Aachen/Bonn - Interview: Was Einfachheit im Umgang mit Medien bedeutet

Interview: Was Einfachheit im Umgang mit Medien bedeutet

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Das einfache Leben: Sowohl im realen als auch im digitalen Umfeld soll es möglich sein, Foto: Colourbox
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Sabria David vom Slow Media Institut in Bonn. Foto: Annette Schwindt

Aachen/Bonn. Einen Gang zurückschalten und sich auf das Wesentliche besinnen – dazu soll der Tag der Einfachheit aufrufen. Gewidmet ist er dem Schriftsteller und Naturwissenschaftler Henry David Thoreau, der dafür plädierte, das einfache Leben in der Natur zu reflektieren.

Im Gespräch mit Kristina Toussaint erklärt Sabria David, Mitbegründerin des „Slow Media Institutes“ („Institut für langsame Medien“), was Einfachheit im Umgang mit Medien bedeutet.

Inwiefern findet sich die von Henry David Thoreau gemeinte Einfachheit im Konzept von Slow Media?

David: Einfachheit heißt auch Reduzierung auf das Adäquate und Sinnvolle – und das lässt sich durchaus auf das Konzept von Slow Media anwenden. Dabei geht es darum, dass die Antwort auf immer mehr nicht automatisch noch mehr ist, sondern vielleicht gerade ein verringerter oder konzentrierter Konsum, der bewusster, weniger reflexhaft ist.

Eine Spiegelreflexkamera ist schwerer zu bedienen als eine Handy-Kamera - trotzdem erfreuen sich „alte“ Medien großer Beliebtheit. Machen es uns die meisten neuen Medien nicht einfacher?

David: Das Problem ist, dass sie es uns nur auf den ersten Blick viel einfacher machen. Wir sprechen dabei von der „Convenience Falle“. Dadurch dass es so einfach ist, machen wir so viel damit – und produzieren uns nach hinten raus dann wieder viel mehr Arbeit. Wenn Sie zum Beispiel früher Fotos per Hand geschossen haben, mussten Sie auf die Belichtung achten und hatten eine bestimmte Anzahl von Filmen dabei. Im Urlaub haben Sie dann eben nicht alles fotografiert, was Ihnen vor die Nase kam. Heute hat man Tausende von Fotos auf dem Handy und kann die Bilderflut gar nicht mehr bewältigen – man macht sich also selbst viel mehr Arbeit. Ein anderes Beispiel ist die E-Mail: Die ist schnell geschrieben, kostet kein Porto, Sie können große Datenmengen verschicken und zehn Leute in CC setzen – natürlich ist das einfacher als früher. Dadurch kommt es aber auch dazu, dass Berufstätige im Büro im Schnitt täglich 40 E-Mails bekommen, von denen viele im Endeffekt überflüssig sind. Durch diese Einfachheit fällt also auch die Priorisierung weg.

Sie sagen, dass unser Umgang mit Medien sich nicht so rasant entwickelt wie die Medien selbst. Müssen wir die Entschleunigung unserer Mediennutzung noch lernen?

David: Ich stelle fest, dass es besonders akut wird gerade und dass das Bewusstsein dafür, nicht einfach mit dem Strudel mitzuschwimmen, sondern seine Kulturtechniken anzupassen, gerade jetzt erst präsent wird. Es ist ja immer so, dass die Kulturtechnik sich erst im Umgang mit der Technik entwickelt. Viele merken jetzt, dass es eben nicht viel Sinn ergibt, wenn man so viele E-Mails bekommt, dass die wichtigen einen überhaupt nicht mehr erreichen. Das ist eine neue Entwicklung. Ich stelle fest, dass dieses Bewusstmachen gerade erst am Anfang ist, obwohl man schon mittendrin steckt in der neuen Technik.

Wie kann das jeder für sich selbst konkret angehen?

David: Das wichtige ist, sich bewusst zu werden, dass man selbst die Verantwortung übernimmt. Wir haben in den letzten Jahren ein bisschen die Kontrolle der Technik überlassen. Man muss sich als Mediennutzer bewusst werden, dass man selbst den Hut aufhat – und dann von diesen großartigen Möglichkeiten, die das Netz bietet, das nutzen, was man in dem bestimmten Moment gerade haben will. Dass man selbst hoheitsvoll und souverän damit umgeht. Es geht bei unserem Ansatz ja nicht darum, neue Medien zu verteufeln, sondern sie so zu nutzen, wie es für einen selbst gut ist.

Bei Slow Media geht es nicht nur darum, wie wir Medien nutzen, sondern auch, wie sie produziert werden. Worauf gilt es dabei zu achten?

David: Unser Ansatz beschreibt, dass die Trennung zwischen Autor und Leser gar nicht mehr da ist. Im digitalen Zeitalter sind wir alle Mediennutzer und Medienproduzenten, sei es in Blogs oder in den Diskursen in quasi-mündlichen Formaten auf Twitter und Facebook. Das ist auch etwas, mit dem Verlagshäuser zum Teil Schwierigkeiten haben. Auch auf der reinen Produzentenseite ist das also ein Thema: Wie produziert man Medien so, dass sie Konzentration und Versenkung fördern – und nicht diese schnelle, unreflektierte Verbreitung, die auch wieder Nährboden für Fake News bietet. Wenn jeder Tweet von Trump einen Nachrichtenwert für die Qualitätspresse darstellt, hat das vielleicht gleichzeitig eine Wirkung, die man gar nicht erzielen will.

Slow Media sollen auch nachhaltig und qualitativ hochwertig sein. Das macht es aufwendiger, sie zu produzieren – nicht einfacher. Wieso lohnt sich dieser Aufwand?

David: Ich glaube, dass journalistische Qualität sich lohnt, weil man gerade im Massenmedienzeitalter zum Beispiel als Zeitungshaus mit rein digitalen Newsfeeds ohnehin nicht konkurrieren kann. Deshalb wäre es gerade jetzt an der Zeit, sich auf das „alte Handwerk“ zu besinnen. Das schätzen Leser auch wert. Wenn man den Vergleich zu Fast Food und Slow Food zieht, sieht man, dass es immer einen Markt gibt für gut gemachte, ernsthafte Sachen.

 

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