Ist's noch zum Lachen? Roncalli-Gründer Bernhard Paul im Interview

Von: Claudia Schweda
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„Erst wird‘s bedacht, dann wird‘s belacht, dann wird‘s nachgemacht“: Roncalli-Gründer Bernhard Paul ärgert sich nicht, dass viele Nummern aus seinem Programm später kopiert werden. „Das ist o.k. Ich will da gar nicht jammern“, sagt er im Interview mit unserer Zeitung. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die Idee von Bernhard Paul, mit Roncalli Zuschauer in eine Welt der Poesie zu entführen, funktioniert seit fast vier Jahrzehnten. Im nächsten Jahr begeht der Zirkus seinen 40. Geburtstag. Am Freitag feiert Roncalli mit seinem Programm „Good Times“ in Aachen Premiere.

Im Vorfeld sprachen wir mit Roncalli-Gründer Bernhard Paul über die Schwierigkeit, junge Leute zu erreichen, neue Talente zu finden und Kopisten im Zaum zu halten.

Sie sind ein Clown, Herr Paul. Finden Sie den Zirkusbetrieb noch zum Lachen?

Paul: Meinen oder den, der anderen?

Sie können gerne in zwei Teilen antworten.

Paul: Ich liebe das, was wir machen, meine Kinder lieben es, meine Frau liebt es. Alles, was mit Liebe gemacht wird, wird auch geliebt. Wir machen es gut und haben unser Auskommen. Aber wenn ich mich so umschaue in der Zirkusszene, die ja total geschmolzen ist, fällt mir ein Bibelzitat ein: Viele fühlen sich berufen, nur wenige sind auserwählt.

Die Konkurrenten sind also nicht auserwählt?

Paul: Nicht alle. Einige sind eher eine Anti-Kampagne gegen Zirkus. Da gehen Leute rein und sagen: Nie wieder Zirkus. Das ist nicht gut.

Funktioniert die Roncalli-Idee der Poesie heute noch?

Paul: Da könnten Sie auch fragen, funktioniert das heute noch mit der Liebe? Es hat sich viel verändert. Früher war das Problem in der Ehe das verflixte siebte Jahr. Heute lassen die Leute sich schon nach vier Jahren scheiden. Und Poesie ist ja so etwas wie Romantik. Es ist eine Emotion, und die wird immer bestehen.

Was hat sich denn verändert?

Paul: Beim ganz jungen Publikum muss man wieder Pionierarbeit leisten. Weil die ja nurmehr mit dem Handy herumspazieren und das den ganzen Tag streicheln, sich gegenseitig aber weniger streicheln. Die Jugend ist zum Teil anders geworden, macht Vieles gleichzeitig und hat daher oft nur eine oberflächliche Wahrnehmung. Im Fernsehen haben wunderbare Komiker wie Gerhard Polt oder Emil Steinberger null Sendezeit, stattdessen sind ständig die Geissens und das Dschungelcamp im Fernsehen. Damit wachsen die Jungen auf. Das heißt: Sie haben gar keinen „Sense“, keinen Sinn mehr für gute Kleinkunst und gute Kultur, weil sie die nicht mehr vorgesetzt bekommen.

Wie wollen Sie die erreichen? Was ist Ihr Ansatz?

Paul: Durchhalten, gut sein und die Medien benutzen, die die jungen Leute benutzen – also Internet und soziale Netzwerke wie Facebook. Da kommt man nicht drum herum. Man muss kämpfen.

Genügt denn Poesie? Muss heute nicht alles höher, schneller, weiter sein?

Paul: Es gibt verschiedene Entwicklungen. Manchmal staune ich. Wir haben zum Beispiel in Wien auf dem Rathausplatz gespielt und da hat eine angesagte Getränkemarke ein so genanntes „Secret Concert“ gegeben. Die Leute wissen nur, es kommt ein Star. Sie kommen zu einem Treffpunkt, von wo aus sie Busse zu dem Konzert bringen. Bei Roncalli hat um Mitternacht Aloe Blacc – „I need a Dollar“ – gespielt. Die jungen Leute sind wie „Alice im Wunderland“ mit offenem Mund durch unser Zirkusdorf mit den alten Wagen gegangen und haben gestaunt. Wir müssen sie eben wieder reinholen. Man muss sie locken mit den neuen Medien. Man muss sich umstellen. Die Welt verändert sich. Und wir müssen uns auch verändern, sonst sind wir weg.

Gehört zur Roncalli-Poesie auch, dass die Zuschauer weiterhin auf harten Bänken sitzt? Sind die Menschen da nicht heute auch einen anderen Standard gewöhnt?

Paul: Also, wenn ich jetzt Plastikschalensitze hätte, was auch bedingt, dass die Leute weiter auseinandersitzen, dann wäre das ein Feeling wie im Fußballstadion. Der Zirkus ist Holz. Und Holz ist ja ein tolles Produkt. Wenn man darauf sitzt, schwitzt man nicht. Die Leute bleiben mir da treu.

Es gibt ja Zirkusse, die das inzwischen anders machen.

Paul: Ja, die haben vielleicht andere Sitzmöbel. Aber alle unsere Sitzplätze haben Rückenlehnen. Und ich sag‘ immer, wenn ein Programms gut ist, dann merke ich nicht einmal, wo ich sitz‘. Hundertprozentig. Wenn die Leute bei mir nach zweieinhalb Stunden rausgehen und sagen „Oh, ist schon aus?“, dann weiß ich, das ist nicht der Faktor. Die bleiben nicht weg, weil sie auf einem Plastikstuhl sitzen wollen. Es ist ja nicht so, dass die Zirkusse, die Plastikstühle haben, jetzt plötzlich ausverkauft sind.

Sie sagen, Roncalli ist nach vier Jahren wieder in Aachen. Als Zuschauer habe ich das Gefühl, dass durch Höhner Rockin‘ Roncalli ihr Zirkus jedes Jahr in der Region unterwegs ist.

Paul: Das ist aber ein anderes Produkt.

Mit Programmnummer, die mir dadurch inzwischen bekannt vorkommen. Zum aktuellen Roncalli-Programm gehört etwa der Balanceakt mit Palmstängeln, den man in Aachen von verschiedenen Künstlern schon gesehen hat.

Paul: Genau deswegen haben wir die Nummer für Aachen ja aus dem Programm genommen und durch eine ebenso poetische ersetzt, weil es bei den Höhnern schon zu sehen war. Die Palmennummer kann man nur einmal sehen. Beim zweiten Mal ist es, als ob jemand einen Witz erzählt, den ich schon kenne. Ich achte darauf, dass wir ja in keiner Stadt noch einmal das selbe machen. Wir sind die, die das Neue bieten. In diesem Fall die Nummer eines Pantomimen, der zwei Köpfe hat, die miteinander in den Dialog treten. Die habe ich in der französischen Kleinkunstszene gefunden und für Aachen eingekauft.

Wie schwer ist es, neue Talente oder etwas wirklich Neues zu finden?

Paul: Na ja, man muss schon viele Frösche küssen, bis man mal einen Prinz erwischt. Also: viel suchen! Aber ich find‘ immer wieder Sachen. Und wenn nicht, dann erfinde ich etwas.

Ist es schwerer geworden?

Paul: Das Argument „schwerer“ gibt es für mich nicht. Weil es nützt ja eh nix. Man muss was tun. Und wenn da ein Loch auf ist, geht dafür da wieder ein Loch zu. Da ändert sich schon vieles. Aber in der Quersumme sind die Möglichkeiten gleich. Man muss nur anders schauen. Wenn ich immer auf ein bestimmtes Nachwuchsfestival gehe und hol‘ mir da Talente und plötzlich gibt‘s das nicht mehr, kann ich ja nicht aufhören, Zirkus zu spielen.

In die Abteilung „Hab‘ ich das nicht schon mal irgendwo gesehen?“ gehört auch, dass das, was gut ist, kopiert wird. Wie sehr entwertet das die Marke „Roncalli“?

Paul: Das ist nicht gut, ist aber nicht zu verhindern. Es ist ja immer dasselbe Prinzip: Erst wird‘s bedacht, dann wird‘s belacht, dann wird‘s nachgemacht. Und eine Kopie wird immer eine Kopie bleiben. Die Kopie ist nie so gut wie das Original. Ich glaub‘ ich bin der meistkopierte Zirkus der Welt. Es gibt jetzt in Frankreich einen Zirkus, der hat sich sogar „Roncalli“ genannt. Da gehen wir gerade juristisch gegen vor. Ob wir eine Clownsnummer oder eine Artistiknummer erfinden – sie ist immer im nächsten Jahr woanders, und wir müssen wieder etwas Neues erfinden. Das ist auch o.k. Ich will da gar nicht jammern.

Mit Roncalli haben Sie sich Ihren größten Lebenstraum erfüllt. Sie sind 67 Jahre alt. Werden Sie noch einen Traum in ihrem Leben realisieren?

Paul: In meiner Familie sind alle sehr alt geworden – über 90. Sieht also gut aus. Ich hab mein ganzes Leben gesammelt. Kunstgegenstände, eine Sammlung über die Beatles, das alte Hotel Adlon, 80 Sammlungen, Hallen voll. Die Hauptsammlung besteht aus alten Läden, Caféhäusern, Kinos mit den Filmen dazu von Stan Laurel, Chaplin etc. Ich möchte so eine kleine Gegenwelt aufbauen, wo alles so ist, wie früher, nur a bissl schräg, also als würde Dalí besoffen mit Gaudí durchgehen. Der „Boulevard of Broken Dreams“. Da arbeite ich schon lange dran. Aber dazu muss man erstmal ein Leben lang sammeln, und dann muss man‘s realisieren. Und da bin ich gerade dran.

Wird das Projekt zum 40. Roncalli-Geburtstag nächstes Jahr fertig?

Paul: Noch nicht. Ich konzentrier‘ mich jetzt aufs Jubiläumsprogramm, dass dann wieder drei Jahre laufen kann. Der nächste Schritt ist dann direkt der „Boulevard of Broken Dreams“, wo ich meine ganze Sammlung in dieser Gegenwelt zeigen möchte. Es gibt momentan mehrere Optionen, an welchem Ort das sein könnte. Es gibt in Österreich eine Möglichkeit. Es gibt aber auch in Deutschland zwei Möglichkeiten.

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