Ist Lianne Z. eine Bankräuberin oder nicht?

Von: Wolfgang Schumacher
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Vor Gericht: Die Niederländerin Lianne Z. (29, Mitte) soll mit zwei Komplizen eine Filiale der Aachener Bank in Aachen ausgeraubt haben. Die Frau wird dem Umfeld der anarchistischen Hausbesetzerszene im katalanischen Barcelona zugerechnet. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Unter starken polizeilichen Sicherheitsvorkehrungen begann am Freitag der Prozess gegen die 29-jährige Niederländerin Lianne Z. vor dem Aachener Landgericht. Die Studentin aus Amsterdam wird der anarchistischen Hausbesetzerszene in Barcelona zugerechnet und soll am 8. Juli 2013 zusammen mit zwei männlichen Komplizen eine Filiale der Aachener Bank in der Aachener Innenstadt überfallen haben, Beute rund 42.000 Euro.

Der frühmorgendliche Überfall auf das Geldinstitut lässt sich nach polizeilichen Erkenntnissen in eine Reihe von Überfällen der selben Tätergruppe einordnen, zu denen auch der Überfall einer weiteren Filiale der Aachener Bank im Jahr 2012 und der spektakuläre Überfall auf die Pax-Bank im Jahr 2014 gerechnet werden. Die mutmaßlichen Täter gehören der linksautonomen Hausbesetzerszene in der spanischen Stadt Barcelona an.

Für die Überfälle aus den Jahren 2012 und 2014 werden auch die Anarchistin Lisa D. und ihr Komplize Soares N. verantwortlich gemacht. Beide befinden sich in deutscher Untersuchungshaft und warten auf ihren Prozess vor dem Aachener Landgericht.

Als erste Angeklagte musste sich am Freitag Lianne Z. vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts verantworten, deren Vorsitz Richter Matthias Quarch inne hat. Zum Prozessauftakt hatte sich vor dem Portal des Landgerichts eine Reihe von Sympathisanten aus der linksautonomen Szene eingefunden – mit Transparenten zur Unterstützung der Häftlinge.

Das Publikum im Gerichtssaal, das ebenfalls der linken Szene zuzurechnen ist, nahm Richter Quarch in seiner verbindlichen Art von Beginn an mit und damit wohlweislich Zündstoff aus dem Verfahren. Verhandlungen gegen anarchistische Aktivisten hatten in der Vergangenheit häufig extreme Anforderungen an die Toleranz der Kammern gestellt, die von den politisch Motivierten als verlängerter Arm des Systems gesehen werden. Auch bei Lianne Z. könnte es in dieser HinsichtProbleme geben. Die Beweisführung gegen die Angeklagte wird aus Sicht der Staatsanwaltschaft nicht einfach werden.

Nachdem am Freitag zunächst die Anklageschrift verlesen worden war, startete das Verfahren mit einer kurzen schriftlichen Erklärung der Verteidiger, die einen Kurzlebenslauf der Niederländerin mit elterlichen Wurzeln in Brunssum und Amsterdam schilderte, zur Sache jedoch werde sie, so ihre Anwälte Maria Marten und Karl-Christoph Bode zunächst nichts sagen.

Z. wird vorgeworfen, morgens vor der Öffnung der Bank mit zwei Komplizen am Seiteneingang in einer Gasse auf die erste Angestellte gewartet und diese überwältigt zu haben. Um den Tresor öffnen zu können, wartete man auf die zweite Angestellte, beide wurden mit Waffen bedroht, die echt aussahen, allerdings Schreckschusspistolen waren. An einer solchen Pistole fand die Polizei DNA-Spuren von Lianne Z. und schrieb sie daraufhin zur EU-weiten Fahndung aus.

Hier beginnt nun ein Stück Prozessgeschichte, das äußerst ungewöhnlich ist. „Weil es Missverständnisse und Ungenauigkeiten in der Öffentlichkeit gab, werde ich dies nochmals genau schildern“, kündigte Richter Quarch an.

Nachdem die Angeklagte Anfang 2015 an der griechisch-bulgarischen Grenze festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert wurde, bekam die 5. Große Strafkammer am Aachener Landgericht im Oktober 2015 planmäßig den Fall übertragen. Für die Kammer aber schien die Beweislage so dünn, dass die Richter das Verfahren nicht eröffneten – und den Haftbefehl wieder aufhoben.

Lianne Z. „konnte sich frei bewegen“, stellte Quarch unmissverständlich fest. Das tat sie auch und fuhr zurück in ihre Heimatstadt Amsterdam. Die Aachener Staatsanwaltschaft wandte sich an das Kölner Oberlandesgericht, das die Entscheidung revidierte und ans Landgericht zurückverwies. Jetzt wurde das gegenwärtige Gericht, die 6. Große Strafkammer, zuständig. Auch hier sollte es zunächst keinen Haftbefehl geben, da sich die Angeklagte freiwillig dem Verfahren aussetzen wollte. Doch auch das lehnten die Kölner Richter ab, Lianne Z. musste wieder in U-Haft und stellte sich.

Vor diesem Hintergrund darf man gespannt sein auf die Ankündigung der Verteidigung, dass die Studentin der englischen Sprache und Kultur zwei sogenannte Alibi-Zeugen beibringen will. Für den übernächsten Verhandlungstag am 22. November haben die Anwälte angekündigt, dass ein Mann aus Kopenhagen anreisen werde, der dann bestätigen soll, dass Z. nicht am Tatort war. Zur Untermauerung dieses Sachverhalts soll es noch einen weiteren Zeugen aus Amsterdam geben.

Der Prozess wird am 17. November im Saal A.020 des Landgerichts fortgesetzt.

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