Was sich zynisch anhört, mag fast schon verständlich klingen, weil Niederländer bei Verstößen im Straßenverkehr – angefangen beim fehlenden Parkticket – weitaus höhere Strafen gewöhnt sind. Ein Mann aus Belgien habe vor einigen Jahren sogar das Bußgeld abgezählt dabeigehabt, mit der Begründung, dass eine Jahreskarte auf dem Nürburgring ja teurer sei.

Das Maximum für ein Bußgeld für Geschwindigkeitsüberschreitungen nach deutschen Recht liegt bei 600 Euro, doch Heinen darf den Betrag verdoppeln, wenn es sich um Vorsatz handelt. Dieser ist unter anderem dann erkennbar, wenn ein Raser das Tempolimit um mindestens 100 Prozent (sprich mindestens Tempo 100 in einer 50er Zone) überschreitet – und diesen Verstoß hält Heinen auf Video fest. „Drei bis vier Sekunden Aufzeichnung reichen mir, um gerichtsfest zu sein“, erklärt Heinen – uneinsichtige Raser haben demnach keine Chance.

Und wie empfindet Heinen aktuell die Situation auf den einschlägigen Strecken? „Es ist chaotisch, der Zustrom wird größer, es kommen mehr Ausflügler, am Wochenende ist es überfüllt.“ Aus subjektiver Wahrnehmung hätten acht von zehn Sündern ein ausländisches Kennzeichen; gravierende Verstöße von Ortskundigen würde er kaum noch notieren – ein Ziel erreicht. Generell hätte sich laut Heinens Angaben in den vergangenen Jahren die Zahl der Fahrverbote von 100 per anno auf etwa 50 halbiert. „Wenn wir die wirklich schlimmen Raser vor gefüllten Parkplätzen oder Biker-Treffs kriegen, dann spricht sich das rum. So zeigt unsere Arbeit Wirkung.“

Nur ein messbarer Parameter

Heinen stellt klar heraus, dass es für ihn nur einen messbaren Parameter für den Erfolg seiner Arbeit gebe: die sinkende Anzahl von tödlich verunglückten Rasern. In der Polizeistatistik der vergangenen zehn Jahre taucht für das Eifeler Gebiet des Kreises Düren auf den Landstraßen 249, 246, 218, 15, 11 kein toter Motorradfahrer auf; im selben Zeitraum ist auf der Panoramastraße zwischen Vossenack und Schmidt eine Person tödlich verunglückt (April 2011). In den Jahren davor, sagt Heinen, seien es pro Jahr bis zu fünf Tote auf den angegebenen Strecken gewesen.

Übrigens ist Volker Heinen der Einzige, der aus dem heutigen Alltag eines Provida-Fahrers erzählen kann. 2007 begann die Mission mit dem Kamera-Motorrad, weil die Polizisten bei der Geschwindigkeitsmessung zu unflexibel waren. Fünf Fahrer haben angefangen, einer hat sich dann schwer verletzt und drei sind aus Rücksicht auf die Familie für immer vom Provida-Sattel gestiegen.

So ist Heinen übriggeblieben, eigentlich wollte auch er den Job vor drei Jahren drangeben. Aber: „Ich stehe voll hinter dem Beruf, ich sehe, dass es etwas bringt. Wenn es mir rein ums Verhängen von Bußgeldern ginge, würde ich das bequem aus einem Auto heraus machen.“

Also wird Volker Heinen wohl noch vier Jahre, dann ist er 61, mit gutem Grund durch die Eifel rasen und vier-, fünfmal täglich an die technische und persönliche Belastbarkeitsgrenze gehen. Um das durchzustehen, sagt Heinen selbst, braucht man die Ausgeglichenheit im Alter. Die hat er wenigstens – den „Papst in der Tasche nicht“.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert