Ist menschliche Zuwendung unbezahlbar?

Von: Sabine Rother
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Das Gespäch mit dem Patienten ist ein wichtiges Element der Pflege – aber es kann nicht abgerechnet werden. Zum „Tag der Pflege“ melden sich die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege zu Themen wie Ausbildung, Finanzierung und Menschenwürde. Foto: stock/westend61

Aachen. „Wir für Sie“ lautet das Motto beim Internationalen Tag der Pflege am 12. Mai. 124.000 Pflegekräfte betreuen zurzeit in NRW 276.000 Menschen durch 829 ambulante Pflegediensten, in 379 Tageseinrichtungen, 1399 Alten- und Pflegeheimen der Freien Wohlfahrtspflege.

Erstmals nutzen deren Spitzenverbände dieses Datum, um ambulante, teilstationäre und stationäre Pflege stärker ins Gespräch zu bringen, aber zugleich um Themen wie Qualitätsstandards, Menschenwürde und Versorgungssicherheit sowie die Situation der Ausbildung auf breiter Basis zu diskutieren. Politiker auf Landes- und kommunaler Ebene äußern Forderungen, die auch Rudolf Stellmach, Vorsitzender der Diözesanen Arbeitsgemeinschaft „Alter und Pflege“ im Caritasverband für das Bistum Aachen, beschäftigen. Wir sprachen mit ihm darüber.

Was hat man sich unter der Diözesanen Arbeitsgemeinschaft „Alter und Pflege“ im Caritasverband vorzustellen?

Stellmach: Ursprünglich war das lediglich ein Zusammenschluss der Heimleiter, aber wir haben die Strömungen erkannt. Längst ist dies ein Zusammenschluss aus Vertretern aller Teilbereiche der Pflege. Wir repräsentiern damit rund 250 Einrichtungen. Zum engeren Vorstand der Arbeitsgemeinschaft gehören 17 Personen. Wir greifen Strömungen auf, bringen akute Themen nach vorn, schaffen Jahresschwerpunkte und greifen politische Aspekte wie Quartiersentwicklung und sozialräumliche Arbeit auf

Welche Möglichkeiten haben Sie in der Landespolitik? Wie nimmt man Sie wahr?

Stellmach: Wir beteiligen uns in Düsseldorf an den Diskussionen um das neue Landesgesetz Gepa zur Sicherung der Qualität von Wohn- und Betreuungsangeboten für ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige. Die Landesregierung versichert, dass ihr die Freie Wohlfahrtspflege ein wichtiger Partner ist und dass uns alle der Vernetzungsgedanke nach vorn bringt.

Welche Strömungen gibt es, die Sie beobachten und die Sie auch in der Landespolitik beschäftigen?

Stellmach: Wir laufen Trends keinesfalls hinterher, aber es bewegt sich eine Menge, was auch am Engagement der Mitarbeiter liegt. Eine dieser starken Strömungen ist der Wunsch zahlreicher Menschen, in Alter und Krankheit möglichst lange zu Hause versorgt werden.

Ist dieser Wunsch der Versorgung im eigenen Heim denn auch realistisch?

Stellmach: Irgendwo hat diese Vorstellung deutliche Grenzen. Da muss man sich überlegen, wie gut kann ich überhaupt zu Hause versorgt werden? Soll das kosten, was es will und bezahlen wer will? Nicht selten ist gerade, wenn die palliative Versorgung nötig ist, eine gut ausgestattete stationäre Einrichtung für den Betroffenen wesentlich besser. Da müssen wir unsere Stimme erheben, aufklären und frühzeitig zu Augenmaß aufrufen, denn die stationäre Versorgung können wir angesichts des demografischen Wandels nicht zurückfahren, sie muss tatsächlich noch ausgebaut werden.

Sie beschäftigen sich in der Arbeitsgemeinschaft nicht nur mit denen, die gepflegt werden, sondern auch sehr intensiv mit den Pflegenden. Wie empfinden Pflegemitarbeiter den Personalmangel und die häufige Überlastung?

Stellmach: Neue Mitarbeiter gewinnen und sie stärken, damit wir sie möglichst lange behalten, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Unter anderem deshalb starteten vor einem Jahr Caritasverbände im Bistum Aachen eine Imagekampagne für die Ambulante Pflege. Noch immer bilden wir jährlich 13 000 Pflegekräfte landesweit aus. Die Freie Wohlfahrtspflege ist zu 75 Prozent am Ausbildungsgeschehen beteiligt. Wir müssen aber auch Karriere-Chancen anbieten, damit wir für Studienabsolventen interessant sind.

Wo liegen die Hindernisse, auf die sie stoßen?

Stellmach: Pflege muss ein anerkannter und gerecht bezahlter Beruf sein. Die Altenpflegeschulen kämpfen darum, dass die Ausbildungskosten für die Auszubildenden denen der Krankenpflege gleichgestellt werden. Bisher besteht ein Unterschied von nahezu 50 Prozent. Die Sorge um den Menschen war lange ein Abfallprodukt der Gesellschaft. Träger, die ausbilden, gehen bereits dazu über, sich an der Finanzierung von Schulen, die qualifizierte Ausbildung leisten, zu beteiligen.

Wie reagiert die Landesregierung auf Ihre Forderungen?

Stellmach: Solange man den Bestand so umschichten kann, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, es passiert etwas, reagiert man nicht. Wenn mehr Geld notwendig wäre, ist Schluss. Ich bin nicht bereit, das zu akzeptieren.

Was ärgert Sie besonders? Was prangern Sie immer wieder an?

Stellmach: Das Land fordert eine qualifizierte Ausbildung, und man bemüht sich Qualitätsstandards bei der Ausbildung in der Altenpflege festzulegen. Eine verzweifelte Situation. Unsere Leistungen werden bis ins Kleinste kon-trolliert, aber die Bedingungen, um hoch qualifizierte Arbeit leisten zu können, schafft man nicht. Diese Schere geht immer weiter auseinander.

Was belastet die Einsatzkräfte in der stationären Pflege?

Stellmach: Wir brauchen ganz dringend eine Entbürokratisierung, auch das wollen wir beim Tag der Pflege thematisieren. Die Dokumentationen nehmen Umfänge an, die nicht mehr akzeptabel sind. Von mündigen Bürgern kann man da nicht mehr reden, das ist Kontrollzwang. Das Neueste ist die Deklarierung sämtlicher Lebensmittelinhaltsstoffe durch die Küche. Das gilt selbst für Feste und Feiern. Wenn jemand etwa Kuchen zum Tag der offenen Tür spenden will, muss er erst alle Zutaten auflisten.

Wie kommen die ambulanten Dienste zurecht? Ist es da besser?

Stellmach: Ambulante Hilfe gilt quasi als Allheilmittel. Aber der betreuerische Teil kann überhaupt nicht abgerechnet werden. Kommunikation, Fragen nach dem Befinden, ein freundliches Lächeln – das wird in unserem Refinanzierungssystem mit keinem einzigen Cent vergütet. Aber Altenpflege ist eine ganzheitliche Pflege, die den Menschen mit Körper, Geist und Seele meint. Das Verabreichen einer Spritze kann ich abrechnen, den Trost, den der Patient braucht, aber nicht. Das ist zynisch.

Wie entwickelt sich die Gesamtsituation der Pflege?

Stellmach: Zum Glück haben wir zumindest die Aussicht, dass der Dokumentationszwang gelockert wird. Dazu brauche ich aber die starke, mündige Fachkraft, die kompetent entscheiden darf und kann, ob eine Gefährdung besteht oder nicht und was in kritischen Situationen zu tun ist.

Wie schätzen Sie die Arbeit mit nichtexaminierten Kräften ein?

Stellmach: Ich erlebe häufig bei den nichtexaminierten Mitarbeitern, dass sie einen guten Zugang zu den Bewohnern haben, dass sie im hauswirtschaftlichen und kommunikativen Bereich geschätzt werden. Bei Mitarbeitern aus Osteuropa, Spanien oder Italien registrieren wir oft eine zugewandtere Haltung bei alten Menschen.

Menschen, die pflegen, genießen in anderen Ländern ein höheres Ansehen als bei uns, wie kommt das?

Stellmach: Das haben früher die Frauen der Familien oder die Ordensschwestern unentgeltlich übernommen. Das zählte gar nicht als Arbeit. Ich nutze jede Gelegenheit, um mich bei Pflegenden für ihren Einsatz zu bedanken. Wir in der Freien Wohlfahrtspflege fordern jedoch, den Bogen nicht zu überspannen.

Wie gehen Sie angesichts eines überlasteten Personals mit der Sterbebegleitung um?

Stellmach: In vielen Einrichtungen haben wir Gruppen, die das Thema bearbeiten. Es gibt den ambulanten Caritas-Hospizdienst, der ehrenamtliche Hospizhelfer schult. Sitzwachen werden organisiert. Mitarbeiter erbringen ein Mehr an Leistung.

Der Tod wird in einer Pflegeeinrichtungen häufig nicht öffentlich.

Stellmach: Es hat ein Wechsel stattgefunden. Früher wurden Särge aus der Hintertür getragen. Wenn heute jemand stirbt, geht er dort hinaus, wo er hinein gegangen ist. Wir haben eine Arbeitsgruppe „Zukunftswerkstatt Altenpflege“, die solche Fragen aufgreift.

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